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Länderreport | Beitrag vom 17.05.2018

Besuch in einem Hotel ohne PersonalBett, Kühlschrank, Kochnische - sonst nichts

Von Klaus Nothnagel

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Ein Schild mit der Aufschrift "Bitte nicht stören" hängt an einer Hotelzimmertür. (dpa-Zentralbild / Ralf Hirschberger)
Im AI-Hotel stört niemand - denn Personal gibt es hier nicht. (dpa-Zentralbild / Ralf Hirschberger)

Das AI-Hotel im baden-württembergischen Aichstetten hat keinerlei Personal. Die Türen öffnen sich per Code, die Zimmer sind spartanisch eingerichtet. Das Konzept ist noch verbesserungswürdig, findet Klaus Nothnagel.

Schon von weitem sieht man, wie prächtig das neue AI-Hotel mit kostengünstigen LED-Leuchten illuminiert ist. Vor dem Eingang taste ich gut beleuchtet meine Taschen ab - wo waren noch diese Zettel mit den Zahlencodes, die ich bei der Online-Buchung bekommen habe? Ich bin nervös; denn nur mit Zahlencode komme ich ins Hotel. Der zweite Code öffnet mir dann die Zimmertür. Wenn beide Codes weg sind, muss ich eine Notrufnummer wählen. Am anderen Ende wird wohl ein Automat sprechen. Immerhin droht keine Nacht auf der Parkbank.

Jetzt hab ich die Zahlen. Klick-klack. Drin. Kein Mensch an der Rezeption, versteht sich, dies ist schließlich ein Hotel ohne Personal. Die Bar hat wohl schon zu, denke ich - ach nein, Unsinn, hier ist ja keine Bar. Könnte man nicht wenigstens einen Flachmann-Automaten aufstellen, Notversorgung wie an der Supermarktkasse?

Was fehlt, ist der Gastgeber

Im Zimmer: Fernseher, Bett, Kühlschrank, WLAN, Kochnische. Immerhin: Die Kochnische hatten wir noch nicht, als noch Personal im Hotel war. Fürs Frühstück, denke ich, wird ja wohl das Nötigste im Kühlschrank sein: Butter, Konfitüre, Schluss. Brötchen und Tageszeitung werden wohl morgen an der Klinke der Zimmertür baumeln. Ganz ohne Personal ist das Hotel also nicht; es rauscht kurz jemand unsichtbar durch und hinterlässt was.

An die verwirrende Opulenz früherer Frühstücksbüffets darf man nicht denken. Notfälle malt man sich besser auch nicht aus: Am Sakko fehlt ein Knopf, oder die Hosennaht ist aufgeplatzt, morgen früh muss man 15 graue, korrekte Herren beeindrucken. Ob hier irgendwo ein Nähzeug-Automat ist? Leider nein. Jetzt fehlt auch noch das Ladekabel fürs Handy. Früher durfte man sich immer an der Rezeption eins von den liegengebliebenen Kabeln ausleihen. Jetzt wär ein Ladekabel-Automat nötig. Zahnbürste, Rasierzeug oder dergleichen vergessen? Kopfschmerzen? Ein Automat für Zahnbürsten, Rasierzeug, Schmerztabletten und Tampons muss her. Socke beim hastigen Anziehen zerrissen: Sockenautomat. Lesestoff vergessen: Bücher-Automat. Automaten, Automaten, Automaten - nach solchen Investitionen würden die Zimmer allerdings nicht mehr "ab 39 Euro" kosten.

Gespenstisch, aber ehrlich

Warum macht das Übernachten in normalen Hotels, frage ich mich, gelegentlich Spaß? Weil Hotel und Hotelgast die Rollen von Gastgeber und Gast so spielen, als hätten sie nur mit Freundlichkeit, Höflichkeit und Sympathie zu tun - nicht mit Geld. Im personallosen Hotel ist der Gastgeber eingespart. Es geht nur noch um Geld. Gespenstisch. Aber wenigstens mal ehrlich.

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