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Weltzeit | Beitrag vom 20.08.2020

Bildung in ArgentinienVom Slum-Kind zum Arzt

Von Francisco Olaso

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Bruno Segovia auf einer Aufnahme von 2014. Er steht im blauen Kittel im Treppenhaus der Fakultät. (Francisco Olaso)
Bruno Segovia in der Eingangshalle der medizinischen Fakultät in Rosario. Dass er es bis dorthin geschafft hat, gleicht einem Wunder. (Francisco Olaso)

Der Lebensweg im Slum in Argentinien scheint vorgezeichnet: Man bleibt arm, wird kriminell - oder Fußballstar. Bruno Segovia wollte sich damit nicht abfinden. Heute ist er Arzt. Er hat für seinen ungewöhnlichen Bildungsweg einen hohen Preis bezahlt.

Es ist Mittwoch, kurz vor acht, und es riecht schon nach Frühling. Bruno Segovia betritt die Eingangshalle der medizinischen Fakultät in Rosario, Argentiniens drittgrößter Stadt. Das Unigebäude sieht aus wie ein Palast, ein etwas heruntergekommener allerdings. Dozenten und Studenten verlieren sich in den Gängen. Vor der Aula warten Erstsemester. 

Eine Hütte aus Presspappe ist Brunos Zuhause 

Bruno ist 28 Jahre alt und im vierten Studienjahr. Jetzt ist er Arzt im Praktikum und trägt einen blauen OP-Anzug für das Seminar in Klinischer Medizin. In der ersten Stunde analysiert der Kurs einen konkreten Fall.

"Wir diskutieren die Daten, die uns der Arzt präsentiert, und stellen eine Diagnose. Heute sehen wir uns einen Fall von Herzschwäche an. Anschließend gehen wir rüber ins Krankenhaus und sehen uns den Patienten an." 

Als Bruno dieses Gebäude zum ersten Mal betrat, war auch Frühling. Das war vor acht Jahren. Er hatte die Nacht im Bus verbracht. Von Corrientes nach Rosario sind es 700 Kilometer.

Das Zuhause, das er zurückließ, war eine Einraumhütte aus Presspappe, die er zusammen mit seiner Mutter und zwei Geschwistern bewohnte. Die "Villa", so heißen Elendsquartiere am Rande argentinischer Großstädte, stand bei starkem Regen häufig einige Tage unter Wasser. Dann flüchteten sich die vier aufs Bett. Von Strommasten an der einen Kilometer entfernten Asphaltstraße führte ein Kabelgewirr zu den Hütten.

Für Bruno war es die erste Reise in eine andere Provinz. In Rosario kannte er niemanden. Er hatte dreihundert Pesos in der Tasche. Geld, das Freunde für ihn gesammelt hatten. Und er spürte einen stechenden Schmerz in der linken, geschwollenen Hand. Eine Infektion hatte zwei Finger zusammengeklebt.

"Ich stand da draußen, staunte das imposante Gebäude an und freute mich, dass ich zu den Studenten gehören sollte. Dann reihte ich mich in die Schlange ein und wartete darauf, mich einschreiben zu können. Meine Hand hielt ich die ganze Zeit in der Tasche, so wie jetzt. Heute weiß ich, dass das riskant war. Aber es war zehn Uhr und um elf würde das Büro schließen. Ich hatte nur ein Ziel: die Zeugnisse vorzulegen. Ich hatte nicht all die Nerverei auf mich genommen, um jetzt zu spät zu kommen."

Keine Unterstützung, kein Stipendium

Ein paar Tage zuvor hatte starker Regen in der Hütte einen Kurzschluss verursacht. Bruno bekam einen Schlag und hatte das Gefühl, fünf, sechs Sekunden am Radio festzukleben. Heute weiß er, dass sich in so einer Situation alle Muskeln verkrampfen und man nur noch die Augäpfel bewegen kann. Heute weiß er auch, dass Elektrizität eine innere Verbrennung in seiner Hand verursacht hat. Sein Bruder betätigte schließlich den Schalter und rettete ihm das Leben.

Eine Frau fährt mit dem Fahrrad an der Schule von Fussbalstar Lionel Messi in Rosario in Argentinien vorbei, auf deren Fassade ein Fussball-Mural gemalt wurde, aufgenommen im April 2018. (picture alliance/AP Photo/Natacha Pisarenko)Ein Mural zu Ehren Lionel Messis in Rosario: Viele Villa-Bewohner versuchen sich mithilfe des Fußballs aus ihrem Elend herauszukämpfen. (picture alliance/AP Photo/Natacha Pisarenko)

Die Vorurteile der argentinischen Mittel- und Oberschicht gegen die Bewohner der "Villas" lauten: faul, grob, gewalttätig. Wer nicht von der Polizei erschossen wird oder im Gefängnis landet, wird Altpapiersammler, Maurer oder Putzfrau. Viele versuchen sich nach dem Vorbild Diego Maradonas mit Fußballerfolgen aus dem Elend herauszukämpfen. Aber Bruno war schon als Kind sehr wissbegierig und bat seine Mutter, ihn auf eine Schule außerhalb der "Villa" zu schicken. Egal, ob es brütend heiß war oder aus Kübeln goss, er marschierte unverdrossen jeden Tag eine Stunde zu Fuß zur Schule und eine zurück.

Ins Hospital Centenario in Rosario kommen Patienten, die nicht krankenversichert sind und sich keine Untersuchung leisten könnten. Hier machen Studenten in höheren Semestern ihre ersten Schritte als angehende Ärzte. Als Bruno vor acht Jahren mit seiner entzündeten Hand vorstellig wurde, musste ein Chirurg gerufen werden, der seine Finger trennte und den Eiter mit einer Spritze absaugte, da das Antibiotikum keine Wirkung zeigte.

Die argentinische Gesellschaft war jahrzehntelang stolz darauf, dass Kinder von Arbeitern an den staatlichen Universitäten, die immer noch kostenlos sind, Akademiker werden konnten. Aber heute sind die Aussichten schlecht. Von den 82.000 Studierenden an der Staatlichen Universität Rosario bekommen nur zehn Prozent Stipendien von 90 Dollar im Monat, bestenfalls. Ein Drittel der Studenten muss nebenher arbeiten und das Studium dann oft aufgeben.

Dass heute ein Junge aus einem Armenviertel nur noch zwei Jahre bis zum Studienabschluss benötigt, ist ebenso außergewöhnlich wie erstaunlich. Bruno wurde zweimal ein Stipendium verweigert. Vom ersten Studientag an verlor er viel Zeit und Energie, weil er keine Unterstützung bekam.

"Ich ging zur Tür raus und sagte: Was zum Teufel mache ich jetzt? Ich hatte nichts als 300 Pesos und eine kleine Tasche. Also klapperte ich die Pensionen ab und fragte, ob sie mir Aufschub geben könnten. Ich würde bezahlen, wenn ich einen Job hätte. "Nein, nein, nein." Weil sie sogar Kaution verlangten, lief nichts. Also verbrachte ich einige Tage am Busbahnhof."

Schlafen im Busbahnhof

Rosario ist Verkehrsknotenpunkt zwischen dem 300 Kilometer entfernten Buenos Aires und Nordargentinien. Der Busbahnhof liegt nur 500 Meter von der medizinischen Fakultät entfernt. Hinter der scheinbaren Normalität des Busbahnhofs von Rosario verbirgt sich eine andere Welt. Laut einer Umfrage übernachten hier jede Nacht mehr als 70 Personen. Bruno musste schon im Alter von zehn Jahren auf der Straße schlafen.

"Ich habe oft auf der Straße geschlafen und - wenn es kalt war - einen Hund umarmt. Das ist üblich. Ich erinnere mich, dass ich wegen der Gewaltausbrüche meiner Mutter von zu Hause weggelaufen war und in einem Schuppen oder einem Neubau Unterschlupf fand. Da war ein Obdachloser, der in diesem Schuppen schlief, und ich, zusammengekauert in einer Ecke, barfuß, mit T-Shirt und in Shorts, fror erbärmlich. Und da war ein Hund. In dieser Nacht umarmte ich den Hund. Durch die Thermodynamik wird der Temperatur zwischen beiden Systemen immer ausgeglichen."

Bruno Segovia sitzt im Warteraum einer Busstation. (Francisco Olaso)Bruno Segovia in der Busstation Rosario - eine Zeit lang musste er hier übernachten. (Francisco Olaso)

Der Busbahnhof ist für die, die ihn als Nachtquartier nutzen, ein sicherer Ort, findet Bruno, weil immer Polizei da ist. Aber alle, die sich hier nachts aufhalten, riechen nach Einsamkeit und Scheitern.

"Auf einem der Metallstühle da habe ich früher geschlafen. Da saß ich mit meinem Rucksack als Kissen. Ich bin immer wieder eingenickt, aufgewacht, insgesamt schläft man nicht viel. Ich ruhte mich aus, ging zum Seminar, setzte mich auf einen Spielplatz. Einmal war ich so fertig, dass ich anfing zu weinen und sagte: 'Ich kann nicht mehr', erinnert sich Bruno.

"Der Hunger und die Obdachlosigkeit quälten mich. Ich sagte mir, dass ich die Universität verlassen muss, um zu arbeiten. Aber was hätte das Ganze dann für einen Sinn gehabt? Und dann am nächsten Tag im Seminar musste ich wieder ein freundliches Gesicht machen, während ich darüber nachdachte, wie ich mir später etwas zu essen besorge."

Arbeit und Hunger, Hunger und Arbeit

Erinnerung. Zwei Uhr morgens. Die meisten der 70 Mieter der Pension schlafen. Bruno setzt seine Kopfhörer auf. Das Handy steckt er wieder in die Tasche. Er fängt im zweiten Stock an. Er wischt den Flur mit einem feuchten Lappen. Es riecht nach Putzmittel. Dann kommen die Toiletten und Duschen dran. Im Erdgeschoss gibt es außerdem noch zwei Küchen.

Im leeren Foyer beleuchten die blinkenden Kerzen eines Plastik-Weihnachtsbaumes ein Plakat mit guten Wünschen für das Jahr 2015, das in wenigen Tagen beginnen wird. Die Pension Hostel de Lagos liegt drei Blocks von der medizinischen Fakultät entfernt. Ihr Besitzer war der Einzige, der Ende 2011 meinte, Bruno könnte bleiben und zahlen, sobald er einen Job findet.

Zwei Jahre später, als Bruno sein Studium wieder unterbrechen musste, weil sich Arbeit und Studium nicht vereinbaren ließen, machte er ihm ein Angebot: Wenn er die Pension täglich außer sonntags putzt, braucht er keine Miete zu zahlen und bekommt obendrein ein bisschen Taschengeld. Bruno schlug ein. Um zu studieren, opferte er Schlaf. Der Hunger begleitete ihn trotzdem weiter.

Bruno besteht die noch ausstehenden Prüfungen für das erste und zweite Studienjahr dank eines strikten Arbeitsplans. Morgens Uni, ein paar Stunden Mittagsschlaf, nachmittags nochmal Uni, nachts bis zwei einige Stunden lernen und dann nochmal ab sechs Uhr morgens, wenn er mit dem Putzen fertig ist.

Als die Pension den Besitzer wechselt, ist Schluss mit dem Putzjob. Bruno musste das Studium unterbrechen, weil das Geld vorne und hinten nicht reichte. Tagsüber kellnerte er, arbeitete in einem Kiosk und pflegte nachmittags und nachts einen älteren Herrn in dessen Wohnung. Als der 2016 starb, bat dessen Sohn ihm an, bei ihm einzuziehen und die Miete zu teilen. Jetzt lebt Bruno schon seit vier Jahren bei José: zwei Zimmer, Küche, Esszimmer, Bad und ein kleiner Hof, drei Hunde -  für Bruno ein Palast.

"Wenn ich studiere, kann ich mein Leben ändern"

Niedrige Backsteinhäuser und zwei Fabriken säumen die Straße, in der Bruno wohnt. Sechs Blocks weiter beginnt ein Armenviertel mit einem Netz von schmalen, nicht asphaltierten Gassen. Die führen an Zäunen und Wänden aus Blech entlang, daneben Gräben, um das Regenwasser abzuleiten. So ungefähr sah die Villa aus, in der Bruno als Kind ausgeliehene Bücher über Biologie, Chemie und Anatomie verschlang.

Gangs hatten dort ihre Reviere abgesteckt. Eines Nachts ging Bruno durch die falsche Gasse, erhielt einen Schlag auf den Kopf und verlor das Bewusstsein. Er kam blutend und ohne seine neuen Schuhe nach Hause.

"Wenn man sich einer Bande anschließt, ist die Karriere vorgezeichnet: Drogen, Diebstahl, Verbrechen. Aber meine Bestimmung war zu lernen. In der Schule habe ich eine Klasse übersprungen. 'Wenn ich studiere, kann ich mein Leben ändern.' Das hatte sich in meinem Kopf festgesetzt. Das Studium würde mich aus dieser Situation rausholen. 'Ey, schließ dich uns an!', forderten Gang-Mitglieder. Ich wollte mich aber auf nichts einlassen, was mir die Zukunft ruinieren würde, und versuchte, mich so weit wie möglich rauszuhalten. Die Folge war: Ich musste Wegegeld zahlen."

Das Zimmer mit Bücherregal, Tafel, Tisch und Notebook, war 2016 für den damals 24-jährigen Medizinstudenten aus dem Slum das erste eigene Zimmer seines Lebens. Es war das Zimmer von Josés Vater.

Seinen eigenen Vater hat Bruno seit seiner Pubertät nicht mehr gesehen. Er hatte noch eine andere Familie in einem anderen Viertel von Corrientes und besuchte ihn in seiner Kindheit nur sporadisch. Auch mit seiner Mutter, die ihren Lebensunterhalt als Haushaltshilfe verdient und immer noch in der Villa lebt, hat Bruno keinen Kontakt mehr. Sie fühlt sich verraten, weil er nach Rosario gegangen ist. Seine Instagramseite heißt contenidomédico.bruno. Dort lädt er Tutorials zu komplizierten Prüfungsthemen hoch. Die vierminütigen Videos sind bei Erstsemestern beliebt.

Abgrundtiefe Ablehnung, aber auch Solidarität

"Dies ist mein Studierzimmer und hier mache ich auch die Videos und Tutorials für den Grundkurs. Hier verbringe ich viele Stunden, manchmal kommt ein Freund und wir üben, stellen Diagnosen. Für mich ist das ein Zufluchtsort, ich komme von der Uni und schließe mich hier ein. Man braucht Privatsphäre. Und die habe ich hier in Josés Wohnung bekommen. Er hat mir Bücherregale und eine Schiefertafel zur Verfügung gestellt und mir den Tisch zum Geburtstag geschenkt."

Ein Gymnasiallehrer in Corrientes behandelte ihn wie einen Aussätzigen. Ein anderer lieh ihm Bücher. Ein Professor in Rosario reagierte erschüttert, als Bruno ihm erzählt, dass er aufgeben muss, weil er Studium und Arbeit nicht mehr vereinbaren kann. Ein anderer konnte seine Freude kaum verbergen. Bruno Segovias Bildungslaufbahn ist gekennzeichnet durch Gesten der Ablehnung, aber auch der Solidarität.

"Ich als Slumbewohner habe es trotz meiner Herkunft geschafft, mich an einem Ort zu etablieren, von dem es hieß, ich würde da nicht hinpassen. 'Dieser Slumbewohner wird nie studieren wie die anderen.' Ich weiß nicht, woher dieses Denken kommt. Ich studiere leidenschaftlich gerne, aber ich höre noch diese Sprüche in meinem Kopf . 'Das kannst du nicht! Das ist nichts für dich! Mach lieber was anderes! Du wirst es keine zwei Jahre durchhalten.' Das ist der andere Teil, der mich antreibt. Zu 50 Prozent treibt mich der Spaß am Studium an und zu 50 Prozent Trotz. Ich will es all' denen zeigen, die gesagt haben, ich würde das nicht schaffen."

An der Universität macht er weiter mit den Instagram-Tutorials. Und seit Anfang des Jahres bietet Bruno Nachhilfekurse an, in denen er schwierige Prüfungsthemen erklärt. Die Plätze für die zweiwöchigen Seminare sind in wenigen Tagen ausgebucht. Er mietet stundenweise einen Unterrichtsraum im Zentrum. Er verdient doppelt so viel wie mit seinen früheren Jobs und kann sich die Zeit selbst einteilen.

"Heute geht es darum, wie das Bild in der Netzhaut entsteht. Kein leichtes Thema. Da viele Seminare an der Uni wegen Streiks ausfallen, wissen die Studenten nicht, wie sie sich das Wissen beschaffen sollen. Youtube allein reicht nicht. Ich bastele mir meine Power Points zusammen, wie ich es für richtig halte, und gebe das so weiter. Für mich ist wichtig, dass sie mich verstehen. Der größte Lohn ist, wenn sie sagen: 'Jetzt habe ich es kapiert.' Die, die hier sitzen, empfehlen mich weiter: 'Mach Brunos Kurs, dann checkst du alles!'"

"Niemand muss durchmachen, was ich durchgemacht habe"

In ganz Lateinamerika sorgt soziale Ungleichheit für politische Spannungen. In Argentinien wurde es in den letzten Jahrzehnten immer unwahrscheinlicher, sozialen Aufstieg durch Bildung zu schaffen.

"Ich hatte gar keine andere Wahl als etwas zu leisten. Die Alternative war: ich bleibe in der Villa und gehe drauf oder lande im Knast. Aber ich finde nicht, dass andere Kinder durchmachen müssen, was ich durchgemacht habe. Ich will nicht, dass Jungs so hart arbeiten müssen ohne jegliche Unterstützung. Ich denke, der Staat muss den Zugang zu Stipendien erleichtern, denn es ist heute enorm schwierig, ein Stipendium zu bekommen. Ohne Unterstützung kommt der Punkt, an dem man müde wird und aufgibt."

Bruno will sich auf klinische Medizin und Kardiologie spezialisieren. Die Rolle des Arztes sieht er ganzheitlich, so etwa wie ein Heiler. Als Kind ist er nicht geimpft worden, sein Körper musste selbst für ein Immunsystem sorgen. Als Arzt will er für ein allgemeines Gesundheitssystem kämpfen, das Kindern, die heute so leben wie er früher, eine hochwertige Versorgung bietet.

Eine Frau mit Schirm läuft durch eine regennaße Straße im Elendsviertel Villa 31 zur Zeit des Corona-Ausbruchs in Buenes Aires. (imago / Agencia EFE / Juan Ignacio Roncoroni)HIer herauszukommen ist schwer: Eine Villa - ein Elendsviertel - in Argentinien. (imago / Agencia EFE / Juan Ignacio Roncoroni)

Aber Bruno ist kein Asket, Geld verdienen will er auch. Schon heute kann er sich mit seinen Nachhilfestunden viel mehr leisten als früher.

"Wenn ich so darüber nachdenke, wie ich mich jetzt anziehe, was für Schuhe ich trage, dass ich ins Kino oder einkaufen gehe, dann fühle ich mich überglücklich. Weil ich dachte, dass ich das nie erreichen würde. Ich mag es, keine finanziellen Sorgen zu haben. Wer mag das nicht? Aber eines ist sicher: Ich werde immer mit Menschen aus allen Schichten Kontakt haben. Und ich werde meine Herkunft nie vergessen. Ich bin stolz darauf, aus einer Villa zu kommen. Ich schäme mich nicht dafür, ich bin glücklich darüber."

Hier endet die Geschichte - oder doch nicht?

Brunos Geschichte sollte hier enden. Das Manuskript für das Radiofeature war fertig. Doch dann kommt eine Whatsapp-Nachricht: "Ich möchte dir auch das dunkelste Kapitel meiner Kindheit erzählen."

Wenige Stunden später sitzen wir uns in der Küche seiner Wohnung gegenüber, streifen erst unbedeutende Themen und dann erzählt Bruno, was ihm mit neun Jahren passiert ist. Ein Kumpel seines älteren Bruders, der damals um die 18 war, überraschte ihn allein zu Hause, schloss die Tür ab und vergewaltigte ihn. Der sexuelle Missbrauch wiederholte sich ein halbes Jahr später, als der Kumpel seines Bruders Bruno, als der draußen spielte, erneut erwischte.

"Ich habe Jahre lang gestottert. Ich war traumatisiert. Heute weiß ich das, weil ich es mir mit dem zusammenreime, was sie uns an der Fakultät beibringen. Meine Mutter fing an, sich Sorgen zu machen und fragte: 'Was ist los mit dir? Sag es mir!' Mein Bruder fing an, mich zu fragen: 'Was ist den bloß los?' Aber ich konnte ihnen nicht sagen, was los war. Ich fing an zu stottern und mich im Dunkeln zu fürchten. Klar, beim ersten Mal war es dunkel gewesen."

Mutter und Bruder ahnten, was sie nicht wahrhaben wollten. Bruno bekam keine Unterstützung. Er suchte Zuflucht im Lernen. Erste sexuelle Kontakte waren von den traumatischen Erlebnissen überschattet. Als er in Rosario Taekwondo entdeckte und zu trainieren begann, wurde er lockerer, und die Lektüre von Fachbüchern half ihm vom Kopf her zu verstehen, was mit ihm los war. Der Groll ließ nach und das Stottern verschwand von einem Tag auf den nächsten.

"Ich sehe mich immer als Überlebender. Ich hätte auf alle erdenklichen Arten enden können. Dass es so kommt, wie es jetzt ist, war am wenigsten zu erwarten. Warum erzähle ich das? Ich hatte das Gefühl, dass ich auch den anderen Teil von mir erzählen muss. Bin ich nun eigentlich darüber hinweg oder nicht? Und wenn ich drüber hinweg bin, wieso erzähle ich das nicht? Vielleicht kann es anderen Männern, die missbraucht wurden, Mut machen. Deshalb wollte ich dir die Geschichte zu Ende erzählen. Ich denke, das ist alles, was mich ausmacht. Das bin ich. Da komme ich her."

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