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Fazit | Beitrag vom 16.05.2019

Bilanz des Stückemarkts in BerlinNach dem Protest ist vor dem Protest

Von Eberhard Spreng

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„Fall on Pluto“, Projekt von Sashko Brama und Ensemble. (Berliner Festspiele / Foto: Artem Galkin)
"Fall on Pluto" - ein Projekt von Sashko Brama und Ensemble. (Berliner Festspiele / Foto: Artem Galkin)

Von über 360 Bewerbern aus 65 Ländern durften fünf Künstler mit ihren Projekten nach Berlin zum "Stückemarkt" kommen. Bei allen ging es um Protest. Als beste Arbeit wählte die Jury "Estado Vegetal" von Manuela Infante aus und vergab einen Werkauftrag.

Drei Tische, Mikrophone, Manuskripte, Performer. Und ein ziemlich anarchisch skurriler Plot: Das gerne und oft masturbierende Mädchen Pussy Sludge menstruiert Rohöl in den Sümpfen eines Nationalparkes. Die Lesung "Pussy Sludge" der US-Amerikanischen Dramatikerin Gracie Gardner eröffnete den Stückemarkt. Eine surreale Farce um ein emblematisches Phänomen und seine diversen Besucher: Mütter, Freunde, Menschen mit kommerziellen und anderen Interessen, wie die Pfandfinderin Becca:

- "Das hier ist ein einzigartiges Ökosystem. In einem gemäßigten Regenwald sind offenen Ölquellen super selten zu finden."
- "Das hier ist keine offene Ölquelle, das ist mein Vaginalausfluss."
- "Rohölteiche gibt’s hier sonst nicht und die Leute wollen das sehen."
 
"Ich wuchs in der Nähe einer Kläranlage auf; ich war immer verlegen, wenn ich diese Schlammlandschaft sah. Diese Kindheitserinnerung war sicher eine Inspirationsquelle für das Stück. Als ich es aber 2016 in gut drei Wochen niederschrieb, ging es mir dann doch viel mehr um das politische Klima in meinem Land", sagt die Autorin über ihr allegorisches Spektakel für das gesellschaftlich Verdrängte, eine surreale Farce um das weibliche Geschlechtsorgan.

Auseinandersetzung mit N-Wort

Der Start blieb auch weiter US-Amerikanisch: Mit "Vantablack" des schwarzen Autors und Musikers Nazareth Hassan. Der spekuliert in seiner Motivkollage entlang eines zentralen Motivs: Was wäre, wenn die immer wieder vergeblich geforderte Reparationsleistung des weißen Amerika gegenüber seinen ehemaligen Sklaven jetzt endlich erfolgte. In der Aufführung, die aufgrund der schlechter Sicht im Kassenfoyer der Festspiele eher einem life performten Hörspiel ähnelt, ist immer wieder das inkriminierte N-Wort zu hören:

"Cause I'm black nigga I'm dat nigga I'm dat nigga. I'm dat nigga I'm dat nigga I'm dat nigga."
 
Die Stückemarktdirektion hatte dem schwarzen Autor wegen seiner Benutzung des N-Worts einen diesbezüglichen Warnhinweis im Programmheft nahegelegt, aber das wollte Nathareth Hassan nicht:

"Ich werde keinem erklären, warum er das N-Wort nicht benutzen darf. Natürlich steckt in dem Wort eine lange Geschichte. Wer sich dafür interessiert, sollte sich damit auseinander setzen und dann seine eigene Entscheidung treffen. Wo stehst du in dieser Geschichte? Es ist deine Verantwortung, die finstere Vorgeschichte zu bekämpfen oder sie fortzusetzen."

Flüchtlichlingsgeschichten mit Mythenmix

Ein in vielfältige Bilder gebrochene Flüchtlingsgeschichte entwirft der iranische Österreicher Amir Gudarzi, dessen bilderreiche "Burg der Assassinen" von Lastwagenfahrern erzählt, von Nutten und Flüchtlingen, Touristen in den Alpen, Marco Polo, sprechenden Sphinxen, der Burg der Assassinen und dem Alten vom Berge, und vom Berge selbst, der in die Geschichte mit einem Erdrutsch eingreift. Vorgetragen ist der kunstwollende Mythenmix als vierstimmiges Sprechoratorium, zu dem ironisch gemeinte Botschaften zur Entmutigung von Flüchtenden gehören:
 
"Sag ihnen, dass sie nicht dazugehören werden. Sag ihnen nicht, dass sie dazu gehören werden. Sag ihnen, dass wir arm sind, sag ihnen nicht, dass wir reich sind."

Theater, das Denkweisen überwindet

Überzeugender als die Lesungen sind die beiden Gastspiele mit ausgearbeiteten Performances. Mit dem Solo "Estado Vegetal" der chilenischen Künstlerin Manuela Infante, die ästhetisch und schauspielerisch eine eigene Klasse ist: Erzählt wird der Versuch der Anverwandlung an pflanzliche Nerven- und Kommunikationssysteme, ein Theater, das anthropozentrische Denkweisen überwindet.

Das scheint in Zeiten ökologischer Katastrophen dringlicher als die Auswahl der drei Stücktexte, die dem Mainstream der Identitätsdebatten zu folgen schien: Mit dem schwarzen Autor und der Rassismusproblematik, dem iranisch-stämmigen Autor und seiner kulturtriefenden Geflüchtetenparabel und der Autorin einer ironisch feministischen Selbstfindungsfarce.

Der unausweiliche Tod

Aber dann gab es am Ende der ukrainischen, auf Recherchen in einem Altersheim basierenden Performance "Fall on Pluto" ein einfaches, schönes, im Spiel erschlossenes Schlussbild über den tragisch alternden Menschen und seinen unausweichlichen Tod:
 
Da befreien sich die Performer von ihren lebensgroßen Puppen, so als legte die ewig junge Seele die sterbliche Hülle des Körpers ab. Ansonsten aber ein sprachtechnisch schlecht vorbereitetes Gastspiel, mit hektisch dahinpulsender Übertitelung, der man nicht folgen kann.
 
Der Stückemarkt hat auch mit seiner nun global aufgestellten Auswahl immer noch ein ungelöstes Problem: Was verbindet die fertigen Gastspielperformances - eine ist zwei Jahre alt – mit den provisorischen Stückelesungen? Und was versteht das Publikum von den in der Regel englischen Sprachkunstwerken? Die Debatte um das Format "Stückemarkt" kann weitergehen, vorausgesetzt dessen Zukunft interessiert noch irgendwen.

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