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Zeitfragen | Beitrag vom 07.04.2020

Besuch in einer Berliner SchneiderwerkstattEin Leben mit Nadel, Faden und Krisen

Von Thomas Klug

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Susanne Zmudzinski mit einem selbstgenähten Mundschutz. Eine Frau mit kurzen grauen Haaren bindet sich einen pinken Mundschutz um. (Thomas Klug)
Mit Mitte 40 begann die Zwischenmeisterin Susanne Zmudzinski noch einmal von vorn und gründete ihr eigenes Unternehmen. (Thomas Klug)

Mode machen ist ein kreatives Geschäft, aber auch ein krisenanfälliges. Unternehmerin Susanne Zmudzinski kennt sich mit beidem aus. Normalerweise produziert ihre Zwischenmeisterei Mode in kleinen Serien, jetzt werden in ihrer Werkstatt Mundschutze genäht.

Das Zischen versucht es immer wieder. Es hat keine Chance. Bügelmaschine gegen Nähmaschine. Die Nähmaschine ist lauter und schneller. Die Nadel kämpft sich unbeirrt durch den Stoff, als soll das Rattern alle im Raum antreiben. Eine kleine Fabriketage in Berlin-Kreuzberg. Jeder hier, vier Frauen und ein Mann, hat Stoff vor sich und näht oder bügelt oder schneidet zu. Musikfetzen klirren durch den Raum. Manchmal tönt eine Stimme durch die Geräuschkulisse. Ruhe gibt es erst zum Feierabend.

Coronavirus-Newsletter"Wir sitzen jetzt hier im Zuschneideraum meiner Werkstatt 110%tig. In diesen Räumlichkeiten hier schneiden wir die Produktionsteile zu, das heißt, unser Kunde beliefert uns mit Materialien, den Schnitten, dem Erstmodell und wir bekommen die Order, wie viele Teile dann in welchen Größen zugeschnitten werden."

Susanne Zmudzinski. Ihr gehört hier alles. Und in normalen Zeiten wird hier Mode produziert.

"Wir haben in der Regel eine Kleinserie bestehend aus zwölf Modellen, meinetwegen bestehend aus verschiedenen Stoffen, Gesamtvolumen 300 bis 500 Teile. Das ist bei uns eine Kleinserie."

Großserien werden im Ausland produziert

Susanne Zmudzinski ist Zwischenmeisterin. Zwischenmeistereien gibt es in Berlin höchstens zehn. In den 1980er-Jahren hatte allein Westberlin ungefähr 30 davon.

"Zwischenmeisterei bedeutet eigentlich nur zwischen den kleinen Produktionen und der industriellen Produktion zu stecken, als Zwischenstation, um abzupuffern nämlich das Entstehen eines Produktes, das Entwickeln bis hin zur Fertigung Kleinserie. Und ab einer Großserie würde das ins Ausland gehen, dann in die Großindustrie."

Großindustrie. Susanne Zmudzinski weiß genau, was das bedeutet:

"Da kriegst du Vorgaben, wie viel Teile müssen in einer Stunde gefertigt werden. Das fängt morgens um sieben an mit 50 Teilen ein Arbeitsgang, immer nur einen einzigen bis hin zur Steigerung ab 11, 12, 13 Uhr immer 100 Teile pro Stunde anzufertigen. Und bei einem Durchlauf von 20.000 Kleidern mit einem Abnäher, wie es bei uns Frauen üblich ist, müssen wir dann eben von 40.000 Abnähern sprechen."

Eine Geschichte aus vergangenen Zeiten, als Näherinnen in Deutschland in großen Hallen am Fließband saßen. Susanne Zmudzinski hat das in Schleswig-Holstein erlebt.

"Die Entwicklung war ja so, dass der Osten immer attraktiver wurde, auch vor dem Mauerfall, wir sprechen hier von den 80ern. Und es wurde schon vorsichtig ausgelagert. Noch waren aber die Transportwege ein Hindernis, es war ja noch nicht alles so ausgebaut. Aber trotzdem sind, ich nehme jetzt mal Polen als Beispiel, wesentlich günstiger als wir. Und wenn man heute sich die Diskussion mal anschaut, was China, Bangladesch, Indien usw. betriff, ich sage immer ziemlich böse, die bekommen eine Reisschüssel, während wir hier wirklich Geld bekommen und noch Sozialabgaben haben, ja."

Mit Mitte 40 der zweite Versuch als Unternehmerin

Susanne Zmudzinski hat Schneiderin gelernt, danach Bekleidungstechnik in Berlin studiert. Sie arbeitete als Verkäuferin in der Modebranche, hat sich mit einer Werkstatt selbständig gemacht, scheiterte – und fing noch einmal an.

"Da stand ich dann nun und war Mitte 40 und habe gesagt, ok, was mache ich jetzt und habe einfach mich orientiert und gesagt, ich probiere was. Ich habe nicht großartig darüber nachgedacht, bin zu einem Unternehmensberater, bin zur Bank und habe einen Businessplan geschrieben und hatte im Jahr 2007, in der Krisenzeit noch das Glück, dass eine Bank gesagt hat: Was ist eine Zwischenmeisterei? Kennen wir zwar nicht, aber wenn ihr glaubt, das ist notwendig, ok. Also habe ich meinen Kleinkredit von 40.000 Euro bekommen und konnte starten."

Blick in die Schneiderwerkstatt von Susanne Zmudzinski in Berlin-Kreuzberg. (Thomas Klug)Die Schneiderwerkstatt von Susanne Zmudzinski in Berlin-Kreuzberg. "Ich habe es einfach gemacht, ich habe nicht viel darüber nachgedacht." (Thomas Klug)
Ein Start mit Mitte 40 ist möglich. Scheitern auch. Soll man vorher darüber nachdenken? Oder einfach machen?

"Es gab schon die Momente, wo ich gesagt habe, was wird passieren und was werden die anderen denken, wenn ich das jetzt gegen die Wand fahre. Das Denken war damals ganz stark, aber bitteschön, das ist über 13 Jahre zurück. Ich habe es einfach gemacht, ich habe nicht viel darüber nachgedacht. Was sollte mir letztendlich passieren? Wenn ich jetzt gegen die Wand fahr – außer, dass ich mich schäme und andere über mich lachen. Finanzieller Verlust, okay. Aber es geht weiter."

In Krisenzeiten ist Mode Nebensache

Es gibt immer die Tage an denen nicht sicher ist, ob es weiter geht. Susanne Zmudzinski hat auch an diesen Tagen Verantwortung für ihre fünf Mitarbeiter, eine davon ist von Anfang an dabei:

"Ich habe sehr schnell meine Assistentin gefunden, die auch heute noch an meiner Seite ist und meinen zweiten Kopf bildet und zusammen sind wir den gleichen Weg noch mal gegangen, zu zweit nächtelang durchzuarbeiten, um diese Firma dann aufzubereiten. Aber Angst hatte ich nicht. Ich hatte ja nichts zu verlieren."

Dafür die Selbständigkeit zu gewinnen. Doch manchmal meldet sich die Zeit am Fließband zurück.

"Ich kann nicht sagen, ich bin froh, dass die vorbei ist, es war ja meine Ausbildungszeit. Ich kann nur sagen, wie tief die noch heute in mir ist, wenn ich mal mithelfe bei meinen Mitarbeitern, dass ich mal an der Maschine so kleine Arbeiten mache, dann erlebe ich nach einer gewissen Zeit, dass ich meine Hand hebe und auf den Tisch klopfe. Das ist nämlich genau die Bewegung, die ich damals machen musste, wenn ich ein Teil fertig genäht hatte, da hatte ich natürlich einen Zählapparat gehabt, wo ich immer draufschlagen musste, ein Teil, zwei Teile, drei Teile. Und genau diese Bewegung kommt dann wieder durch, wenn ich mal heute noch an der Maschine sitze."

Mundschutz statt Mode reicht nicht, um die Firma zu retten

Es scheint, als wäre für kleine Selbständige die Krise der Normalfall. Finanzkrise, Auftragsflauten. Corona. In Krisenzeiten ist Mode Nebensache. Aber jetzt wird Mundschutz gebraucht:

Eine Frau an einer Nähmaschine, die pinke Mundschutzmasken näht. (Thomas Klug)Die Werkstatt hat sich schnell umgestellt. Jetzt werden farbige Mundschutzmasken genäht. (Thomas Klug)
"Da ich leider nicht so viele eigene Stoffe zur Verfügung stellen kann, weil unser Schwerpunkt im Haus ist mehr elastische Stoffe und Jersey, die eignen sich aber nicht gut dazu, rief unser Kunde uns an und hat gesagt, okay, wir kümmern uns um Materialien und Zuschnitt und wir beliefern euch komplett und ihr näht uns jetzt Mundschutzmasken. Lustigerweise bin ich jetzt davon ausgegangen, dass dieser Mundschutz immer uni sein muss, also in einer Farbe. Aber wir haben die in ganz lustigen Designs bekommen, das sind Fröschlein und pinkfarbene Pünktchen, die wir als Mundschutzmasken anfertigen. Das finde ich so süß daran."

Der Mundschutz allein rettet keine Firma. Susanne Zmudzinski hat für ihre Werkstatt 110%ig erst einmal Staatshilfe beantragt.

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