Seit 11:05 Uhr Lesart

Samstag, 17.11.2018
 
Seit 11:05 Uhr Lesart

Zeitfragen | Beitrag vom 19.10.2018

Besuch bei Richard Flanagan in Tasmanien"Hier bei uns verläuft die Zeit in Zyklen"

Von Margarete Blümel

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der australische Schriftsteller Richard Flanagan (imago)
Der australische Schriftsteller Richard Flanagan (imago)

Tasmanien ist vom Gedankengut der Aborigines geprägt, das auch im Werk von Richard Flanagan eine Rolle spielt. Er ist einer der bekanntesten Schriftsteller Australiens und Träger des Man Booker Prize. Eine Begegnung in seiner Heimatstadt Hobart.

Richard Flanagan lebt in Tasmanien, einer zu Australien gehörenden Insel, die bis heute nachhaltig vom Gedankengut der Aborigines durchdrungen ist. In Tasmanien, so der Autor, verlaufe die Zeit nicht linear, sondern in Zyklen. Diese Sichtweise, etwa in den 1850er-Jahren und im 21. Jahrhundert zugleich zu leben, sei der europäischen Zeitvorstellung völlig fremd. Eine Begegnung mit dem Schriftsteller in seiner Heimatstadt Hobart in Tasmanien.

(Zitat): "Kurz hinter Hobart fing es zu schneien an. Eukalyptusbäume und mannshohe Farne neigten sich, vom Schnee beschwert, über die Fahrbahn. Als sie die Bergkuppe hinter sich gelassen hatten, hielt der Brauereifahrer an, und Dorrigo stieg aus.

Er entdeckte die Frau in der kleinen Molkerei, wo sie Butter stampfte. Er nannte seinen Namen und seine Regimentsnummer, und noch bevor er etwas sagen konnte, führte sie ihn durch die angrenzende Küche, in deren Mitte ein knisternder Brennofen stand, ins kalte, dunkle Wohnzimmer. Sie nannte ihn Sir. Als er sagte, das sei nicht nötig, nannte sie ihn Mr. Evans."

Der Chirurg Dorrigo Evans ist der Hauptakteur in Richard Flanagans Roman "Der schmale Pfad durchs Hinterland".

(Zitat ): "Ich habe das Alleinsein nicht ausgehalten, sagte die Frau schließlich. Als mein Mann im Krieg war, habe ich alle Kinder zu mir ins Bett geholt. Wir alle zu sechst in einem Bett. Lächerlich, was? Der Teekessel pfiff, sie verschwand in der Küche."

Flanagans Hausgenosse: Herb, der eifersüchtige Papagei

In der Küche seines Hauses in Hobart, im zwei Flugstunden von Sydney entfernten Bundesstaat Tasmanien, bereitet Richard Flanagan Tee zu. Die rustikale Holzvertäfelung, der große Esstisch in der Mitte und die hohen Fenster lassen diese Küche licht und warm erscheinen. Herb, Richard Flanagans Papagei, sitzt, wie so oft, wenn der Herr des Hauses da ist, auf einem Tischchen hinter Flanagans Lieblingsstuhl. Der Autor ist mittelgroß, kräftig und von bescheidener Selbstsicherheit. Er wirft Herb einen Blick zu, lächelt und schließt die Tür, damit die Handwerker, die im Haus sind, uns nicht stören können. 

"I shut this door. There are some workmen here." 

Richard Flanagan verließ mit sechzehn Jahren die Schule und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, bevor er seine Ausbildung fortsetzte. Er ging dann als Rhodes-Stipendiat nach Oxford, wo er 1991 sein Geschichtsstudium abschloss. Drei Jahre darauf entstand der erste von bisher sechs Romanen – "Tod auf dem Fluss". In dem Buch verunglückt ein Tourist während eines Schlauchboot-Trips auf dem tasmanischen Franklin River. Der Fremdenführer Aljaz will ihn retten und springt ihm nach, bleibt aber unter Wasser in einer Felsspalte hängen. Szenen aus seiner Vergangenheit ziehen vor seinem inneren Auge vorüber und mischen sich mit Wünschen und Träumen:

(Zitat): "Ich falle hinunter in eine Stadt, in eine Straße, setze über einen Waschsalon hinweg, über eine Durchgangsstraße und bin in einem verwilderten Garten, dessen Umrisse jetzt im dämmrigen Licht des späten Nachmittags bereits unscharf werden. Zum Garten hinaus geht ein Wohnzimmerfenster, das von einer nackten Glühbirne erleuchtet wird. In dem Wohnzimmer unter der Glühbirne sitzen Couta Ho und Maria Magdalena Svevo.

Ich kann sie sehen, aber sie können mich nicht sehen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich plötzlich wild mit den Fäusten auf die beiden einschlage, so ähnlich wie früher, als ich manchmal spätabends in dieser oder jener Kneipe ein paar Hiebe austeilte. Das ist Jahre her, das will ich denn doch gesagt haben. Damit jemand von mir Notiz nahm und sagte, ja, Kumpel, du gehörst auch dazu, und du bist uns nicht gleichgültig, und was du denkst und fühlst, hat sehr wohl Bedeutung, du bist nicht nichts. Aber natürlich sagte nie jemand etwas in dieser Art."

Die Wineglass-Bucht vom Berg Amos, Freycinet National Park, Tasmanien, Australien  (imago)Traumschön: Die Wineglass-Bucht im Freycinet National Park, Tasmanien. (imago)

Richard Flanagan hat Kekse auf den Tisch gestellt und will gerade auf die ersten Jahre seines literarischen Schaffens zu sprechen kommen, doch Herb fällt ihm ins Wort. Der Papagei wird eifersüchtig, wenn der Hausherr sich seinen Gästen zuwendet. Also kommt Herb in seinen Käfig am äußersten Ende der Küche.

"Have a look. He gets jealous when people talk.  I bring him over here.... Say Margaret!"

(Weiter mit Voice Over):
"Als ich zu schreiben begann, war ich ein großer Anhänger europäischer Romane. Nur – das Konzept dahinter  entsprach überhaupt nicht meinen Erfahrungen. Der Mensch war immer allein. Kafkas Josef K. stirbt wie ein Hund - einsam und verlassen. Bei Tschechow heißt es: Genauso wie man lebt, geht man auch ins Grab – mutterseelenallein. Die europäische Literatur ist so von diesem Gedanken beseelt, das ganze Leben stehe unter dem Schatten der Einsamkeit. Aber ich erlebe das ganz anders. Ich bin hier aufgewachsen und habe mich niemals allein gefühlt. Im Gegenteil: Ich fühlte mich stets mit vielen Menschen verbunden. Und ich bin  von ihnen durchdrungen, von den Lebenden ebenso wie von den Verstorbenen."

Wale und Gefängnisschiffe

(Zitat): "Ich war lange unterwegs, eine sehr lange Zeit, so kam es mir vor. Ich sah, dass Menschen und ihre Wahrheit des Feuers kamen. Sah, wie sie ein neues Land schufen, das im Zeichen des Feuers stand: faszinierend, aber voller schroffer Gegensätze, alt wie die Zeit selbst und immer neu wie eine Flamme, zerstörerisch und doch fruchtbar. Sah Eis und Schnee weitgehend verschwinden und den Regenwald wieder vordringen. Sah weiße Männer auftauchen und sah, wie sie die Welt auf den Kopf stellten. Ich sah es, alles, und setzte meinen Weg fort."

Flanagan:
"Das Land hat hier seit jeher eine starke Präsenz. Und es gibt eine orale Erzähltradition, die 20.000 Jahre älter ist als die europäische. Das Land, die Zeit, die Vergangenheit – all das hat in Tasmanien ein anderes Gewicht. Und das bedeutet, dass ich einen Roman nicht so konzipiere wie ein europäischer Schriftsteller es tun würde."

(Zitat): "Ich sah Herden geschlachteter Wale, riesige verträumte Wesen, die über dem Frenchmans Cap flogen und kleine Schatten über mich, der ehrfürchtig zu ihnen aufschaute, warfen, sah zwischen ihnen ganze Kolonien dahingemetzelter, ähnlich schwerelos gewordener Seehunde umherschwirren. Sah ein Eingeborenendorf mit bienenkorbartigen Hütten und Frauen, die geraubt worden waren und schreckliche Geschichten und seltsame, unheimliche Lieder mitgebracht hatten, als sie zurückkehrten. Und sie warfen mit ihren schimmernden Händen Meteoriten, und überall, wo einer hinfiel, entstand ein Berg oder ein Tal oder ein Hügel oder ein Fluss oder ein Wald, den ich durchquerte.

Ich sah Gefängnisschiffe, die entlang der Milchstraße Mengen von Sträflingen ausspien; ihre grobwollene gestreifte Gefängniskleidung hatte die ätherischen Farben der weiten südlichen Morgenröte angenommen, und sie bewegten sich spielerisch leicht und lächelten und waren endlich frei. Sie alle umkreisen mich jetzt. Wale, Menschen, Bäume, Tiere, Vögel. Ein Tunnel der Gnade, durch den ich meine Reise fortsetze."

Flanagan: 
"In dieser Welt hier, in der ich aufgewachsen bin, ist Vergangenheit immer anders verstanden worden als üblich. Mal als ein Zeitraum, der Jahrhunderte zurückliegt, mal als etwas, das sich auch morgen  ereignen könnte. Vergangenheit bedeutet also: jederzeit... Dies ist ein beeindruckendes Konzept, das auf die Aborigines zurückgeht und das Eingang in die hiesige australische Kultur gefunden hat: Hier bei uns verläuft die Zeit in Zyklen."

Blick über die Gipfel des Cradle Mountain bei Hobart im australischen Tasmanien. Foto aus dem Dezember 1998. (picture alliance/dpa/Rob Taylor)Richard Flanagan beschreibt in seinen Roman die Schönheit seiner tasmanischen Heimat, hier: Cradle Mountain. (picture alliance/dpa/Rob Taylor)Der gebürtige Tasmanier Richard Flanagan liebt die Insel, deren herbe Schönheit er in seinen Romanen immer wieder beschreibt. Kein anderer einheimischer Schriftsteller rücke Tasmanien mit all seinen Vorzügen und Schwächen so kenntnisreich in den Fokus wie Richard Flanagan, sagt der australische Literaturkritiker Geordie Williamson:

"Tasmanien ist ein großartiger Bundesstaat. Es ist eine wunderschöne Insel am Ende der Welt. Dann folgt nur noch die Antarktis. Noch vor gar nicht so langer Zeit galt Tasmanien als rückständig, als ein Landstrich mit einer besonders dunklen Geschichte, voller Gewalt und rassistischer Zerstörungswut."

Flanagan:
"Ich liebe diesen Ort, fühle mich ihm verbunden und bin sehr vertraut mit ihm. Tasmanien ist sehr schön und bewegend – und damit die richtige gute Umgebung, um Bücher zu schreiben."

Zwischen 19. und 21. Jahrhundert

Auf seiner Heimatinsel wird der Schriftsteller in diesem Monat auch seinen fünfundfünfzigsten Geburtstag feiern. Hier besitzt Flanagan nicht nur das auf einem Hügel über Hobart gelegene Haus, sondern auch eine Hütte auf Bruny Island, einer kleinen Insel, die durch einen Fährdienst mit Hobart verbunden ist.

In Tasmanien, so Richard Flanagan, fühle er sich ständig, als lebe er in verschiedenen Epochen, also etwa in den 1850er Jahren und im 21. Jahrhundert zugleich:

"Here you could feel living in the 1850s and in the 21th century, both things can feel to exist at the same time."

Wie geschickt Richard Flanagan diverse Zeitebenen miteinander zu verbinden versteht, beweist er unter anderem in seinem Roman "Der schmale Pfad durchs Hinterland". In diesem Buch, für das der Autor vor zwei Jahren mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde, geht es um nichts weniger als um Wahrheit, um Liebe, Tod, um den Krieg und um das, was er aus den Menschen machen kann.

In dem Roman idealisieren die japanischen Kriegsherren ihr Terrorregime durch eine perfide Logik: Es sei eine große Schande, in Gefangenschaft geraten zu sein, eröffnen sie ihren australischen Kriegsgefangenen. Doch der japanische Kaiser biete ihnen einen Ausweg – ihren Einsatz beim Bau der von ihm geplanten Bahnstrecke zwischen Thailand und Birma. Für den japanischen Kaiser zu arbeiten, erklären die Aufseher den gefangenen Soldaten, sei der einzige Weg, ihre Ehre wiederherzustellen.

Die Übersetzerin Eva Bonné hat Richard Flanagans "Der schmale Pfad durchs Hinterland" ins Deutsche übertragen:

"Die Erzählung ist aufgebaut um japanische Haikus. Und dem Ganzen zugrunde liegt ein Haiku, das die Hauptfigur im Alter entdeckt. Ein Todesgedicht von Shisui. Und das aber gar kein Gedicht ist, sondern nur ein Kreis."

In einem sogenannten Todesgedicht thematisieren Haiku-Dichter ihr bevorstehendes Ende. Die Darstellung des Haikus als Kreis ist aber eher ungewöhnlich. In der deutschen Übersetzung sind diese japanischen Verse im Allgemeinen Dreizeiler mit einem konkreten Bezug:

(Zitat): "Blühendes Gras auf dem alten Schlachtfeld
den Träumen entsprossen
der toten Krieger."

Eva Bonné:
"Also, dieser japanische Dichter hat, als er sein Todesgedicht abliefern sollte, einfach nur einen Kreis gemalt auf ein leeres Blatt Papier. Und der Gedanke an diesen Kreis verfolgt die Hauptfigur durch das ganze Buch."

Dem gegenüber steht die Bahnlinie, die Dorrigo Evans und seine Soldaten durch den Dschungel bauen sollen.

"Der Gegenspieler des Kreises ist in diesem Fall die Linie, die Bahnlinie, die Strecke, so dass wir auf der einen Seite den Einklang haben mit dem Leben, mit der Natur und auf der anderen Seite die Strecke, das Gerade, das Gezwungene, das, was der Mensch der Natur und auch sich selbst aufzwingt, mit Gewalt, das ist die Linie."

Das japanische Militär kommandiert asiatische Zwangsarbeiter und die alliierten Kriegsgefangenen in den 1940er-Jahren zum Bau der Bahnstrecke durch den gebirgigen Dschungel zwischen Thailand und Birma ab. Sie wird mehr als hunderttausend Menschen das Leben kosten.

Auch das Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Kulturen fordert seinen Tribut. So geht es zum Beispiel immer wieder um Stolz, um Ehre, darum, das Gesicht zu wahren – zuweilen um jeden Preis.

Die Bestrafung eines Kriegsgefangenen durch den koreanischen Sergeanten erscheint dem japanischen Befehlshaber Nakamura zu lax. Er will die Züchtigung deshalb selbst zu Ende führen, tritt vor, bleibt an seinem rechten Stiefel hängen und landet vor aller Augen im Dreck.

Krasse Szene im Gefangenenlager

Geordie Williamson ist diese und die darauffolgende Passage besonders im Gedächtnis geblieben:

"Nun folgt die Bestrafung eines kranken und verletzten Gefangenen, die dazu dient, das Gesicht zu wahren – eine außergewöhnliche Situation. Ich lese eine kurze Passage aus diesem Kapitel.

Als er in die Gesichter von Freund und Feind blickte, wurde Nakamura schmerzlich bewusst, dass wirklich jeder den demütigenden Sturz gesehen hatte. Gefangene, Koreaner. Seine japanischen Offiziere. Er hatte genug. Er war müde. Er war seit drei Uhr morgens auf den Beinen. Er hatte noch so viel zu erledigen, doch schon neigte der Tag sich dem Ende zu, und mit der Eisenbahn lagen sie im Zeitplan so weit zurück wie nie. Nakamura – gedemütigt, erbost, verdreckt – entdeckte einen Haufen Werkzeug, das die Gefangenen abgelegt hatten. Sein Verstand klarte sich abrupt auf."

Eva Bonné:
"Die Stelle verdeutlicht sehr gut, dass auch die Japaner Opfer waren. Also, dass auch die Japaner unter dieser schrecklichen Gewalt gelitten haben. Und: Er beschreibt sehr anschaulich. Man hat das alles vor sich. Es ist immer bunt. Sinneseindrücke stehen bei ihm oft im Vordergrund."

(Zitat): "Er ging zum Werkzeug hinüber, wählte einen Axtstiel, wog ihn in den Händen und packte ihn wie einen Baseballschläger, marschierte am australischen Colonel vorbei bis zu dem koreanischen Sergeanten, der auf den Kriegsgefangenen eindrosch. Er rief den Aufseher zur Ordnung. Nakamura baute sich breitbeinig auf, holte mit dem Stiel aus wie mit einem Samuraischwert und hieb ihn dem Aufseher mit aller Kraft in die linke Niere."

(Zitat):
"Der Koreaner grunzte, schwankte und fiel beinahe um. Nur unter Mühen konnte er sich wieder aufrichten und Haltung annehmen. Nakamura hob sich den Stiel über den Kopf und ließ ihn mit einem kraftvollen Schwung an den Hals des Koreaners krachen. Zuletzt führte er einen Rückhandstreich gegen die Schläfe aus, der Waran ging auf ein Knie. Nakamura brüllte ihn auf Japanisch an, warf ihm den Axtstiel an den Kopf, trat vor Dorrigo Evans und verbeugte sich. Dorrigo Evans verbeugte sich ebenfalls, ohne es zu wollen."

Regenwald auf Tasmanien (dpa / picture alliance / Chad Ehlers)Regenwald auf Tasmanien. (dpa / picture alliance / Chad Ehlers)

In diesem Roman erzählt Richard Flanagan mehr als die Geschichte der Kriegsgefangenschaft und des Baus der Eisenbahnstrecke. Er erzählt auch die Geschichte von Dorrigo Evans, der nicht nur Arzt ist und seinen Kameraden so gut es geht zu helfen versucht, sondern auch der unglückliche Mann, den eine lang währende, immer wieder aufflammende Liebesbeziehung mit der Frau seines Onkels verzehrt.

Eva Bonné:
"Was mir im Vorgang des Übersetzens immer klarer wurde, dass er zum Beispiel diese Kriegshandlungen und die Lagerszenen immer wieder unterbricht, um die Liebesgeschichte voranzutreiben, die mir am Anfang gar nicht so gefallen hat. Aber ich hab' dann irgendwann gemerkt, das wäre überhaupt nicht zu ertragen. Ich brauche diesen Rahmen, ich brauche eine Rückschau, ich brauche eine Distanz zwischen der Hauptfigur, in deren Kopf ich reinschauen darf und den schrecklichen, traumatischen Ereignissen, die sie da erlebt hat. Und das hat er perfekt gemacht."

Der Roman hat Zeit und Kraft gekostet

Keiner seiner anderen Romane hat Richard Flanagan so viel Zeit und Kraft gekostet wie dieser. Zwölf Jahre hat er daran gearbeitet und fünf völlig unterschiedliche Entwürfe geschrieben, um sie wieder zu verwerfen und schließlich zu verbrennen.

Wir sind von der Küche in das Arbeitszimmer gewechselt, wo der Hausherr mich auf die alte Holzkonstruktion hinweist, die der Architekt genutzt und erweitert hat, um Platz für die vielen Bücherregale zu schaffen. Mein Blick fällt auf Buchrücken mit Titeln von japanischen, französischen und südamerikanischen Autoren. Aber auch von Günther Grass, Kafka, Dostojewski, und, wieder und wieder, William Faulkner.

Der tasmanische Möbeldesigner Kevin Perkins und seine Frau sind gekommen. Ich solle mich gern in Ruhe umschauen, sagt Richard Flanagan, bevor er nach draußen zu seinen Freunden geht.

In der untersten Regalreihe zur Rechten entdecke ich die Werke Flanagans - mehrere Sachbücher und die sechs Romane. Ich ziehe "Gould's Buch der Fische" heraus, Flanagans dritten Roman. Im Zentrum der Erzählung steht der Dieb William Gould, der auf einer tasmanischen Gefängnisinsel in einer Zelle auf seine Hinrichtung wartet. 

(Zitat): "Sie sollen nicht glauben, dass ich hier schlecht behandelt werde. Oh nein. Manchmal bringen sie mir Grütze und gepökelten Schweinebauch in einem Blechnapf, den sie mir hinschmeißen. Manchmal lächle ich freundlich und wenn ich mich dazu aufraffen kann, bewerfe ich sie mit einem Stück Kot, das ich extra für diese Gelegenheit aufgehoben habe. Manchmal verabreichen sie mir im Anschluss an den Austausch solcher Freundlichkeiten eine Tracht Prügel, und ich bin auch dafür dankbar, denn es beweist immerhin, dass ich ihnen nicht völlig gleichgültig bin. Allerbesten Dank, meine Lieben, sage ich, danke, danke, danke. Sie lachen darüber, und bei aller Prügelei und allem Kotschmeißen kann ich sagen, dass wir wirklich wunderbar miteinander auskommen. 'Das ist das Schöne an so einer Strafkolonie auf einer Insel', sage ich leise zur Zellentür, 'dass wir alle miteinander in derselben Scheiße sitzen, die Schließer und die Wachsoldaten und der Kommandant höchstselbst. Ist doch so, oder nicht?'

'Nein!', schreit der Schließer Pobjoy durch die Klappe, aber ich höre ihn nicht, denn er darf noch nicht in die Geschichte hinein, wenn er aber erst mal drin ist, so wie ich, kommt er auch nicht mehr raus, darauf können Sie sich verlassen."

William Gould nutzt den Gefängnisaufenthalt, um seine Erinnerungen niederzuschreiben. Der für das Gefängnis zuständige Arzt wird auf ihn aufmerksam und erteilt ihm den Auftrag, alle Fische Tasmaniens für ihn zu zeichnen.

(Zitat): "Wie hätte ich damals, als ich mein erstes Fischbild malte, wissen können, dass ich ein Unternehmen begonnen hatte, welches ebenso quichottisch wie endlos war?

Aber die Krittler werden sagen, dass ich klein bin und meine Bilder unbedeutend. Doch ich bin William Buelow Gould, eine Ein-Mann-Partei und undefinierbar, und meine Fische werden mich befreien, und ich werde mit ihnen fliehen.

Und Sie? Sie brauchen es mir nur nachzutun: Wenn Sie lange genug einem Fisch ins Auge blicken, dann werden auch Sie sehen, was ich Ihnen jetzt beschreibe, dann werden auch Sie hinabtauchen in die Welt des Ozeans, wo es keine Gitterstäbe gibt, nur Bahnen von Licht."

Eva Bonné: "Was auch eine Spezialität von Flanagan ist, dass er einen Rahmen setzt, den man nicht spürt oder merkt. Da ist kein Korsett. Das liest sich alles so weg. Es fließt so dahin, aber dahinter steht wirklich ein großes theoretisches Konzept von der Welt, vom Platz, den der Mensch in der Welt hat."

Geordie Williamson:
"Von Anfang an war klar, dass wir es mit einem sehr talentierten Autor zu tun hatten. Doch 'Goulds Buch der Fische' war dann sichtlich eine Steigerung von Richards literarischen Ambitionen. Und die beiden darauffolgenden Romane zeigten, dass er auch das high-concept-genre, die gewaltigen, brenzligeren Themen, beherrschte. Und das sogar exzellent!"

Wie beispielsweise in "Die unbekannte Terroristin" oder in "Wanting". "Wanting" ist vor acht Jahren in Australien erschienen und wurde ein Jahr darauf unter dem Titel "Mathinna" ins Deutsche übersetzt. "For Kevin Perkins" lese ich die Widmung in Flanagans Roman "Mathinna".

Darin geht es um den unrühmlichen Umgang der Tasmanier mit den Aborigines. Als nach 1800 Strafgefangene aus den überfüllten englischen Gefängnissen nach Australien deportiert wurden, gelangten besonders viele Sträflinge nach Tasmanien. Im Verlauf der nächsten dreißig Jahre führten die Weißen auf der Insel regelrechte Feldzüge gegen die Ureinwohner. Am Ende überlebten nur wenig mehr als hundert Aborigines.

(Zitat): 
"Mathinna stieg über die drei Stufen zur Tür und klopfte mit den Fingerknöcheln, wie man es ihr immer wieder gezeigt hatte, an. Der Protektor blickte von seinen pneumatischen Studien auf und sah ein Eingeborenenmädchen hereinkommen. Sie war barfuß und trug einen schmuddeligen Kittel und eine rote Wollmütze, eine Rotzschliere schlüpfte aus ihrem rechten Nasenloch und wieder hinein wie ein lebendiges Wesen. Sie sah zur Decke hoch und an den Wänden herum. Meistens blickte sie auf den Boden.

'Ja?' sagte der Protektor. Wie alle Schwarzen hatte sie die irritierende Angewohnheit, ihm nicht in die Augen zu sehen.

'Ja, Mathinna?' Mathinna schaute auf ihre Füße, kratzte sich unter dem Arm, sagte aber nichts.

'Also, was ist? Was ist los, Kind?'

Und plötzlich fiel ihr wieder ein, warum sie hier war.  'Rowra', sagte sie – das Wort, mit dem die Eingeborenen den Teufel bezeichneten –, atemlos, als flitzte ein Speer auf sie zu, 'Rowra', und dann: 'ROWRA!'"

Sir Franklin, der Gouverneur von Tasmanien, und seine Frau holen im Jahre 1839 ein Aborigine-Mädchen zu sich ins Haus. Sie betrachten Mathinna als Wilde und verfolgen fortan das Ziel, die Kleine zu zivilisieren. Sir Franklin fühlt sich stark zu dem Mädchen hingezogen. Jahre später, als er Tasmanien verlässt, weil ihn die Pflicht nach England ruft, ist es jedoch vor allem Mathinna, die unter der Trennung leidet. Gebrochen, ohne Halt, bleibt sie in Tasmanien zurück.

Die Besucher haben sich verabschiedet, und wir setzen unser Interview fort. Zwei weitere Tassen Tee später verlasse auch ich das Haus. Flanagan hat zuvorkommend meine Fragen beantwortet. Auch die nach dem nächsten Buch, an dem er gerade arbeitet:

"Es wird um einen ghost writer gehen, der die Memoiren eines Schwindlers schreibt. Der Roman spielt in der Gegenwart und in einem anderen Teil Australiens. Er wird nächstes Jahr herauskommen  -  ein Buch über Bücher, über das Schreiben und über das Verhältnis von Fiktion und Wahrheit."

Der Held: ein zutiefst unglücklicher Mensch

In Flanagans bisher letztem Roman "Der schmale Pfad durchs Hinterland" kehrt Dorrigo Evans schließlich aus der Kriegsgefangenschaft nach Australien zurück. Die Frau seines Onkels, seine große Liebe, Amy, ist Berichten zufolge vor Jahren gestorben. Schon bald genießt Evans einen ausgezeichneten Ruf als versierter Chirurg, doch im Kern ist und bleibt er ein unglücklicher Mensch.

(Zitat): "Sydney war voller amerikanischer GIs, die in Vietnam stationiert und jetzt auf Diensturlaub waren. Es war spät am Nachmittag, in der Stadt war es drückend heiß. Dorrigo Evans lief vom Krankenhaus zum Circular Quay, dort löste er sich aus dem Schieben und Drängen der Menschenmasse und lief auf die Sydney Harbour Bridge. In der Mitte blieb er stehen.

Als Dorrigo sich vom Geländer löste und seinen Weg fortsetzen wollte, entdeckte er sie in der Ferne, sie trat gerade aus einem schrägen Schattenstreifen ins Licht.

Kurz darauf sah er sie wieder, sie kam ihm entgegen, eingerahmt von zwei Sandsteinpfeilern, die am nördlichen Ende der Brücke von einem Bogen überspannt wurden. Ihr Kopf tanzte wie Treibholz auf der wogenden Passantenflut.

Sie trug eine modische Sonnenbrille und ein ärmelloses, dunkelblaues Kleid mit weißem Band um die Hüfte. Sie hatte zwei Kinder dabei, zwei kleine Mädchen, eines an jeder Hand.

Er hatte sie für tot gehalten, aber da war sie, sie kam ihm entgegen, sichtlich gealtert, auch wenn die Zeit sie in seinen Augen schöner gemacht hatte. Amy.

Sollte er etwas rufen oder schweigen? Ihm blieben nur wenige Augenblicke, um die bekannten und unbekannten Leben gegeneinander abzuwägen: sein Leben jetzt, ihr Leben damals, ihr Leben heute, das er sich nicht vorstellen konnte. Er sagte sich, dass er nicht einfach so in ihr Leben hineinplatzen und es durcheinanderbringen dürfe; er sagte sich, dass es seine Pflicht sei, sie anzusprechen, dass noch nicht alles verloren sei, dass sie von vorn anfangen könnten.

Als er den Mund aufmachen wollte, war sie schon wortlos an ihm vorübergegangen. Hatte er sich entschieden? Oder sie? Hatten sie jemals die Wahl gehabt? Oder trieb das Leben die Menschen einfach vor sich her?

Er blieb noch eine Weile im Verkehrslärm stehen, eine unbedeutende Gestalt an einem blauen Tag vor dem glitzernden Wasser.

Und er dachte: Wie leer die Welt ist, wenn man seine Liebe verliert. Er wandte sich ab und ging weiter, verloren auf allen Wegen. Er hatte sie immer für tot gehalten, aber jetzt begriff er: Sie hatte gelebt, und er war gestorben."

Lektüreliste:

Die Romane "Der Erzähler", "Die unbekannte Terroristin",  "Der schmale Pfad durchs Hinterland" (übers. v. Eva Bonné), "Tod auf dem Fluss" und "Goulds Buch der Fische" (beide übers. v. Peter Knecht) sind im Piper Verlag erschienen.

Der Roman "Mathinna" im Atrium Verlag und "Begehren" (beide übers. v. Peter Knecht) als Insel Taschenbuch.

Mehr zum Thema

Richard Flanagan: "Der Erzähler" - Über den Betrüger in uns
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 18.10.2018)

Richard Flanagan: "Die unbekannte Terroristin" - Im Netz der Terrorfahnder
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 01.12.2016)

Australische Insel Tasmanien - Der Geburtsort der Grünen
(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 09.03.2015)

Zeitfragen

Filterblasen, Echokammern & Co.Filtern als Kulturtechnik
Vier junge Menschen mit Sonnenbrillen sitzen in einer Reihe. (imago / blickwinkel)

Seit über Filterblasen diskutiert wird, ist die Kulturtechnik des Filterns in Verruf geraten. Dabei ist Filtern - vom Ohrstöpsel bis zum Schornstein - meist eine nützliche Sache, ohne die wir nicht überleben würden. Und unser Gehirn braucht das Filtern auch.Mehr

EndometrioseWenn die Regelschmerzen unerträglich werden
Demonstration für die bessere Erkennung von Endometriose im März 2016 in Paris. (imago / starface)

Viele Frauen leiden unter extrem starken Regelschmerzen, bei denen auch Schmerzmittel kaum helfen. Dahinter kann Endometriose stecken: eine Gewebeerkrankung, von der schätzungsweise jede fünfte Frau betroffen ist, die aber häufig nicht erkannt wird. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur