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Lesart | Beitrag vom 12.06.2019

Besuch im Anne-Frank-Haus in AmsterdamVersteck ohne Tageslicht

Von Kerstin Schweighöfer

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Denkmal von Anne Frank vor dem Anne Frank Haus in Amsterdam, aufgenommen 2011 (picture alliance / dpa/Soeren Stache)
Viele Besucher des Anne-Frank-Hauses schreiben ins Gästebuch, wie dankbar sie darüber sind, dass sie in Freiheit leben dürfen. (picture alliance / dpa/Soeren Stache)

"Es hat mir Angst eingejagt! Das darf nie wieder passieren", lautet ein Gästebucheintrag im Anne-Frank-Haus in Amsterdam. Der Besuch des dunklen Verstecks wühlt viele auf. Anne Franks Familie lebte hier – bis ein Unbekannter sie 1944 verriet.

In Amsterdam ist sie schon einmal gewesen, aber das Anne-Frank-Haus an der Prinzengracht hat Sunema, eine 26 Jahre alte Touristin aus Indien, gerade zum ersten Mal besucht.

Und auch sie verlässt es nicht, ohne sich vorher in das Gästebuch einzutragen, das aufgeschlagen am Ausgang für die Besucher bereitliegt: "Ich habe mich dafür bedankt, dass dieser Ort als Museum aufgesucht werden kann. Ich fand es unheimlich, in diesen Räumen zu sein, wo sich Anne mit ihrer Familie versteckt hatte. Es hat mir Angst eingejagt! Das darf nie wieder passieren."

Es ist gegen vier Uhr nachmittags. Erst um 22 Uhr wird das Museum schließen – aber schon jetzt haben die Besucher an diesem Tag im Gästebuch mehr als fünf Seiten vollgeschrieben. Es gibt diese Bücher seit der Eröffnung des Anne-Frank-Hauses im Mai 1960. Sie werden im Depot aufbewahrt.

Dankbarkeit für das eigene Leben in Freiheit

Wie viele es insgesamt sind? Museumsmitarbeiterin Annemarie Bekker weiß es nicht: "Pro Monat werden zwei bis drei Bücher vollgeschrieben. Das geht schnell, denn jeden Tag kommen bis zu 4000 Besucher! Die meisten hinterlassen nur ihren Namen mit Datum, aber viele andere sind so gerührt, dass sie eine Widmung schreiben, um auszudrücken, wie dankbar sie darüber sind, dass sie in Freiheit leben dürfen. Und wie wichtig es nach wie vor ist, Diskriminierung und Antisemitismus zu bekämpfen. Sie tun es in ihrer Muttersprache – auf hebräisch, deutsch, französisch, auf spanisch, portugiesisch, englisch oder niederländisch."

So wie diese Familie aus Neuseeland: "Danke für diese zutiefst bewegende Erfahrung! Mögen wir diesen Horror niemals wieder erleben!"

Oder eine Schülerin aus den Niederlanden: "Der Besuch im Anne-Frank-Haus war supercool. Ich habe viel gelernt. Und mir im Museumsshop ein Tagebuch gekauft."

Im Museum herrscht trotz der Besuchermassen andächtige Stille. Die Menschen wagen es, nur zu flüstern, und lauschen der Stimme in ihren Kopfhörern.

Anne Frank tauchte 1942 mit ihrer Familie unter

Anne, so erfahren sie, war vier Jahre alt, als ihre Familie 1933 von Frankfurt am Main nach Amsterdam umzog. Sieben Jahre später, als deutsche Truppen die Niederlande besetzen, holt der Naziterror sie ein. Im Juli 1942 taucht die Familie unter. Vater Otto hat das Versteck Monate zuvor vorbereitet: im Hinterhaus seiner Firma an der Prinzengracht. Die Verbindungstür ist als Bücherregal getarnt.

Der schwenkbare Bücherschrank, der den Zugang zum Hinterhaus verbirgt, in dem sich Anne Frank und ihre Familie versteckte. (Anne Frank House / Photographer: Cris Toala Olivares)Der schwenkbare Bücherschrank, der den Zugang zum Hinterhaus verbirgt, in dem sich Anne Frank und ihre Familie versteckte. (Anne Frank House / Photographer: Cris Toala Olivares)

Dahinter führt eine steile Treppe nach oben in eine kleine Wohnung. 25 Monate lang lebte Anne hier mit ihren Eltern, ihrer Schwester und vier weiteren Untergetauchten – zusammengepfercht auf 50 Quadratmeter, ohne frische Luft, ohne Tageslicht, die Fenster abgeschottet. An der Wand, wo Annes Bett stand, hängen noch immer die Fotos von Prinzessinnen und Filmstars, für die sie schwärmte.

Ein misstrauischer Lagerarbeiter stellte Fallen

"Nie hätten wir gedacht, dass dieses Museum eine solche Wirkung auf uns haben würde!" schreibt ein Familienvater aus New York. "Wir kannten die Geschichte, wir kannten das Tagebuch – aber hier zu sein und alles mit eigenen Augen zu sehen – das übertraf unsere Vorstellungskraft. Danke, dass ihr diese Erinnerung nicht verblassen lasst."

Die Besichtigung führt auch durch die Büroräume im Hauptgebäude. Wo die vier Angestellten von Otto Frank ihr Leben aufs Spiel setzten, um die Untergetauchten mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Und durch die Lagerräume, in die sich Anne am Wochenende und abends nach Geschäftsschluss wagte, auf der Suche nach ein bisschen Freiheit.

Dort entdeckte sie die Fallen, die ein misstrauisch gewordener Lagerarbeiter den Untergetauchten stellte: Er streute Sand auf den Boden in der Hoffnung, am nächsten Morgen darin Fußspuren zu entdecken.

Wer Anne Frank verraten hat, wurde nie geklärt

"Der Besuch im Anne-Frank-Haus hat uns wieder einmal vor Augen geführt, wie herrlich es ist, in Freiheit leben zu können und zu dürfen", schreibt ein Ehepaar aus den Niederlanden.

Am 4. August 1944 erhält die deutsche Polizei einen anonymen Telefonanruf. Wer die Untergetauchten verraten hat, konnte nie geklärt werden. Über das Durchgangslager Westerbork landet Anne in Auschwitz und dann in Bergen-Belsen, wo sie im März 1945 an Typhus stirbt.

Ihr Vater Otto kehrt als einziger Überlebender der Familie nach Amsterdam zurück. Eine ehemalige Angestellte überreicht ihm die Tagebücher, die Anne im Versteck zurückgelassen hat.

"Oh ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod." – 5. April 1944

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