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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.06.2014

Bildende Kunst Große Konzentration und Dichte

Erste Retrospektive des Werkes von Max Uhlig in Magdeburg

Von Carsten Probst

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(picture alliance / ZB / Robert Michael )
Der Maler Max Uhlig (picture alliance / ZB / Robert Michael )

Max Uhlig gehört zu den großen deutschen Malern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Jetzt ist sein Werk in einer ersten Retrospektive im Magdeburger Kunstmuseum "Kloster Unser Lieben Frauen" zu sehen.

Max Uhlig gehört zu den großen deutschen Malern und Grafikern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen gewürdigt und ist in vielen großen, internationalen Sammlungen enthalten.

Dennoch gehört es bis heute zumindest in Deutschland zu den noch immer wenig bekannten. Seine Malerei ist unverwechselbar in ihren ebenso wilden, anarchischen wie zugleich präzisen Strichfolgen und Liniengeflechten, aus denen sich Landschaften oder Figuren herausbilden. Sie vereint abstrakte und figurative Elemente, wirkt gestisch und konzeptuell streng zugleich, sie rührt unmittelbar an in ihrer Kraft und unterwirft sich zugleich doch keiner Einordnung.

"Im Grunde genommen ist es ja ein Farbgitter, was ich übereinanderlege in der Malerei. Die ersten warmen Farben, dann kommt als Antwort eine komplementäre kühle Farbe in hellen Farben, wieder weiter fortgehend in wärmere Farben, wieder komplementär entweder helleres Grün oder dunkleres Grün, je nachdem was mir meine Vorstellung, mein Sujet sozusagen diktiert."

Sagt der heute 77-Jährige über sich, der in seiner Heimatstadt Dresden lebt und arbeitet. Die Magdeburger Retrospektive schlägt einen weiten Bogen von fast fünfzig Jahren der Entwicklung seines Werkes, beginnt mit frühen landschaftlichen Skizzen seit den 60er-Jahren, die sich dann ab 1970 in Uhligs ganz eigene, freie, komprimierte Zeichensprache wandeln.

Zu DDR-Zeiten gehörte Max Uhlig zu den großen Unangepassten, der sein Werk, ähnlich wie Carlfriedrich Claus, Hermann Glöckner oder Gerhard Altenbourg, unterhalb der Toleranzschwelle des offiziellen Kulturapparates entwickelte, dabei auf wenige Freunde und Förderer wie Werner Schmidt beim Dresdner Kupferstichkabinett setzte und sich seinen Lebensunterhalt mit Nebentätigkeiten verdienen musste. Natur und Landschaft bilden in dieser buchstäblich organisch immer weiterwachsenden Formensprache Ausgangspunkte einer immer zunehmenden Verdichtung und Verflechtung der Sujets, Figuren und Porträts erscheinen fern jeder sozialistischen Realistik wie durchdrungen von Landschaft.

"Eigentlich fühle ich mich wie eine Art Architekt, allerdings in eruptiver Form. Ich seh eine Musikalität der Form und der Rhythmen in einer Person und hab die Angst, dass, wenn ich die Sitzung wiederholen muss, dass das nie wieder so kommt, und ich entwickle von innen heraus. Ich entwickle es räumlich, das stimmt, aber Licht und Linearität und Musikalität der Formen spielen eine ganz große Rolle."

Szenen der Zerstörung und der Flucht

Die Gesichter sind keine psychologischen Studien. Auch sie erwachsen aus einem Geflecht der Formen und Farben, hinter denen die persönlichen Züge fast verschwinden. Die Augen sind schwarze Höhlen, die tief nach innen führen, unter die Oberfläche, in der diese Malerei eigentlich beheimatet zu sein scheint, um etwas Inwendiges anzudeuten, ohne innerlich zu sein. Etwas das die Oberfläche durchdringt und sie beherrscht geradezu überschattet. So berichtet Uhlig auch von seiner Kindheit im kriegszerstörten Dresden, den unzähligen Szenen der Zerstörung und der Flucht, die er früh gesehen und aufgezeichnet hat.

"Das ist alles noch drin - ich hab die Fliegerangriffe als Kind ... Da hab ich raus gezeichnet, die ersten Zeichnungen waren Luftkämpfe und so weiter, mit siebeneinhalb Jahren, Rotstift und Schwarzstift, was anderes hatte ich nicht. Das kriegt man nie ganz weg. Aber ich war von Anfang an auch jemand, der nach Menschen - auch als Kind hab ich das schon angefangen: Köpfe zu zeichnen, Figuren zu zeichnen. Das spielte eine Rolle."

Uhligs Lebenswerk mündet in einem Projekt, das zu den größten seiner Art in Deutschland überhaupt gehört: Der Gestaltung von insgesamt dreizehn Glasfenstern der Magdeburger Johanneskirche, die 1945 bei Bombenangriffen auf Magdeburg zerstört wurde und jahrzehntelang ähnlich wie die Dresdner Frauenkirche das Stadtbild prägte. Nach der Wende wurde das einst dreischiffige gotische Gotteshaus wieder aufgebaut und dient inzwischen als Kulturzentrum der Stadt. Luther predigte hier im Jahr 1524 und bewirkte so den protestantischen Umschwung in der Stadt.

Uhlig hat seine Glasfenster ähnlich wie seine Gemälde als zusammenhängende Landschaften konzipiert, wie ineinander geschichtete Flechtwerke aus Farben und Linien, leuchtend farbig an der Südfassade, als Grisaillen in verschiedenen Grautönen im Chor. Erste Eindrücke dieses außerordentlichen Projekts sind in der Magdeburger Ausstellung nun erstmals zu sehen. Ein wogendes, dynamisches Geflecht der Formen, das jedoch noch mit einem entscheidenden Hindernis zu kämpfen hat: Nach dem Auftrag an den Künstler gelingt es der für das Projekt zuständigen Stiftung bislang nicht, die erhofften Spendengelder einzuwerben, wodurch die Realisierung inzwischen ins Stocken zu geraten droht. Vermutlich, so meint May Uhlig, sei den Magdeburgern die Größe des Projektes und seine Bedeutung für die kulturelle Identität der Stadt noch nicht so bewusst geworden, wie einst den Dresdnern mit ihrer Frauenkirche.

"Ich hoffe, dass ich das wirklich ausführen kann. Ich hoffe, dass diese Voraussetzungen geschaffen werden. Ich selber kann sie nicht schaffen. Es muss eine breite Förderung einsetzen der Bürger und auch der Gremien, Institutionen, und auch der örtlichen Industriespitzen, und es muss bürgerschaftlich angenommen werden."

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