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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.07.2012

Biedere Träume

"Peer Gynt" von Henrik Ibsen bei den Salzburger Festspielen

Von Christoph Leibold

Ingvar E. Sigurdsson (Peer Gynt) und Froydis Arntzen Dale (Braut) in der Inszenierung von Irina Brook. (picture alliance / dpa /APA Barbara Gindl)
Ingvar E. Sigurdsson (Peer Gynt) und Froydis Arntzen Dale (Braut) in der Inszenierung von Irina Brook. (picture alliance / dpa /APA Barbara Gindl)

Ibsens Peer Gynt erfindet sich lügend die Welt, seine Reisen kommen einem Traum gleich. Doch bei den Salzburger Festspielen kommt der Traum hölzern rüber, das Stück wird verkitscht, die Schauspieler wirken bieder.

Ibsens Peer Gynt, das ist ein Theaterfigur durch und durch. Einer, der sich lügend seine Welt erfindet und dessen abenteuerliche Reise zu den Trollen, durch die Wüste und über die Weltmeere einem einzigen fantastischen Traum gleichkommt. Und was täte das Theater anders als das: Welten aus dem Nichts schaffen, lügend, gaukelnd, erfindend, träumend.

Irina Brooks Theater ist von der Art, das die Lügen offen legt. Das zeigt, wie es Illusion herstellt. Zentrale Spielfläche ist ein weißes Rechteck am Boden inmitten des riesigen leeren Bühnenraums in der Alten Saline auf der Perner Insel in Hallein. Drum herum gibt es keine Kulissenteile, nur Requisiten und Möbel - Stühle, ein Sofa, einen alten Küchenherd oder eine Festtafel.

Szene für Szene werden sie auf das Rechteck verfrachtet und wieder abtransportiert um wechselnde Spielorte zu markieren, anzudeuten. Gleichwohl bedient Irina Brook keine karge Ästhetik. Sie zeigt zwar die Theaterillusion in ihrer Entstehung, will aber zugleich den ganz großen Bühnenzauber. Da rieseln Schneeflocken vom Schnürboden, da wabern Kunstnebelschwaden und da rollt der Donner vom Gewitter-Blech.

Dazu gibt es Tanzeinlagen, Musik, Gesang und – ach ja, das durchaus auch noch: Dialoge, vorgetragen zumeist in einem hölzernen Psychorealismus der altbackenen Sorte, der die Schauspieler in Brooks multinationalem Ensemble als schlechte Lügner ausweist, die die Kunst der Verstellung nur mäßig beherrschen. Im darstellerischen Kern ist diese Aufführung also bieder, drum herum bunt, aber behäbig bis bräsig im Timing.

Der Bühnenzauber: ein einziger fauler Budenzauber. Da hilft es auch nichts, dass US-Dramatiker Sam Shepard eigens 12 Gedichte beigesteuert hat und Punk-Ikone Iggy Pop zwei exklusive Songs. Einen davon interpretiert der isländische Peer-Gynt-Darsteller Ingvar E. Sigurdsson zu Live-Band-Begleitung in Rocker-Manier, tatsächlich verwandelt sich Ibsens Held auf der Suche nach der eigenen Identität bei Irina Brook vorübergehend in den Popstar PG, der Interviews zu seinem neuen Album in einer New Yorker Hotel-Suite gibt, da wird es kurzzeitig krachiger auf der Bühne und die Spielweise kabarettistisch.

Dumm nur, dass Sigurdsson trotz entfernter Ähnlichkeit mit Police-Sänger Sting nicht singen kann. Was umso schwerer ins Gewicht fällt, als er auch einige der Shepard-Gedichte in Liedform darbringen muss, wobei er sich selbst auf der Gitarre begleitet, als wäre er der Frontmann einer Folkband namens Peer, Paul and Mary.

So wird Peer Gynts Ich-Suche zugekitscht und -geklampft, als wär’s ein Weihnachtsmärchenmusical für Erwachsene. Und das mitten im Salzburger Festivalsommer. Peer Gynt, eine charmanter Lügner, inszeniert von Irina Brook, die - gemessen an dieser zuckerwattesüßen Regiearbeit – wie ein Theaterschwindlerin wirkt, die ihrem Publikum abgeschmackte Standards aus der Theatertrickkiste als Poesie unterjubelt. Ungelogen.

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