Donnerstag, 13.12.2018
 

Religionen | Beitrag vom 30.09.2018

Besuch des Dalai Lama in HeidelbergEin Selfie mit dem Gottkönig

Von Stephanie Ley

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der Dalai Lama bei einem Besuch in Heidelberg. (Steffen Diemer / Hannah Schemel )
Im Mittelpunkt des Interesses: Der Dalai Lama nimmt sich viel Zeit für die Wartenden vor seinem Auftritt in Heidelberg. Auch Exil-Tibeter kamen, um ihn zu sehen. (Steffen Diemer / Hannah Schemel )

Als der Dalai Lama nach Heidelberg kam, war die Nachfrage nach Eintrittskarten so groß, dass der Server des Veranstalters zusammenbrach. Umfragen zufolge hält jeder dritte Deutsche den Tibeter für den "weisesten Menschen der Gegenwart".

Rote Luftballons zieren den Weg zur Stadthalle unweit des Neckars. Schon in aller Frühe strömen die Menschen herbei, um ihn live zu erleben: den Dalai Lama. Jenen Mann, den hohe Geistliche im Alter von gerademal zwei Jahren als 14. Reinkarnation ausfindig gemacht und bald darauf im tibetischen Lhasa inthronisiert hatten. Für den heute 83jährigen gilt in Heidelberg die höchste Sicherheitsstufe.

Im Gebäude ist die Polizei mit Spürhunden unterwegs, Scharfschützen postieren sich an den Fenstern. Klar ist: Der Mann, der für seinen gewaltlosen Widerstand den Friedensnobelpreis erhielt, hat Gegner. Für die über 1000 Gäste in Heidelberg nur schwer nachvollziehbar - sie sind voller Erwartung.

Besucher: "Ich bin natürlich hier, den Dalai Lama mal persönlich kennenzulernen. Ich habe auch schon vieles über ihn gelesen und habe vor einiger Zeit angefangen, nach seinen Regeln zu leben und das hat mir sehr geholfen." - Autorin: "Das heißt, Sie sind Buddhist?" - Besucher: "Nein. Ich bin tatsächlich Christ und finde es auch sehr gut, dass eben der Dalai Lama oder der Buddhismus allgemein allen Religionen offen ist."

Der Dalai Lama bei seinem Besuch in der Stadthalle von Heidelberg. (Steffen Diemer / Hannah Schemel )Nicht heiliger als wir übrigen sieben Millionen: Der Dalai Lama gab sich bescheiden und appellierte als "einfacher buddhistischer Mönch" an das Gemeinschaftsgefühl des Publikums. (Steffen Diemer / Hannah Schemel )

Besucherin: "Ja, warum bin ich hier? Weil ich mich sehr dafür interessiere, wie man in diesem Leben glücklich wird und bin mal echt gespannt, diesen Menschen kennenzulernen!"

Weiterer Besucher: "Ich freue mich jetzt mal ein paar neue Eindrücke zu gewinnen, von jemandem, der doch so viel schon bewegt hat nur durch seine Worte."

Begegnung mit dem spirituellen Führer

Auch der buddhistische Mönch Sönam Rabgye hat eine der heißumkämpften Karten ergattert. Der Nepalese sieht im Dalai Lama seinen spirituellen Führer und hat ihn schon viele Male erlebt.

Rabgye: "He is a wonderful teacher. He is very open, warm hearted. I´m really happy to listening to his advices."

Er sei ein ganz wunderbarer Lehrer, schwärmt der Mönch, weltoffen und warmherzig. Er sei wirklich glücklich, seinen Weisungen folgen zu dürfen. Am Hintereingang sammeln sich derweil die Zaungäste. Unter ihnen: zahlreiche Tibeter. Auch Tenzin steht an der Absperrung: akkurat gebügeltes Hemd, weiße Turnschuhe. Vor sechs Jahren habe er aus seiner Heimat fliehen müssen, erzählt der junge Tibeter, aus politischen Gründen. Seitdem lebt er in Deutschland. Dass er heute den Dalai Lama sehen wird, macht den Facharbeiter überglücklich.

"Das ist ein goldener Tag für uns. Dazu kriegen wir keine Möglichkeit in Tibet", sagt Tenzin mit leuchtenden Augen. Als sich ein dunkler Autokonvoi nähert, ist er nicht mehr zu bremsen. Applaus brandet auf, als der Dalai Lama aussteigt. Gestützt auf einen Begleiter nimmt sich der 83-jährige viel Zeit für die Wartenden. Umarmt eine Tibeterin, lacht für ein Selfie, kostet vom süßen Reis, der ihm in Schalen gereicht wird. Und - kommt schließlich auch zu Tenzin. Der junge Mann ist überwältigt. Für den Flüchtling aus Tibet geht ein langgehegter Traum in Erfüllung.

Tenzin: "Oh - ich bin sprachlos! Meine Hand zittert. So viele Gefühle habe ich nie gehabt!" - Autorin: "Was haben Sie mit ihm gesprochen?" - Tenzin: "Woher ich komme und wo ich in Deutschland wohne und sowas." - Autorin: "Sind Sie ihm schon mal so nah gekommen?" - Tenzin: "Bis jetzt nie, das war mein erstes Mal. Ich bin zufrieden! Nach dem Segen kann ich richtig feiern. Einfach mit Kumpels richtig essen und den Tag genießen. Mehr brauche ich sowieso nicht!"

Bizarres Schauspiel mit Fotografen

In der Stadthalle nimmt seine Heiligkeit derweil auf der Bühne Platz. Standing Ovation des Publikums - Blitzlichtgewitter. Die Kameras der Journalisten halten jede noch so kleine Regung fest: seine Heiligkeit lächelt. Foto. Kratzt sich am Kopf. Foto. Grüßt. Foto. Irgendwie ein bizarres Schauspiel, das unweigerlich die Frage aufkommen lässt, was der Religionsführer sich wohl dabei denken mag? Eine mögliche Antwort liefert er gleich zu Beginn seiner Rede, die unter dem Thema "Glück und Verantwortung" steht.

"I´m just a simple buddhist monk. I´m one of the seven billion human beings. We are all the same."

Er sei nur ein einfacher buddhistischer Mönch, nur einer von sieben Milliarden Menschen. Sie seien alle gleich, sagt Tenzin Gyatso, nur dass man ihn als Dalai Lama auf einen "hohen Thron" gesetzt habe.

Das Publikum lauscht konzentriert. Manchmal ist seine Heiligkeit schwer zu verstehen, nuschelt ein bisschen, doch seine Kernbotschaft kommt glasklar rüber: Menschen seien durch und durch soziale Wesen, erklärt der Dalai Lama, glücklich sein, Erfolg haben, überleben, könne der Einzelne nur in der Gemeinschaft. Deshalb sein Appell:

"So, take care about community! Try to make – as much as you can – some contribution. For a better world, happier world, peaceful world!"

Kümmere dich um die Gemeinschaft. Versuche, soweit du irgend kannst, einen Beitrag zu leisten für eine bessere, glücklichere, friedlichere Welt. Und dann ist es wieder da, das typische Kichern, mit dem der Dalai Lama auch diesmal wieder den ganzen Saal mitreißt.

Appell für mehr Mitgefühl

Der Schalk sitzt dem Gottkönig einfach im Nacken, keine Antwort ohne Anekdote, ohne Witz. Anteilnahme und Trauer hingegen bei heiklen Themen wie dem tragischen Schicksal der Rohingya in Myanmar. Sein Einfluss sei einfach nicht groß genug, um ihrem Leid ein Ende bereiten zu können, sagt der Dalai Lama. Angesichts der vielen Konfliktherde brauche es eine weltweite Bewegung - Beten allein reiche nicht aus.

Es sind Anregungen, die beim Publikum ankommen. Das zeigt etwa das Statement einer Besucherin, die sich nach langem Schlussapplaus wieder auf den Heimweg macht.

"I liked his suggestion: we need a new movement. A spread compassion around."

Ich mochte seinen Vorschlag, dass es eine neue Bewegung, mehr Mitgefühl brauche, sagt sie. Keine neue Weisheit, aber eben eine, die anscheinend immer mal wieder ausgesprochen werden muss. Echte Glücksgefühle hingegen verspürt Renate Mörtel aus Wiesloch. Sie fühlt sich nach der Begegnung mit dem Dalai Lama wie ausgewechselt:

"Ich habe eine unglaublich schwere Zeit hinter mir und merke jetzt, irgendwie, super! Jetzt fallen so viele Backsteine von mir! Also, ich finde es einfach nur toll!"

Mehr zum Thema

Rohingya in Myanmar - Leiden unter der Gewalt der Gewaltlosen
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 01.11.2017)

Fixstern der Exiltibeter in Indien - "Ohne den Dalai Lama sind wir nichts"
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 17.05.2016)

Ethik - Meditation ohne Religion
(Deutschlandfunk, Tag für Tag, 12.09.2017)

Religionen

Kirchen fehlen die KüsterGotteshäuser ohne Hüter
Küster Lutz Pesler putzt das Tausbecken in der Dresdener Frauenkirche. (picture alliance / dpa / Matthias Hiekel)

Sie stauben Engel ab, legen Gesangbücher aus und stellen frische Blumen auf den Altar. Küster oder Mesnerinnen sorgen dafür, dass Gläubige sich in ihrer Kirche wohlfühlen. Trotzdem gibt es immer weniger Geld für ihre Arbeit.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur