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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 10.09.2015

BienensterbenBienen als Umweltdetektive

Von Susanne Billig

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Eine Honigwabe mit Arbeitsbienen (picture-alliance/ ZB)
Eine Honigwabe mit Arbeitsbienen (picture-alliance/ ZB)

In Deutschland stirbt jährlich fast ein Viertel aller Bienenvölker, über die Ursachen wird diskutiert. Imkern reicht das nicht - sie wollen konkrete Lösungen finden. Eine solche Lösung wird derzeit von Neurobiologen getestet: Die Tiere werden zu Umweltspähern.

Wenn es Sommer ist, summt und brummt es auf Wiesen und Äckern. Tut es das wirklich? Seit einigen Jahren ereignet sich ein dramatisches Szenario: In Deutschland stirbt jährlich fast ein Viertel aller Bienenvölker. In den USA sieht es noch viel dramatischer aus. Theorien über die Ursachen gibt es viele. Aber auch Versuche, konkrete Lösungen zu finden für den Imker vor Ort. Eine solche Lösung wird derzeit von Neurobiologen der Freien Universität entwickelt und getestet. Noch befindet sich das System in der Beta-Phase - aber sollte es Anwendungsreife erlangen, könnte es wohl für Imker, für Bio-, Obst- und Gemüsebauern, aber auch für Umweltschützer und die Hersteller von Pflanzenschutzmitteln große Bedeutung erlangen.

Thomas Radetzki: "Wenn ich mich an die Flugfront bei den Bienen setze, also da vergesse ich den Rest der Welt. Da kehrt eine Stille ein und man sieht, wie die Bienen kommen, schwer beladen mit Blütenstaub, mit diesen leuchtenden Pollenhöschen, von gelb über grün, rot, unglaubliche Farben, bis hin zu schwarz, wenn Sie dann den Nektar eindünnen und zu Honig verarbeiten - was da für eine Luft rauskommt, das können Sie trinken, das ist unglaublich." 

Thomas Radetzki ist Imkermeister und Fachmann auf seinem Gebiet: dreißig Jahre lang Vorsitzender des Vereins Mellifera für ökologische Bienenhaltung, Tierseuchen-Sachverständiger, Mitglied im Prüfungsausschuss für konventionelle Imker - und eigentlich ein nüchterner Mann.

Radetzki: "Der Bienenstock steht bei mir zu Hause auf dem Balkon, weil ich da flottes DSL hab!"

Die Balkon-Bienen des Imkermeisters sind Teil eines Forschungsprojektes: Die Insekten sollen die weltweit ersten Umweltspäher werden - dank einer visionären Technik in der Erprobung. Eine Handvoll Imker in ganz Deutschland hat gemeinsam mit Forschern ganz normale Bienenstöcke mit ausgeklügelten Messsonden ausgestattet, zeichnet die elektrischen Felder in den Bienenstöcken auf und schickt riesige Datenmengen an die EDV der Freien Universität Berlin. Hintergrund der Arbeiten ist das alarmierende Bienensterben.

2006 begann in den USA ein Kollaps der Bienenvölker, mancherorts starben bis zu neunzig Prozent - mit massiven wirtschaftlichen Folgen: 1,3 Millionen Bienenvölker braucht allein die Landwirtschaft Kaliforniens, um ihre Plantagen zu bestäuben; es geht um eine Milliarden-Industrie. In Europa ist die Situation weniger dramatisch, weil der Stress einer hoch industrialisierten Bienenhaltung fehlt. Aber auch hier sterben die Bienen. Warum? Liegt es an Handystrahlen? An Gentechnik-Pflanzen, dem Klimawandel oder Sonnenwinden? Als größte Bedrohung gilt meist die aus Asien eingeschleppte Varroamilbe.

Radetzki: "Wir haben eine klare Korrelation zwischen Winterverlusten und dem Maß des Varroa-Befalls. Das ist aber keine kausale Beziehung! Die Frage ist, woran gehen die Bienen eigentlich zugrunde? Da gibt es inzwischen eine Reihe hochsignifikante Ergebnisse von Studien, die zeigen, dass durch die Anwendung von Pestiziden, insbesondere Neonicotinoiden, die Empfindlichkeit gegenüber diversen Erregern drastisch steigt. Und da ist das Problem!"

Pestizide sind vielleicht eine Ursache des Bienensterbens

Neonicotinoide - hochwirksame Nervengifte gegen Insekten und, zugelassen in über hundert Ländern, eine der wichtigsten Geschäftssparten der Pflanzenschutzmittel-Industrie. Doch immer mehr Forscher warnen: Bereits geringe, nicht tödliche Mengen der Pestizide beeinträchtigen Lernvermögen, Orientierungsfähigkeit, Fortpflanzungsrate und Lebensdauer von Honigbienen so stark, dass das Bienensterben hier vielleicht seine Ursache hat. Tatsächlich haben Behörden in den USA und der EU - teilweise und vorübergehend - Verbote erlassen. Mehrere Unternehmen klagen dagegen und gleichzeitig sind die Gifte bei tausenden von Freizeitgärtnern noch immer beliebt - wer soll die alle kontrollieren? Hier haben sie ihren Auftritt: die Bienen als Umweltspäher. Der Neurobiologe Professor Randolf Menzel von der FU Berlin:

Randolf Menzel: "Wir haben gefunden, dass tatsächlich diese soziale Kommunikation sehr sensibel auf solche Neonicotinoid-Belastungen reagiert. Und wir haben ein Messsystem dafür, mit dem wir diese sozialen Kommunikationssignale relativ leicht im Ganzen erfassen können; und nun kann man sogar sagen, aha, also es muss an den und den Stellen sein, wo jetzt zum Beispiel Raps ist oder eine Obstplantage gespritzt worden ist und dergleichen." 

Der Schutzpanzer von Insekten ist ein isolierendes Material. Bienen laden sich durch die Luftreibung beim Fliegen elektrostatisch auf und bei ihren Schwänzeltänzen daheim im Bienenstock ändern sich ihre Ladungszustände, wie die Forscher nun messen können. Der Clou dabei: Weil Neonicotinoide die Bienen-Tänze beeinträchtigen - die Tiere werden ungenau, brechen den Tanz zu früh ab oder lassen ihn ausfallen - haben die Forscher auf diese Weise ein Warnmess-System für eine Pestizidbelastung in der Hand. Noch muss die Datenauswertung optimiert werden, auch fehlt ein mobiles Mess-System für den Imker im freien Feld. Doch wenn das System steht, kann es für Wirtschaft und Umwelt wichtig werden: Biobauern hätten die Bienen als Beweis, dass ihre Felder frei von Neonicotinoiden sind - oder umgekehrt: dass ihr Nachbar die Substanzen ausbringt.

Menzel: "Ein Berufsimker könnte ein, zwei Völker mit solchen Sonden ausstatten und hätte ein Dokument - ohne dass er auf die Aussagen der Bauern oder sonstwie angewiesen ist - zu sagen: Also ich habe hier keinen belasteten Honig. Andererseits, wenn er mit einem Plantagenbesitzer vereinbart hat, er spritzt nicht, und plötzlich spritzt er doch, ohne dass er es ihm mitteilt - dann würden ihm das seine Bienen mitteilen." 

Radetzki: "Die Bienen wissen in der Landschaft Bescheid wie niemand anders, nehmen jegliche Störung und eben auch Belastung mit Pestiziden wahr - und dass wir in der Fläche Umweltspäher haben und flächendeckend zu einer realen Zeit sofort eine Meldung kriegen: Das ist genial."

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