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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 11.12.2016

Bewusster KonsumWie viel Haben für das Sein nötig ist

Von Sabrina Becker, Berlin

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Handtaschen in einem Regal eines Luxuskaufhauses (picture alliance / Jens Kalaene)
Wie viele Handtaschen braucht die Frau? Sabrina Becker hat 21 - und nutzt meist ihren Rucksack. (picture alliance / Jens Kalaene)

Menschen brauchen meist weniger Dinge, als sie haben. Trotzdem kaufen sie mehr. Aus Spaß am Konsum, aus Langeweile oder weil es so einfach ist. Aber macht es sie auch glücklich?

Braun, rot, grün. Leder, Stoff. Klein, groß: Da liegen sie, meine Handtaschen, gut sortiert im Schrank. 21 Stück zähle ich – und keine einzige davon habe ich in diesem Jahr benutzt. Seitdem meine Tochter auf der Welt ist, trage ich lieber Rucksack. Die Taschen habe ich weggepackt, um sie später wieder hervorzuholen. Nur tue ich das nie. Meine Welt ist voller Zeug und Krempel. Vieles davon vergraben in Schubladen, beerdigt in Schränken. Manchmal vergesse ich, dass ich Dinge besitze. Und sie fehlen mir nicht. Der Gymnastikball, die Knoblauchpresse, die Pasta-Maschine. Dinge, von denen ich einmal geglaubt habe, sie dringend zu brauchen. Warum hängen wir unser Herz an Kram, der spätestens nach zweimal Benutzen im Schrank verstaubt? Wie verändern uns die Dinge? Und wie viel Haben ist gut für uns? Kurz vor Weihnachten sortiere ich nicht nur meinen Schrank, sondern auch meine Gedanken. Ich möchte meine Einstellung zu den Dingen überprüfen.

Ich glaube, jeder Mensch besitzt so etwas wie einen inneren moralischen Kompass. Einer, der die Richtung weist, der hilft, Entscheidungen zu treffen. Mein Kompass orientiert sich an ethischen, vernünftigen, an christlichen Werten. Schöpfung bewahren, Verantwortung für andere übernehmen, nicht neidisch oder gierig sein. Meine Eltern haben mich so erzogen, ich habe es in der Schule gelernt, in der Kirche gehört, verinnerlicht. Und trotzdem: Was das Habenwollen betrifft, bin ich keine Spaßbremse. Mein moralischer Kompass gerät oft ins Trudeln, wenn ich schöne Dinge sehe. Ich weiß: Ich konsumiere zu viel. Wir alle tun das, meist mit negativen Folgen für die Umwelt. Laut Statistik konsumieren wir in der westlichen Welt 55 Kilo Zeugs täglich. Der Coffee-to-go, die neue Jeans in der Plastiktüte, das Benzin, das wir verfahren. 55 Kilo. Jeder. Jeden Tag. Wir leben auf Pump, bis es nicht mehr geht. Bis unsere Erde streikt. Ein Thema für Politiker oder Umweltaktivisten, aber auch meins. Denn ich treffe täglich Kaufentscheidungen.

Einer, der schon lange kritisch über Konsum nachdenkt, ist Moritz Grund. Der 36-Jährige hat Produkt-Design studiert, ist heute als Berater und Autor tätig. In Erinnerung geblieben ist mir sein Buch über einen Selbstversuch. Moritz Grund hat während seines Studiums versucht, sein Hab und Gut auf 100 Gegenstände zu reduzieren. Heute, Jahre nach seinem Experiment, will ich wissen, was er daraus gelernt hat.

"Die wichtigste Lehre daraus ist, glaube ich, den Gegenwert in Lebenszeit zu sehen, die man seinen Gegenständen gegenüber halten kann. Also die Zeit, die man verwendet beispielsweise, um das Geld zu erwirtschaften, um Dinge zu kaufen, die Zeit, die man verwendet, Dinge zu pflegen, vielleicht zu reparieren, möglicherweise auch das Geld zu erwirtschaften, die Miete zu bezahlen der Fläche, auf der sie stehen, wenn man an den Quadratmeter denkt, auf der die Waschmaschine steht. Die unwiederbringliche und einzigartige Ressource, die man seinen Gegenständen über verantwortet, ist vielleicht meine persönliche Währung, wenn ich über Gegenstände nachdenke."

Der Durchschnittseuropäer besitzt heute etwa 10.000 Dinge. Von Reißzwecken über die Zahnpasta bis hin zum Kühlschrank. Zeug, das sich verbraucht und Kram, der rumsteht. Ständig müssen wir aufräumen, saubermachen, sortieren, wegschmeißen, ordnen. Ich überlege, wie viel Lebenszeit ich in Dinge investiere, für sie verschwendet habe. Und waren sie es wert? Moritz Grund hat sein Experiment abgebrochen, weil es ihn irgendwann zermürbt hat, Gegenstände zu zählen und in Excel-Tabellen aufzulisten. Geblieben ist eine andere Einstellung:

 "Es gibt definitiv einen anderen Blick auf die Gegenstände. Einen kritischen Blick, der nicht das Ding für ewig und zu ernst nimmt, sondern einen, der Gegenstände auch im Fluss betrachtet. Der Gegenstände betrachtet, bespiegelt, ihre momentane Funktion als mögliche emotionale Stütze, wenn man an Souvernirs denkt. Der an Dinge denkt im Sinne von einem Werkzeug, wenn sie einem gerade zu Hilfe stehen können. Aber endgültig die wichtigsten Dinge oder eine Auswahl von Gegenständen, die man als Must-haves bezeichnen können, davon ist man weit entfernt."

Moritz Grund versucht heute, viele Dinge zu leihen oder zu tauschen. Teilen ist das neue Haben, sagt er. Sharing gilt als Trend, der immer beliebter wird. Eine ganze Wirtschaft wächst darum: Deutsche leihen sich Autos, Lagerraum, Kleidung, Spielzeug. Noch ein Trend: die freiwillige Einfachheit. Menschen ziehen in eine kleinere Wohnung, verkürzen ihre Arbeitszeit – und leben mit weniger, um mehr Zeit für Familie und das Sein zu haben. Viele in unserer Gesellschaft machen aber immer noch ihren Selbstwert an Besitz fest. Sie wähnen sich auf der Karriereleiter, sitzen aber im Hamsterrad: Mehr Arbeiten bedeutet mehr Geld. Mehr Zeug. Mehr Status. "Je suis ce que j’ai", formuliert der Philosoph Jean-Paul Sartre. "Ich bin, was ich habe." Aber macht das, was ich habe, mich auch glücklich und zufrieden? Lottogewinnern geht es schon einige Wochen nach dem Gewinn nicht besser als denen, die niemals im Lotto gewonnen haben. Das ist erwiesen. Psychologen äußern sich widersprüchlich über das Glück und das Haben: Geld zu haben befreie von allen möglichen Zwängen. Doch sich fortwährend mit Besitz zu beschäftigen, mache unglücklich.

Wir alle müssen konsumieren. Wir müssen essen, trinken, uns kleiden. Aber wir konsumieren auch, weil es Spaß macht. Oder aus Langeweile. Oder weil Weihnachten ist. Kaufen ist in unserer übersatten Welt so herrlich einfach, sagt der Psychologe Jens Förster. Er hat untersucht, was das Haben mit dem Sein macht, und festgestellt: Wir setzen uns lieber Ziele, die wir uns "kaufen" können. Ziele, die mit dem Sein zu tun haben, erklärt der Psychologe, seien viel schwieriger zu erreichen. Weil sie häufig Ideale und Wunschträume darstellen, abstrakt formuliert sind oder in weiter Zukunft liegen. Kann ich fließend Englisch sprechen? Bin ich ein guter Tennisspieler? Oder auch ein guter Mensch? Förster will den Prototypen für einen Menschen ausgemacht haben, der sich ganz auf das Sein konzentrieren kann: die Nonne.

Ich will wissen, wie es eine Ordensfrau mit dem Haben hält. Ich treffe mich mit Thekla Schönfeld, 41, missionsärztliche Schwester. Sie lebt mit vier Mitschwestern in einer Kommunität in Berlin-Marzahn. Kein "richtiges" Kloster, sondern eine ganz normale Wohnung im Plattenbau. Die meisten Dinge in ihrem Leben gehören der Gemeinschaft. Genau wie das Geld, das sie als Sonderschulpädagogin verdient und das in einen Topf fließt, aus dem sie ein Budget erhält.

Schwester Thekla, wie oft kaufen Sie sich neue Dinge?

 "Wenn alte Dinge kaputt sind. Wenn meine Winterjacke kaputt ist, brauche ich eine neue. Oder wenn die Stiefel durchgelaufen sind, muss ich sie besohlen lassen. Ich schaue danach, was nötig ist. Klar, wenn ich mal etwas sehr Schönes finde, wo ich denke, das brauche ich nicht unbedingt, dann überlege ich: Ist das im Budget drin? Brauche ich das wirklich?"

Gibt es denn nichts, bei dem Sie schwach werden könnten? Etwas, das Sie unbedingt gern hätten?

"Es gibt vielleicht ganz viele Dinge, die ich vielleicht gerne hätte. Wo ich denke, ja, das wäre schon toll, eine schöne Digitalkamera mit einem super Objektiv. Klar wäre das toll. Auf der anderen Seite: Wir haben eine, die macht super Fotos. Also: Brauche ich die wirklich? Ich glaube nicht, dass die mich glücklicher machen würde."

In wie weit prägt denn Ihr Glaube Ihr Konsumverhalten?

"Die Haltung, die für mich oder die für uns als Ordensfrauen wichtig ist, aus unserem Christsein heraus, die ganze Welt im Blick zu haben, die ganze Schöpfung, die Menschen, mit denen wir die Dinge auf der Erde teilen, und die Güter gerecht zu verteilen. Den Blick zu haben, was macht das für einen Unterschied, wenn ich hier Dinge im Überfluss kaufe, wer produziert die eigentlich? Wer stellt die Rohstoffe zur Verfügung, oftmals auch sehr unfreiwillig. Was bedeutet das, wenn ich meinen Konsum hier ausdehne, für Menschen in anderen Ländern?"

Die ganze Welt im Blick haben. Ich vergesse zu oft, dass hinter den Dingen auch Menschen stehen. Die Fremden, die irgendwo auf diesem Erdball meine Kleidung genäht haben und von denen später höchstens eine Kontrollnummer auf dem Etikett kleben bleibt. Wer steckt hinter der Nummer? Wie viel Geld verdient er oder sie? Und reicht es zum Leben? – Ich kenne keine Armut. Jedenfalls keine richtige. Armut ist eine Frage der Perspektive. In meinem Kiez mag sich manche Mutter schon als arm empfinden, wenn sie sich nicht das angesagteste Kinderwagenmodell leisten kann. Eigentlich müssen wir uns eingestehen: Auch wenn wir uns nicht alles kaufen können, was wir uns wünschen, jammern wir auf einem ziemlich hohen Niveau. Denn während wir in den westlichen Gesellschaften so viele Dinge haben wie nie zuvor, verhungern andernorts Menschen. Konsumkritik ist auch Selbstkritik. Im Christentum gibt es eine klare Haltung zu den Dingen: Es bringt nichts, dem Geld oder materiellen Gütern hinterherzujagen. Selig sind nicht die, die sich viel kaufen können. Einem sehr reichen Mann rät Jesus im Lukasevangelium sogar: "Verkauf alles, was du hast!" Und trotzdem war Jesus kein Antikapitalist – davon ist Schwester Thekla Schönfeld überzeugt.

"Ich glaube, Jesus hat genau das im Blick gehabt, dass das Sein wichtiger ist als das Haben. Und wenn mich mein Haben davon abhält, mich für etwas Größeres einzusetzen – in dem Fall hat er ihn ja aufgefordert, ihm nachzufolgen – wenn mich mein Haben davon abhält, Christus nachzufolgen, dann kann ich mich fragen: Sollte ich das aufgeben? Also was ist der Größere Gewinn? Ist mein Haben mein größerer Gewinn? Oder ist ihm nachzufolgen der größere Gewinn?"

Menschen wie Schwester Thekla imponieren uns, weil Materielles kaum oder gar keine Bedeutung für sie zu haben scheinen. Und weil wir glauben, dass wir selbst so nicht leben können. Seinen Konsum zu überdenken, bedeutet aber nicht gleich, ins Kloster einzutreten oder im Wald zu zelten und sich von Wurzeln zu ernähren. Es bedeutet auch nicht, die Weihnachtsgeschenke komplett zu streichen. Meine Schwiegermutter hat mir erzählt, wie sie als Kind Weihnachten erlebte, in den Fünfzigern. Ihre Puppe bekam jedes Jahr ein neues Kleid. Selbstgenäht von ihrer Mutter. Meine Tochter, gerade ein Jahr alt, besitzt mehrere Puppen, Teddybären sowie einen ganzen Stofftierzoo. Das meiste davon sind Geschenke. Klar, macht Schenken und Beschenkt werden Spaß. Das findet auch Schwester Thekla: Bei den Missionsärztlichen Schwestern sieht Weihnachten wie bei vielen anderen aus. Sie gehen in die Kirche, es gibt ein Festessen, sie verbringen Zeit miteinander. Und dann gibt’s Geschenke.

"Also, es gibt keine materiellen Geschenke, aber was wir uns schenken sind gute Wünsche, gute Worte. Also, wir schreiben uns einen Weihnachtsbrief, eine Weihnachtskarte für jeden. Da sitze ich auch ein paar Stunden dran, um für alle bei uns in der Kommunität einen persönlichen Gruß aufzuschreiben. Genau so freue ich mich unglaublich, an Weihnachten die Glückwünsche der anderen zu lesen. Das ist was ganz Schönes. Da freue ich mich jedes Jahr sehr drauf. Das ist vielleicht zu vergleichen mit einem schönen Brief, den man zum Geburtstag bekommt: Was ich dieses Jahr an dir geschätzt habe, was mich freut, wenn ich mit dir zusammen bin. Was ich dir zu Weihnachten wünsche. Das ist was ganz Persönliches, das kann ich in keinem Laden kaufen. Ich sammel’ diese Briefe auch. Das ist wie so ein kleines Schatzkästchen."

Etwas, das viel wert ist, muss nicht teuer sein. Und ich brauche auch kein Vermögen auszugeben, um den Menschen, die mir etwas bedeuten, zu zeigen, wie viel sie mir bedeuten. Vielleicht müssen wir es uns öfter sagen: Die Dinge machen uns weder schöner noch beliebter noch zufriedener. Es gibt keine Herzensdinge, nur Dinge. "The best things in life aren’t things." Irgendwie wissen wir das alle. Und wünschen uns dann doch die 22. Handtasche. Oder kaufen die Porzellan-Currywurst-Schälchen im Set für 98 Euro. Weil noch Platz in den Schubladen ist. Der Psychologe Jens Förster rät dazu, bewusster zu konsumieren. Sich genau zu überlegen, was man benötigt, um gut leben zu können. Sich zu fragen: Brauche ich das wirklich? Macht mich das glücklicher?

"Es gibt ein anderes schönes Bibelwort. 'Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.' (Mt 6,21) Und wenn ich meinen Schatz suche, in dem, was nicht materiell ist, in dem, was vielleicht zwischenmenschlich ist, in Zuneigung, in Dingen, die ich tun kann für andere, mich für Gerechtigkeit einzusetzen, mich für Menschen einzusetzen, die vielleicht direkt vor meiner Haustür Hilfe brauchen, oder meine Kollegen oder die Kinder, mit denen ich zu tun habe. Wenn ich da sehe, da entsteht mehr Leben oder da entsteht mehr Glück, dann ist das vielleicht ein kleiner Schatz im Himmel."

"Ich weiß nicht, ob ich ein himmlisches Konto besitze – und wie viel Guthaben ich darauf angesammelt habe. Aber die Idee gefällt mir, dass wir das Sein genauso mehren können wie das Haben. Mehr lernen, mehr lieben, mehr erleben, mehr erinnern. – Am Ende des Lebens müssen wir die Dinge loslassen. Und niemand wird dann sagen: "Ach, hätte ich doch ein Fußmassagegerät gehabt!" Geld macht uns nicht glücklich. Oder besser: Geld und Haben allein machen uns nicht glücklich. Es gibt uns eine gewisse Sicherheit und Unabhängigkeit. Aber wir brauchen ganz sicher nicht alle 10.000 Dinge, mit denen wir uns umgeben. Oder die Dinge, die wir für Schätze halten."

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Literatur:

Jean Paul Sartre zitiert nach:

Harald Weinrich: Über das Haben. 33 Ansichten. München: C.H. Beck 2012.

Jens Förster: Was das Haben mit dem Sein macht. Die Psychologie von Konsum und Verzicht. München: Droemer Taschenbuch 2017.

Moritz Grund: Einhundert. Der Designer und die Dinge. Ein Selbstversuch. Sulgen: Niggli 2012.

Artikel in der Süddeutschen Zeitung

Artikel auf Zeit.de

Artikel in der Berliner Zeitung

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