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Studio 9 | Beitrag vom 14.01.2019

Besuch in einem palästinensischen DorfDie Eingeschlossenen

Von Franziska Knupper

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Absperrungen bei einer israelischen Siedlung bei Nablus im Westjordanland (imago stock&people/ShadixJarar)
Absperrung im Westjordanland: "Die bauen, und wir können nichts dagegen tun." (imago stock&people/ShadixJarar)

Der neue Express-Zug von Tel Aviv nach Jerusalem fährt quer durch Israel und auch durch das Westjordanland. Wir haben einen Umweg gewagt und ein palästinensisches Dorf besucht, dessen Bewohner den Zug zwar ständig sehen, aber nie benutzen können.

Vor 20 Minuten bin ich in den roten Doppeldeckerzug eingestiegen und kann es kaum glauben, dass ich gleich in Jerusalem sein werde. Von der Mittelmeerküste Tel Avivs durch das judäische Bergland bis in die Heilige Stadt in einer halben Stunde! Bislang hat mich die Reise mit Bus und Bimmelbahn fast zwei Stunden gekostet.

Neben mir drei orthodoxe Männer in Schwarz, hinter mir zwei Soldaten in Olivgrün.

Wir fahren in den ersten Tunnel und ich weiß, dass wir damit palästinensisches Gebiet passieren. Sechs Kilometer windet sich der Zug durch das Westjordanland. Dabei passiert er eine Reihe Ortschaften, wie zum Beispiel das arabische Bergdorf Beit Iksa, dessen Bewohner vehement gegen den Bau der Strecke protestiert haben. Da will ich hin.

Ansage: "This is Jerusalem, Itzhak Navon, this is the last station."

Angekommen am Hauptbahnhof Jerusalem passiere ich zwei Straßenstände mit Kaffee und Orangensaft. Daneben sitzt ein religiöser Jude, der die Harfe spielt.

Zu Fuß durch Olivenhaine und Stacheldraht

Es gibt keine direkte Verbindung nach Beit Iksa. Das Dorf ist von drei Seiten von jüdischen Siedlungen eingeschlossen. Zunächst nehme ich den Bus Nummer 32 bis zur ersten Siedlung hinter der israelischen Grenze.

Von hier aus laufe ich zu Fuß durch Olivenhaine und Stacheldraht. Neben mir erhebt sich die neue Eisenbahnbrücke. Es ist erstaunlich anstrengend, an einen Ort zu gelangen, der eigentlich auf meinem Weg lag.

Der Bürgermeister von Beit Iksa trägt einen braunen Wollpulli und eine graue Bundfaltenhose. Sonne und Lachfalten haben sich tief in die Haut gegraben.

Moschee in Beit Iksa (imago / ZUMA Press)Moschee in Beit Iksa: Rückweg mit dem Panzerwagen (imago / ZUMA Press)

Kinder mit Plastikpistolen rennen aufgeregt auf und ab. Ich bin die erste Besucherin seit Monaten, erklärt mir der Bürgermeister und stellt mir seinen Neffen Fares vor. Fares spricht deutsch und schenkt mir Minze und Salbei, grüne Chillischoten, Tomaten und eine Handvoll Limonen aus seinem Garten.

Fares hat in Dresden in der DDR studiert. Wir sitzen in seinem Wohnzimmer, das mehr einer Empfangshalle ähnelt. Es gibt Kaffee mit Kardamom. Dazu werden Kartoffelchips und getrocknete Datteln gereicht.

"Ich fühle mich nicht frei hier"

"Das sind lauter getrennte Gebiete, richtig getrennte Gebiete, und wenn man auf die Landkarte richtig guckt und sieht, das wird niemals einheitlich, solange wie die Siedlungen existieren. Also, ich fühle mich nicht frei hier. Weil, wenn ich jetzt runterfahre oder da, wo Du gekommen bist, da bin ich bedroht, dass jemand auf mich schießt."

In einem Konflikt um Land und Raum wird Infrastruktur oft als Mittel zum Zweck eingesetzt. Wer von Beit Iksa nach Ramallah möchte, muss mehrere Checkpoints passieren. Eine Strecke von rund 18 Kilometer dauert zwei Stunden. Ein israelischer Schnellzug, den man zwar sieht, aber nicht nehmen kann, ist ein Schlag ins Gesicht für Fares.

"Am Anfang haben wir auch Streit gemacht, gesagt, wir sind dagegen, aber was … wir als normale Personen ... nein, nein, die haben weiter gebaut. Und nicht nur diese Brücke oder diese Zuglinie, nein, es gibt viele Dinge, die die bauen, und wir können nichts dagegen tun. Proteste helfen sowieso gerade bei unserer Ortschaft nicht, wir sind wie im Knast, ja, wir können nicht viel machen."

Mittlerweile ist es später Nachmittag, und Fares beginnt, über meinen Rückweg nachzudenken. Es sei nicht zu empfehlen, den gleichen Fußweg zurück durchs Gestrüpp zu nehmen. 

"Wir bringen dich bis zum Grenzpunkt, das ist das Sicherste sozusagen. Also, ich nehme es mal an, weil wir haben sowas noch nie erlebt."

In einem LKW fahren mich der Bürgermeister und Fares zum Checkpoint. Dort stehen fünf Soldaten. Zwei Mädchen und drei Jungs, alle zwischen 18 und 22 Jahre alt, die sich wundern, dass sie mich nicht gesehen haben, als ich ins Dorf gegangen bin.

Kühle Blicke, wenig Worte

Drei Busse passieren den Checkpoint Richtung Beit Iksa, während ich warte. Drei Passkontrollen. Kühle Blicke und wenig Worte werden ausgetauscht.

Jetzt rollt ein kugelsicherer Panzerwagen vor den Checkpoint. Meine Mitfahrgelegenheit. 

An der Sperrmauer entlang und unter der neuen Zugbrücke hindurch geht es zur Autobahn. Rote Rücklichter schieben sich nach Jerusalem; weiße Scheinwerfer kriechen in Richtung Tel Aviv.

Vor dem Eingang des Bahnhofs in Jerusalem spielt noch immer der orthodoxe Jude am Bordstein die Harfe.

Ich nehme die Rolltreppe zum Gleis. Zwei Züge, zwei Grenzen, ein Bus, ein LKW und ein Panzer später kehre ich zurück nach Tel Aviv. In dieser zerrissenen Gegend muss man Umwege nehmen, um die Zusammenhänge zu verstehen.

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