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Lesart / Archiv | Beitrag vom 12.01.2016

Bilderbuch: "Der goldene Käfig"Archaische Suche nach exotischen Vögeln

Von Sylvia Schwab

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Im Abendhimmel startet eine Rabenkrähe von einer Straßenlaterne aus. (picture-alliance/ dpa - Peter Steffen)
Im Abendhimmel startet eine Rabenkrähe von einer Straßenlaterne aus. (picture-alliance/ dpa - Peter Steffen)

Anna Castagnolis "Der goldene Käfig" ist alles andere als ein harmloses Märchen. Auf der Suche nach exotischen Vögeln rollen einige Köpfe. Illustrator Carll Cneut hat für die relativ konventionelle Geschichte beeindruckende Bilder geschaffen.

Vögel sind ein beliebtes Bilderbuchmotiv. Nicht nur, weil sie unterschiedlich aussehen, mal groß und klein, bunt und einfarbig, mit langen und kurzen Beinen oder Schnäbeln sind, sondern vor allem, weil sie fliegen können – was die Fantasie anregt. Das Fliegen steht für Unabhängigkeit, Schwerelosigkeit und Freiheit. In Anna Castagnolis Bilderbuch "Der goldene Käfig" sieht das allerdings anders aus.

Die 1971 geborene Italienerin Anna Castagnoli hat mit "Der goldene Käfig" ein alles andere als harmloses Märchen geschrieben. Der Untertitel "Die wahre Geschichte der Blutprinzessin" deutet schon an, dass es grausam zugehen wird: Valentina, die verwöhnte, einsame und kaltherzige Tochter des Kaisers besitzt unzählige Paar Schuhe, Gürtel und Hüte. Und 101 wunderschöne, seltene Vögel, die sie in 101 riesigen Käfigen hält.

Auf der ganzen Welt müssen ihre Diener Vögel mit ganz speziellen Eigenschaften für sie suchen. Doch Valentinas Wünsche - ein Vogel mit gläsernen Flügeln, einer mit Korallenschnabel und schließlich ein sprechender Vogel - sind nicht zu erfüllen. Die Diener bringen ihr zwar die exotischsten und prächtigsten Exemplare mit, doch dann wird ihnen, weil das Geforderte nicht geliefert wurde, der Kopf abgehackt. "Köpfe rollten Tag für Tag. HACK. HACK, HACK!" Und die herrlichen Tiere werden eingesperrt.

Am Ende siegt das Gute über das Böse

Es ist eine archaische Geschichte von Reichtum und Macht, von innerer Leere und Grausamkeit, Wahnsinn und Unvernunft. Doch ein Junge schafft es schließlich, Valentinas Blutdurst zu stoppen. Er verspricht, ihr den sprechenden Vogel zu besorgen, aber nur unter zwei Bedingungen. Als Valentina zustimmt, kommt er eines Tages mit einem Ei zurück.

Wie die Geschichte genau ausgeht, wird nicht verraten. Nur eines: alles wird gut! Schließlich ist es ein Märchen. Am Ende siegt das Gute über das Böse, es wird keine weiteren Toten geben und keine weiteren Vögel in Gefangenschaft. Und dass dieses Ende auch ein Stück offen bleibt, gibt der Geschichte einen modernen Touch.

Der flämische Illustrator Carll Cneut ist in Deutschland noch kaum bekannt. Doch das wird sich mit diesem Bilderbuch schlagartig ändern. Er hat für die relativ konventionelle Geschichte beeindruckende Bilder geschaffen. Das Federkleid seiner Vögel leuchtet so intensiv orange oder rot, dass man sich nicht satt sehen kann.

Seine armen Diener wirken so verstört oder gehetzt, dass ihre Haltung immer wieder auch komisch anmutet. Und die blutrünstige Prinzessin mit ihren immer neuen Hüten und Schuhen, dem kühlen Blick und den hängenden Schultern wirkt ebenso banal wie böse. Sie kann einem auch Leid tun, ihre Einsamkeit ist mit Händen zu greifen.

Eine erstaunliche Tiefe

Carl Kneuts Bilder entwickeln - ob im dunkel-düsteren Urwald oder in den Innenräumen - eine erstaunliche Tiefe. Sie leben von den unterschiedlichsten Kontrasten: zwischen Hell und Dunkel, sattem Pinselstrich und zarter Linienführung, kleiner Druckschrift und riesiger ungelenker Schreibschrift.

Sie erzählen den Text nicht nach, sondern spinnen ihn weiter, deuten psychologische Hintergründe an und heben ihn auf eine surreal-träumerische Ebene. Die Schönheit der Vögel und die kunstvolle Gestaltung einzelner Szenen bilden das notwendige Gegengewicht zur Grausamkeit der Geschichte.

Ein rätselhaftes, schönes, ja zauberhaftes Bilderbuch, das man sofort wieder vorne aufschlägt, wenn man hinten angelangt ist.

Anna Castagnoli/Carll Cneut: Der goldene Käfig oder die wahre Geschichte der Blutprinzessin
Aus dem Italienischen von Ulrike Schimming
Bohem Press, Münster 2015
48 Seiten, 28,95 Euro, ab 4 Jahren

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