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Lesart / Archiv | Beitrag vom 20.12.2018

Bettina Stangneth: "Hässliches Sehen" Über die Vernunft als machtvolles Instrument

Von Eike Gebhardt

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Buchcover Bettina Stangneth, "Hässliches Sehen" (Rowohlt/dpa/Deutschlandradio)
Bettina Stangneth, "Hässliches Sehen" (Rowohlt/dpa/Deutschlandradio)

Moral ist kaum sinnlich repräsentierbar, also muss sie den Umweg über Verkörperungen nehmen – zum Beispiel über Helden oder Symbole. Das ist nur eine der Thesen, die Bettina Stangneth in ihrem Essay "Hässliches Sehen" entwickelt.

"Hässliches Sehen" ist der letzte Band einer Trilogie, die die Hamburger Philosophin und Historikerin Bettina Stangneth in den letzten Jahren verfasst hat – die ersten hießen "Böses Denken" und "Lügen lesen". Es geht also genau um die Gegenbegriffe zu den drei seit Platon eng miteinander verbundenen Idealen des Schönen, Wahren und Guten – und zwar deshalb, weil wir als Menschen eben gerade nicht im Himmel der Ideen wohnen.

Oder wie es Stangneth abschließend formuliert: "Dass sich das Böse, die Lüge und das Hässliche leichter an den Leser bringen lässt als das Gute, Wahre und Schöne, weil Menschen immer noch lieber den Spinnen als den Schmetterlingen folgen, habe ich erst durch die Praxis gelernt." Aber Stangneth knüpft an die abendländische Tradition nicht nur negativ an, sie verfolgt durchaus auch eine aufklärerische Mission: "Hässliches Sehen ist ein Plädoyer für die Befreiung der Wahrnehmung von der Vereinnahmung durch das interessegeleitete Denken."

Eine Lebensform, die eigenen Zwecken folgt

Es geht also um die Befreiung von der Fremdbestimmung der Vernunft, denn diese reduziert unsere Entscheidungen und unser Handeln auf bloße Mittel zum Zweck. Freilich müssen wir diese Fremdbestimmung erst einmal durchschauen, die wir oft derart verinnerlicht haben, dass wir sie für unseren eigenen Willen halten. Der unerschütterlichen Aufklärerin geht es um eine Lebensform, die mehr ist als ein Vollzug von Vorgaben, die "eigenen Zwecken" folgt.

Im Gegensatz zu kollektiven Wertvorstellungen, die von Tradition oder Ideologie gestiftet sind, bringt die Selbstbestimmung ein Problem mit sich: Was wären die für alle verbindlichen Werte? Für Stangneth ist es die Vernunft, die fraglos alle Menschen verbindet, "dieses machtvolle Instrument (…): die simple Empfänglichkeit unseres Körpers für Stimmigkeit und Unstimmigkeit im Selbstverhältnis". Das ist eine reichlich kühne Kurzdefinition von Vernunft, deutet aber schon an, dass das Kriterium für Stimmigkeit nicht allein in formaler Logik zu suchen ist.

Aus der Vernunft will die bekennende Kantianerin Moral herleiten, also das Gute – und eine Welt des Guten müsse wohl auch als etwas Schönes erfahren werden. Solche Querverbindungen sind suggestiv, oft intuitiv einleuchtend, aber Stangneth versagt sich hier die stringente Herleitung. Sie muss selber einräumen, dass, weil Moral kaum sinnlich repräsentierbar ist, sie den Umweg über Verkörperungen nehmen muss, zum Beispiel über Helden oder Symbole. Natürlich ist kein moralischer Held perfekt – Stauffenberg, eines ihrer Beispiele, war alles andere als der Vertreter einer idealen Gesellschaft. Die Einheit des Guten, Schönen, Wahren bröckelt dann doch wieder am Ideal der ganzen Wahrheit.

Die Versinnlichung von Werten

Und eben an diesem Problem der Versinnlichung scheitern auch immer wieder die Integrationsdebatten, die auf Gemeinsamkeiten der Wertvorstellungen abheben: "Ehre, Treue, Respekt, Mut, Höflichkeit" – das sind Werte in allen Kulturen. "Die Probleme beginnen aber dann, wenn es um die Versinnlichung geht, also darum, welche Bilder uns dazu jeweils einfallen und welches Verhalten". Mit Sprachkursen allein lösen wir kein Problem der kulturellen Verständigung.

Die Einheit des Wahren, Guten, Schönen bleibt wohl auch nach dieser Trilogie weiterhin ein bloßes Postulat. Schade, denn aller postmodernen Rhetorik über die Ästhetisierung des Sozialen und allen Clownerien der 'politischen Schönheit' zum Trotz liegt dieses potentiell fruchtbare Themenfeld noch immer brach. Dennoch liest man auch diesen Abschlussband gern ob seiner vielen überraschenden Einsichten und seiner schlicht grundvernünftigen Einstellung, dass Denken prinzipiell ein – wie auch immer virtueller – Dialog sei.

Bettina Stangneth: "Hässliches Sehen"
Rowohlt Verlag, 2018, 160 Seiten, 20 Euro

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