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Zeitfragen | Beitrag vom 17.05.2021

Bibliotheken und BildungschancenWie Zugang zu Wissen das Leben verändert

Von Marius Elfering

Blick in einen halbkreisförmigen Gang einer Bibliothek (Unsplash / Susan Q Yin)
Die zentrale Aufgabe von Bibliotheken darin liegt, Wissen und Informationen frei zugänglich zu machen. (Unsplash / Susan Q Yin)

Bibliotheken sollen ein Ort der kostengünstigen Wissensvermittlung für alle Menschen sein. Ein Beispiel aus Jena zeigt, dass sie aber so viel mehr sind und was passiert, wenn diese Bildungsräume geschlossen werden sollen.

"Im ersten Moment habe ich gedacht: Oh, Gott. Das kann doch nicht sein, das kann man doch nicht machen", sagt Anke Mehlhorn-Komlossy, Leiterin der Stadtteilbibliothek in Neu-Lobeda.

"Ich habe es irgendwie bei WhatsApp gekriegt, ich glaube, an einem Tag sieben Nachrichten, dieselbe. Die Bibliothek wird geschlossen. Die wussten, dass es meine Welt ist. Das kann nicht wahr sein. Da habe ich mich aufgeregt, da bin ich mal laut geworden zu Hause. Meine Tochter sagt: Was ist denn mit dir los? Die wollen unsere Bibliothek zumachen. Ich war sehr aufgeregt", erzählt Laima Seeliger, Besucherin der Stadtteilbibliothek in Neu-Lobeda.

"Ja, wenn sie so wollen, dann ist es vielleicht so, dass eben diese Haushaltsdiskussion und das, was mit einer möglichen Schließung der Bücherei in Neu-Lobeda verbunden war, dass das einen Problemkreis aufreißt, der thüringenweit und auch bundesweit von Bedeutung ist. Und diese starke Unterstützung, die wir bekommen haben, die kam also nicht nur hier aus dem Lokalen, sondern es kamen bundesweit sehr, sehr viele Stimmen, die sich eben gerade dafür eingesetzt haben, dass Bibliotheken erhalten werden. Und es kamen auch viele, viele Stimmen von Bibliothekarinnen, die gesagt haben: Also, wenn es an einer Stelle bröckelt, dann kann es überall bröckeln", sagt Dietmar Ebert, Vorsitzender des Neuen Lesehallenvereins in Jena.

"Uns haben ja auch die Leser, die kamen, die haben uns auch ganz deutlich Feedback gegeben. Das war schon sehr bewegend, das hätte ich nicht gedacht. Auch heute noch kommt immer: ´Geht es jetzt weiter und hat sich das gelohnt?` Und: ´Ich habe auch unterschrieben`", berichtet Anke Mehlhorn-Komlossy, Leiterin der Stadtteilbibliothek in Neu-Lobeda.

Zahl der Bibliotheken sinkt seit Jahren

Es sind die Erfahrungen mit den Kunden, die Anke Mehlhorn-Komlossy zum Lächeln bringen. Wenn sie von dem Jungen berichtet, der ganz hinten in der Ecke in Ruhe seine Hausaufgaben macht und sich von nichts stören lässt. Oder von der 90-jährigen Dame, die ihren dementen Mann pflegt und ihr einmal sagte, dass sie die Bücherei als Ausgleich brauche.

Die Stadtteilbibliothek in Jena-Lobeda: Das ist das Reich von Anke Mehlhorn-Komlossy. Eine Lehre als Bibliotheksfacharbeiterin in der DDR, später Jobs in einer Musikalienhandlung und einer Buchhandelskette. Und seit Anfang 2020 Leiterin der Stadtteilbibliothek, in der sie auch früher schon einmal gearbeitet hat.

"Ja, den ersten Eindruck hat man ja, wenn man von der Autobahn kommt. Da landet man ja erst hier und denkt: Uh, was ist denn das? Man sieht so die Hochhäuser, man fährt dann so vorbei. Ich hatte auch so die üblichen Klischeevorstellungen: Ja, so Wohnsilos, abseits vom Stadtzentrum, was auch schade ist. Plattenbau eben. Da wollte ich, ehrlich gesagt, schon in der DDR nicht hin."

In den 60er-Jahren entstand die Großwohnsiedlung Jena-Lobeda, südlich der Innenstadt gelegen. Wohnungen für etwa 48.000 Einwohner wurden hier gebaut. Später dann, in den 90er-Jahren, verließen immer mehr Menschen, die es sich leisten konnten, den Stadtteil mit den hohen Plattenbauten und eintönigen Straßenzügen. Die anderen blieben, neue Einwohner kamen hinzu. Im Vergleich zur restlichen Stadt liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Jena-Lobeda höher, mehr Menschen beziehen Hartz IV. In ihrem Bildungsbericht aus dem Jahr 2018 bezeichnet die Stadt Jena-Lobeda als Stadtteil mit "besonderem (…) Entwicklungsbedarf".

Ernst-Abbe-Bücherei im Stadtteil Jena-Lobeda. ein zweistöckiges Gebäude in einem Neubauviertel. (Deutschlandradio / Marius Elfering)Die Ernst-Abbe-Bücherei im Stadtteil Jena-Lobeda. (Deutschlandradio / Marius Elfering)
Über 20.000 Menschen leben heute hier. Und zwischen all den Wohnblöcken sitzt Anke Mehlhorn-Komlossy in der kleinen Stadtteilbibliothek. Das Gebäude ist unscheinbar, ein kleiner, weiß verputzter Kastenbau draußen, ein Ort, an dem sich Regal an Regal, Buch an Buch reiht, drinnen. Von den Decken hängen dunkelrote Schilder, die den Weg weisen. "Belletristik" rechts ab. "Sachliteratur" geradeaus. Auf einem der Regale steht ein Pappkarton, darauf die Aufschrift: "Diese Bücher werden dein Gehirn mit wunderbarem Wissen vollstopfen."

Ende 2020 gehen Gerüchte in der Stadt um. Das Haushaltssicherungskonzept der Stadt sieht massive Kürzungen vor. Die Stadtteilbibliothek in Lobeda soll geschlossen werden. 44 Jahre nach ihrer Gründung steht das Aus bevor.

Die Zahl der Bibliotheken in Deutschland schrumpft seit Jahren. Während es 2009 noch etwa 11.000 Bibliotheken in Deutschland gab, waren es zehn Jahre später nur noch etwa 9000. Dabei sind Bibliotheken Orte, an denen Wissen niedrigschwellig zugänglich ist. Allein 2019 zählten die öffentlichen Bibliotheken in Deutschland etwa 125 Millionen Besuche.

"Hier können sich Kinder eben auch Bücher für die Schule ausleihen, wo die Eltern vielleicht gar nicht in der Lage sind, die jetzt so zu unterstützen, wie sie es bräuchten." 

Ungleicher Wissenszugang beginnt schon in der Kindheit

Der Zugang zu Bildung beeinflusst die Gesundheit, Berufschancen und die politische Teilhabe. "Wissen ist Macht", lautet ein Sprichwort, das auf den englischen Philosophen Francis Bacon zurückgeht. Doch ist das so? Können die DVDs, Bücher und Zeitschriften, die hier in der Bibliothek ausliegen, Lebenslinien verändern? Der Kulturwissenschaftler und Soziologe Nico Stehr hat sich über Jahrzehnte hinweg mit dem Zusammenhang von Wissen und Macht beschäftigt.

"Meine Definition von Wissen ist eine relativ einfache Definition, die wiederum dann aber auch sehr schnell erschließt, warum Wissen nicht unbedingt unmittelbar sofort Macht ist. Oder Macht verleiht. Wissen, so meine Definition, ist eine Handlungsfähigkeit. Ist die Fähigkeit, etwas in Gang zu setzen, etwas zu bewegen, etwas zu verhindern. Kurz: Einfluss zu nehmen auf die existenziellen Bedingungen, mit denen wir uns konfrontiert sehen. Wissen ist die Fähigkeit, ist nur die Fähigkeit zum Handeln, ist damit nicht identisch mit Handeln. Dazu bedarf es mehr. Auch das relativ einfach umschrieben: Um etwas in Gang zu setzen, müssen natürlich die Bedingungen, die Handlungsbedingungen passen."

Der ungleiche Zugang zu Wissen beginnt schon in der Kindheit. Wie viele Bücher gibt es in der Familie? In welchem Stadtteil wächst ein Kind auf? Ist der Ort gut oder schlecht an Schulen angeschlossen? Wer hat den besseren Computer zu Hause stehen? Und auch, wenn die Grundvoraussetzungen stimmen: Der reine Zugang bedeutet nicht, dass man das Wissen auch nutzen kann.

"Der Weg vom Wissen zu erfolgreichem Handeln ist nicht ein einfacher, direkter, unmittelbarer Weg, sondern er umfasst die Kontrolle über die Handlungsbedingungen. Um Fahrrad zu fahren, braucht man ein Fahrrad. Und damit ist auch schon angedeutet, wenn wir uns Gedanken darüber machen, ob Wissen Macht ist, müssen wir uns auch Gedanken darüber machen, ob derjenige, der Macht ausüben möchte, die Kontrolle über bestimmte Handlungsbedingungen in der Hand hat oder ausübt."

Der Weg in die Innenstadt ist für viele zu teuer

"Der Schauspieler fasziniert mich! Ah, hier, ´Die wahre Geschichte der Kelly Gang`, boah, das ist bestimmt richtig gut. Zwei schon da. Das habe ich auch geguckt. Ich gucke auch gerne Trickfilme."

Laima Seliger steht in der DVD-Abteilung der Bibliothek in Jena-Lobeda und sucht sich ein paar Filme für die kommenden Tage raus. "Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang", "Schindlers Liste", aber auch was fürs Herz, wie sie sagt: Ein paar Trickfilme landen in ihrer Tasche, die locker über ihrer Schulter hängt. Laima Seliger ist Stammkundin in der Bibliothek. Manchmal kommt sie mehrmals pro Woche, leiht sich DVDs und Bücher aus. Am liebsten liest sie Thriller, Abenteuerromane gehen aber auch.

Vor etwa zehn Jahren, sagt sie, war sie das erste Mal in der Bibliothek. Sie wohnt schon lange in Jena, kam Ende der 1990er-Jahre nach Deutschland.

"Ich stamme aus Litauen und deswegen … Ich sage mal so: Die Bibliothek ist wichtig. Wir haben sehr viele Flüchtlinge und die Kinder. Vor allem die kleinen Kinder, die muss man irgendwie integrieren. Und was ist am besten? Die Kinderbücher, die kleinen süßen Kinder-CDs oder einfach, wenn Corona vorbei ist: die kleine Ecke zum Spielen oder so was. Auch für die kleinen Kinder, ich sehe das. Unbedingt muss das so sein. Ich kann mir nicht vorstellen, wenn die zu wäre. Das wäre, als würde man die Hälfte von Lobeda abschneiden."

Eine Frau mit langen Haaren steht vor einem Regal in einer Bibliothek. (Deutschlandradio / Marius Elfering)Das ist „ihre Welt“, sagt Stammkundi Laima Seliger. (Deutschlandradio / Marius Elfering)
Wenn Laima Seliger erklärt, warum dieser Ort so wichtig ist, dann spricht sie davon, dass eine Fahrkarte zur Bibliothek in der Innenstadt 2,20 Euro kostet. Pro Weg. Davon, dass sich das viele Menschen aus Lobeda nicht leisten können. Sie spricht von den älteren Menschen im Viertel, die nicht mehr mobil sind, hier aber die Bücherei direkt vor der Haustür haben. Sie spricht von Kindern, die ohne diesen Ort zu Hause keine Brettspiele spielen könnten. Und auch in ihrem eigenen Leben findet sie Aspekte, an denen sie klarmachen kann, wie die Bibliothek ihr geholfen hat.

"Meine Tochter beispielsweise ist nie in Litauen gewesen. Das haben wir nach der Scheidung nicht geschafft, finanziell, Arbeit, Arbeit. Und da haben wir den Stoff hier geholt. In Büchern, in CDs, alles und ne: Ich finde, das braucht man hier. Wirklich brauchen. Auch Filme auszuleihen. Wir haben auch viele arme deutsche Familien. Die haben nicht so viel Geld zur Verfügung, immer Filme zu gucken oder, wie schimpft sich das, Netflix. Ich kenne das nicht. Ich habe das nicht, weil ich habe das Geld auch nicht."

Geld ist ein Thema in Jena-Lobeda. Wer keins hat, aber nicht auf Bücher, auf Filme und Zeitschriften verzichten will, der kommt in die Stadtteilbibliothek. Als Laima Seliger erfuhr, dass die Bücherei schließen soll, war sie außer sich. Dieser Ort sei "ihre Welt", so sagt sie es.

Eine Petition für die Stadtteilbibliothek

Der sogenannte "Ethik-Kodex für Bibliotheks- und andere Informationsfachleute" sieht vor, dass die zentrale Aufgabe von Bibliotheken darin liegt, Wissen und Informationen frei zugänglich zu machen. Alter, Bildung, Einkommen, Herkunft, nichts darf diesem Recht im Wege stehen. Doch was, wenn es vor Ort keine Bibliothek mehr gibt?

Dietmar Ebert ist der Vorsitzende des Neuen Lesehallenvereins in Jena. Als er von den Schließungsplänen der Stadtteilbibliothek erfuhr, entschloss er sich mit weiteren Unterstützern, eine Petition dagegen ins Leben zu rufen. Ihm war klar, wie wichtig die Bibliothek für die Menschen in Lobeda ist.

"Wenn man dort wohnt als Kind, als Schüler und man hat dort seine prägenden Bildungseindrücke, dann ist das wichtig. Und man kann dann eben auch Bildungsstoff, Lehrstoff, aber vielleicht eben auch das, was zur Unterhaltung beiträgt, das kann man sich dort holen. Und ja: Es erweitert auf alle Fälle den Horizont. Dafür glaube ich, sind Stadtteilbibliotheken wichtig und unerlässlich."

Mehr als 3000 Menschen unterschreiben die Petition, die Ebert und andere gemeinsam aufsetzen. Knapp 1300 Kommentare werden abgegeben. Es geht um Familien, die sich das Ticket zur Bibliothek in der Stadt nicht leisten können. Um Lehrerinnen und Lehrer, die ihre Klassen hier an Bücher heranführen. Und um ein Manifest der UNESCO, die schon 1994 schrieb: "Die Öffentliche Bibliothek als lokaler Zugang zum Wissen stellt eine Grundvoraussetzung für lebenslanges Lernen, unabhängige Entscheidungsfindung und kulturelle Entwicklung des Einzelnen und von sozialen Gruppen dar."

Eine Frau mit Schutzmaske steht in einer Bibliothek an einem Rechner. (Deutschlandradio / Marius Elfering)Anke Mehlhorn-Komlossy leitet die Stadtteilbibliothek in Jena-Lobeda. (Deutschlandradio / Marius Elfering)
"Es geht hin bis zu den Leuten in Lobeda, die gesagt haben: ´Wir brauchen die Bibliothek, wir nutzen die, unsere Kinder nutzen das.` Und es geht hin bis zu vielen, die gar nicht mehr in Jena leben, aber dort ihre prägenden Bildungserlebnisse erfahren haben. Die gesagt haben, zum Beispiel: ´Mein Studium wäre gar nicht denkbar gewesen, wenn ich mir nicht regelmäßig dort Bücher ausgeliehen hätte.`"

Für Anke Mehlhorn-Komlossy, die in der Bibliothek an einem kleinen Tisch sitzt, vor sich eine Reihe von Comics liegend, sind es die kleinen Momente, die ihr zeigen, wie wichtig ihre Arbeit hier ist.

"Ich habe auch mal ein Kind gehört, das kam rein, guckte sich um und sagte: ´Oh, das ist ja traumhaft.` Das ist ja auch nicht wie im Laden, wo die Mutti dann immer sagt: ´Nee, das können wir uns jetzt nicht leisten.` Hier kann man einfach zugreifen, man kann mal Sachen ausprobieren. Das ist eigentlich eine schöne Gelegenheit, sich in ganz verschiedenen Interessengebieten zu testen."

Die Digitalisierung hat den Zugang zu Wissen verändert

Doch auch abseits der Bibliotheken hat sich der freie Zugang zu Wissen in den vergangenen Jahren weiterentwickelt. Vor allem die breite Nutzung des Internets machte Informationen plötzlich einfach verfügbar.

Doch der vereinfachte Zugang zu Wissen bedeutet nicht automatisch, dass sich Wissenskluften schließen und verhärtete Machtstrukturen einfach aufgebrochen werden können. Es besteht die Gefahr, dass sogar das Gegenteil eintritt: Nicole Zillien ist Professorin für Soziologie. In ihrer Arbeit beschäftigte sie sich auch mit der Frage, wie die Digitalisierung die Wissensgesellschaft verändert hat. Ein zentraler Punkt dieser Forschung ist die Gefahr der "digitalen Spaltung", die durch neuere Kommunikationstechnologien wie das Internet entstanden ist.

"In der Anfangszeit der Digital-Divide-Forschung war eine ganz starke Folie so ein demokratietheoretisches Ideal. Dass es immer darum geht, dass man, gemessen an dem Ideal des ´Informierten Bürgers`, rausfinden wollte: Inwiefern führen Neue Medien dazu, dass jemand kapitalsteigernd agiert? Und kapitalsteigernd heißt jetzt nicht unbedingt ökonomisches Kapital sich aneignet, sondern eben auch kulturelles Kapital und soziales Kapital.

Dass jemand Wissen sich aneignet und Netzwerke aufbaut. In den 1970er-Jahren hat diese Forschung zur Wissenskluftthese angefangen, und dann hat man tatsächlich daran gemessen, ob jemand, der in einem höheren Ausmaß Printmedien zur Kenntnis nimmt, dann bestimmtes Wissen aufweist als ´informierter Bürger`.

Völlig jenseits davon, ob er ein politisches Wissen im eigenen Lebensalltag anwenden kann, weist er dieses Wissen zu außenpolitischen Themen auf? Und wenn das vorlag, dann hat man das sozusagen positiv honoriert. Und dann war da jemand der ´informierte Bürger`. Und das ist heute komplett geswitched. Es steht viel mehr im Vordergrund, auch in der Digital-Divide-Forschung, inwiefern jemand im eigenen Lebensalltag von der Nutzung digitaler Medien profitieren kann."

Realität und Wirklichkeit beim digitalen Wissenszugang

Eine Studie des Bundesverbands Digitale Wirtschaft ergab 2019, dass die Deutschen den leichteren Zugang zu Wissen und Bildung als den positivsten Effekt der Digitalisierung einschätzen. Und auch Nicole Zillien sieht großes Potenzial darin, dass die Digitalisierung die Wissenskluft verkleinern kann. Doch die Realität sieht häufig anders aus.

"Da gibt es eigentlich auch ein schönes altes Bild für und zwar aus der Entwicklungshilfeforschung, das Innovativeness-Needs-Paradox. Also die Beobachtung, dass es eigentlich paradox ist, dass gerade jene Personengruppen, die von einer Innovation am meisten profitieren könnten, dass das diejenigen sind, die diese Innovationen üblicherweise als Letztes übernehmen. Ein konkretes Beispiel dafür ist der Gesundheitsbereich, wie digitale Sprechstunde mit Ärzten.

Das ist ja etwas, was sicherlich kommt und wachsen wird und realisiert wird und wo die Bereitschaft in der Bevölkerung eben eine relativ hohe ist. Und da kann man aber zeigen: Ausgerechnet ältere Personen, die ja statistisch stärker mit Gesundheitsproblemen konfrontiert sind, die können sich das in geringerem Ausmaß vorstellen."

Doch dass solche Veränderungen gelingen können, dass der Zugang zu Wissen durch Innovationen vereinfacht werden kann und sich hierdurch auch Machtstrukturen ändern können, das zeigen frühere Beispiele.

"Es gibt eine schöne Arbeit aus den 1980er-Jahren von Joshua Meyrowitz. Die Arbeit heißt die Fernsehgesellschaft. Und der beschreibt, für die Nachkriegszeit oder insbesondere für die 1960er-Jahre, dass durch das Fernsehen, egal was sozusagen in der Glotze gelaufen ist, aber durch das Fernsehen haben bestimmte marginalisierte Gruppierungen Einblick in Öffentlichkeit erhalten. Zum Beispiel Frauen.

Der führt die Emanzipation auch darauf zurück, dass amerikanische Mittelschichtfrauen, beschreibt er dann so, die haben durch das Fernsehen in ihrem sehr engen Privatkontext Einblick in die Welt der Männer erhalten und haben da kapiert: Okay, die haben ja viel mehr Möglichkeiten, Rechte, öffentliche Teilhabechancen als wir das als Frauen, die wir hier weitestgehend in unserem Haushalt festsitzen, haben.

Und das hat sozusagen den Blick immens geweitet. Und ich glaube, im Moment passiert das, dass viel mehr Menschen sozusagen einfordern, viel mehr Gruppierungen einfordern: Sie wollen am öffentlichen Geschehen auch, sie wollen da stärker mitbestimmen."

Bildungsungleichheiten als Auslöser für Machtungleichheiten

Mehr Wissen kann zu mehr Macht führen, zu gesellschaftlicher Teilhabe, das ist die Schlussfolgerung. Und es gibt einen Ort, meint Nicole Zillien, der die Grundvoraussetzungen hierfür schaffen muss: Die Schule.

"Ich glaube, was man nach wie vor sicherlich behaupten kann, dass hinter den Ungleichheiten und auch hinter den Machtungleichheiten in einem hohen Ausmaß knallharte Bildungsungleichheiten stecken."

Ein Mann, der sich selbst "begleitender Lebenslehrer" nennt, sitzt an einem sonnigen Morgen in der neunten Klasse der Galileo-Schule in Jena-Winzerla und hilft den Schülerinnen und Schülern bei Mathe. Oliver Ephrosi ist ein sogenannter "Teamteacher".

Das Konzept des "sozialpädagogischen Teamteachings" gibt es seit 2010, zunächst nur in Jena, mittlerweile aber auch an ganz unterschiedlichen Schulen in Thüringen. Dabei begleitet ein Teamteacher oder eine Teamteacherin eine Klasse über mehrere Jahre hinweg, während des Unterrichts. Auch Oliver Ephrosi sitzt also morgens in Mathe, später in Deutsch und ist so den gesamten Tag über für die Klasse ansprechbar, zusätzlich zur eigentlichen Lehrperson.

Die Galileo-Schule, mit ihren rund 300 Schülerinnen und Schülern, ist sein Einsatzgebiet. Viele der Jugendlichen hier haben Probleme in ihren Familien, wenig Geld, Schwierigkeiten beim Lernen. Eine Schule in "besonders herausfordernder Lage", nennt Oliver Ephrosi das.

"Ich höre ganz oft: ´Ich bin zu dumm, ich kann das nicht.` Sich schon das selber einzureden, wie ein Mantra, immer wieder vorzubeten, irgendwas nicht zu können. Und ich versuche dann immer, dagegenzuwirken und zu sagen: ´Okay, bete dir jetzt vor, Du kannst das. Es ist schwer. Aber ich kann das.` Es fehlt irgendwie das Bewusstsein in unserem Bildungssystem darüber, dass auch Kinder und Jugendliche aus anderen Verhältnissen die gleichen Chancen haben könnten."

Ein junger Mann steht vor einem Schulgebäude. (Deutschlandradio / Marius Elfering)"Ich höre ganz oft: ´Ich bin zu dumm, ich kann das nicht`", sagt Oliver Ephrosis. (Deutschlandradio / Marius Elfering)
Einer Studie der Bertelsmannstiftung aus dem Jahr 2020 zufolge haben Kinder, deren Eltern Hartz IV beziehen, in 24 Prozent der Fälle keinen eigenen Computer mit Internetzugang zu Hause. Bei Kindern, die aus Familien kommen, deren Einkommen gesichert ist, liegt der Wert nur bei 2,2 Prozent. Sie sind seltener Mitglied in einem Verein, können seltener an Klassenfahrten teilnehmen, verlassen ihr eigenes Lebensumfeld nicht so oft.

Armut wirkt sich ganz direkt auf die schulischen Leistungen aus. Die Schülerinnen und Schüler bleiben häufiger sitzen, werden schlechter benotet und schaffen seltener den Sprung aufs Gymnasium. Kommen zum Aspekt der Armut auch noch Schwierigkeiten in der Familie oder andere Probleme hinzu, nehmen die Schülerinnen und Schüler den psychischen Druck häufig mit in den Unterricht.

"Schüler XY legt einen Kopf auf die Bank, weil er von zu Hause schon irgendwie einen Streit mitgebracht hat in die Schule, also hat seinen Rucksack von zu Hause, kommt in die Schule, legt seinen Kopf auf die Bank und ist überhaupt nicht aufnahmefähig und handelt sich aber möglicherweise schon wieder den nächsten Ärger ein: Warum hast denn du den Kopf auf der Bank?

Dann bin ich aber derjenige, der die Beziehung zu dem hat, und wir konnten vorher schon reden. Entweder kann ich sofort intervenieren in der Situation: Okay, ich nehme den Jungen mit nach draußen, und wir reden mal kurz, was jetzt los ist. Oder beziehungsweise ich weiß es vielleicht sogar schon vorher und kann mit dem Lehrer dann auch darüber reden, dass heute das und das ist, dass wir den vielleicht heute mal in Ruhe lassen oder so. Der hört zu."

Der Teamteacher ist nahbar

Oliver Ephrosi Aufgabe ist es nicht, einen weiteren Lehrer im Klassenraum darzustellen. Er weist die Schüler nicht ständig zurecht, dass sie ruhig sein und aufpassen sollen. Er ist da. Wenn ihn jemand anspricht, ob er bei Geschichte oder Englisch helfen kann, dann macht er das. Wenn er merkt, dass jemand zu Hause Schwierigkeiten hat, dann trifft er sich mit den Schülern auch schon mal digital für ein gemeinsames Onlinespiel. Seine Nahbarkeit ist sein Kapital.

Virgenie und Terence gehen beide in die Klasse, die auch Oliver Ephrosi begleitet. Jeden Morgen macht sich Virgenie aus Jena-Lobeda auf den Weg hierher. Sie kann sich noch daran erinnern, wie das war, als Oliver Ephrosi vor zwei Jahren zur Klasse hinzustieß. Sie mochte ihn nicht, fand ihn irgendwie "komisch". Doch das hat sich geändert.

"Wenn es einem jetzt am Tag nicht so gut geht, wegen irgendeiner privaten Sache oder so, dann kann man mit ihm darüber reden, und er ist auch für dich da und so und sagt jetzt nicht: ´Ja, wir müssen mit deinen Eltern darüber reden und so.` Weil, es gibt viele Lehrer, die sagen dann gleich: ´Ja, wir können deine Mutti holen und so, zum Gespräch und so.` Aber bei dem Teamteacher ist es halt anders."

Häufig fehlt es den Eltern selbst an Wissen

2018 legte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung einen Bericht vor, der aufzeigt, dass Bildungschancen in Deutschland immer noch maßgeblich vom Elternhaus abhängen. Häufig fehlt es den Eltern selbst an Wissen, um ihre Kinder ausreichend zu unterstützen, sei es beim Umgang mit der digitalen Technik oder bei der Hausaufgabenhilfe.

Auch Terence, aus der neunten Klassen, muss sich alleine durch die Schule schlagen.

"Bei mir ist es ein bisschen schwierig. Weil der eine ist krank, der andere ist krank. Mein kleiner Bruder geht ja auch in die Schule, der braucht ja auch Hilfe, da bin ich ein bisschen weiter weg."

In den vergangenen Jahren ist der Anteil der Kinder, die Zugang zu frühkindlichen Bildungsangeboten haben, deutlich gestiegen. Auch die angestrebten Bildungsabschlüsse haben sich verändert. Machte 1970 nur jeder zehnte Schüler das Abitur, lag der Wert 2016 schon bei etwa 40 Prozent. Auch der Anteil der Kinder, die aus Nichtakademikerhaushalten stammen und studierten oder einen Hochschulabschluss erworben haben, stieg. Es gibt sie, die positiven Entwicklungen. Gleichzeitig werfen sie aber auch Schlaglichter auf die vielen Kinder, denen solch ein gleichberechtigter Zugang zu Wissen weiterhin fehlt.

Lernerfolge entstehen auch durch neue Ansätze

In der Galileo-Schule in Jena-Winzerla steht Oliver Ephrosi neben anderen Schülerinnen und Schülern im Werkraum. Sie bauen Möbel aus Paletten, um den Schulhof zu verschönern. Einige sägen Bretter zu, andere hören Musik und quatschen miteinander. Sie haben ihn hier als Teil der Klasse akzeptiert. Gleichzeitig versucht Oliver Ephrosi, die Galileo-Schule für die Klasse zu einem Ort zu machen, an dem individuelles Lernen möglich ist. Dabei sucht er, zusammen mit den Lehrern, auch gezielt nach neuen Möglichkeiten, um den Schülerinnen und Schülern Erfolgserlebnisse zu verschaffen.

"Junge J. hat sich auch komplett dem Unterricht verweigert. Das fing eigentlich damit an, dass er nie zur Schule kam. Haben aber gearbeitet, ganz hart mit ihm gearbeitet. Er hat auch sehr hart selber an sich gearbeitet. Und jetzt in der neunten Klasse haben wir herausgearbeitet: Okay, geben wir ihm sein Handy, und er macht seine Aufgaben mit dem Handy. Der hat nicht das Interesse am Papier und am Schreiben und sonst was, sondern er hat Interesse daran, seine Matheaufgaben via Bildbearbeitung zu lösen. Und das ist eine Kompetenz, die durchaus förderbar ist."

Dass jeder ein anderes Lerntempo hat, unterschiedliche Begabungen und ganz persönliche Geschichten, die prägen, wie gut man lernen kann, das ist auch den Schülerinnen und Schülern klar. Und auch, dass diese Ausgangsbedingungen oft unfair sind. Fragt man Virgenie aus der neunten Klasse, ob sie finde, dass Schule ungerecht sei, muss sie eine Weile überlegen und wird dann doch sehr klar.

"Na ja, ich glaube einfach: Viele bekommen mehr Wissen mit als andere. Das ist halt eigentlich nicht immer fair. Weil eigentlich sollten alle am Ende des Tages mit demselben Wissen rausgehen."

Aus Bildung entwickeln sich Handlungsoptionen. Aus Handlungsoptionen entsteht Macht, davon ist Nico Stehr, der Forscher, der sich viele Jahre mit diesen Fragen beschäftigt hat, überzeugt. Und diese Faktoren beeinflussen das gesamte spätere Leben. Menschen mit einem besseren Zugang zu Bildung verdienen später mehr, sie sind gesünder, und sie sind politisch deutlich stärker repräsentiert. Sie üben Einfluss darauf aus, wohin sich die Gesellschaft in Zukunft entwickelt, wie Gesetze aussehen, wie der Sozialstaat aufgebaut ist, was der Lehrplan an Schulen beinhaltet. Ob auch diejenigen, die einen weniger guten Zugang zu Wissen haben, Einfluss nehmen, ob sich Machtstrukturen nachhaltig verändern können, hängt auch davon ab, wie durchlässig das System ist.

"Wie fest gezurrt sind diese Unterschiede? Lassen die sich überhaupt überwinden, und wie kann man sie überwinden? Wie weit sind diese Grenzen mobil? Lassen die sich reduzieren oder reduzieren sie sich auf eine Norm, die alles gleichmacht? Oder behindert der Versuch, die Benachteiligten auf ein höheres Niveau zu heben, benachteiligt der wiederum die, die schon dieses höhere Niveau erreicht haben?"

Den eigenen Wissensvorsprung für alle nutzen

Einer Studie des Weltwirtschaftsforums aus dem Jahr 2020 zeigte einige zentrale Barrieren auf, welche die soziale Mobilität in Deutschland einschränken. Dazu gehören ungleiche Bildungschancen sowie der eingeschränkte Zugang zu Technologie. Der freie und möglichst frühe Zugang zu Wissen ist ein zentraler Aspekt, wenn es um Aufstiegschancen im Leben geht und darum, später selbst Einfluss auf gesellschaftliche Veränderungen zu nehmen. Gleichzeitig müssen aber auch privilegierte Personengruppen bereit sein, Macht abzugeben. Nur dann kann das System langfristig durchlässiger werden.

Dietmar Ebert, der die Petition für die Stadtteilbibliothek in Jena-Lobeda ins Leben gerufen hat, ist bewusst, dass allein das schon ein Wissensvorteil ist. Dass nicht jeder die Möglichkeit gehabt hätte, sich so laut Gehör zu verschaffen, sodass die Bibliothek am Ende bestehen bleiben kann. Auch das ist ein Wissensvorsprung, der gleichzeitig Macht bedeutet.

"Man muss auch wissen, wie man eine Petition ins Internet stellt, wie das alles geht und so. Gut, aber vielleicht ist es ungerecht, aber ich würde gerne in meiner Antwort die Frage noch mal umkehren: Haben denn nicht auch die Leute, die über das Wissen und die Bildung verfügen, die Pflicht, sich zu engagieren und zu sagen: ´Jetzt müssen wir etwas tun?`"

Laima Seliger nimmt heute nur ein paar neue Filme aus der Bibliothek mit nach Hause, keine Bücher. Die Stadtteilbibliothek in Lobeda bleibt erst mal bestehen, das macht sie glücklich. Wann immer sie Zeit hat, kommt sie vorbei, stöbert, leiht Dinge aus. An Weihnachten bringt sie Plätzchen vorbei. Hier hat sie neue Menschen kennengelernt. Wenn sie über die Zukunft des Stadtteils und der Bibliothek spricht, dann zögert sie nicht.

"Mein größter Wunsch ist, dass sie da ist. Auch die Mitarbeiter zu behalten. Nicht kürzen. Wie soll ich das auf meiner Sprache und meine Art erklären? Ich glaube, die Lobeda-Bibliothek ist wie eine kleine Familie. Das ist eigentlich ein Stückchen von uns. Das gehört zu uns. Die muss da sein."

Autor: Marius Elfering
Regie: Cordula Dickmeiss
Technik: Ralf Perz
Redaktion: Carsten Burtke
Sprecher: Mirko Böttcher

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