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Im Gespräch | Beitrag vom 05.08.2020

Bestatter Julian Heigel"Es ist schön, mit Toten zusammen zu sein"

Moderation: Britta Bürger

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Julian Heigel steht vor einem Tor und schaut freundlich in die Kamera (privat)
Was kann den Hinterbliebenen beim Abschied guttun? Das versucht Bestatter Julian Heigel herauszufinden und die Trauerfeier in diese Richtung zu gestalten. (privat)

Julian Heigel ist ein Quereinsteiger in der Bestattungsbranche. Er hilft Hinterbliebenen dabei, den Abschied von ihren Verstorbenen so selbstbestimmt wie möglich zu gestalten. Vor allem queere Menschen sollen sich bei ihm wohlfühlen.

Julian Heigel hat seine ersten Beerdigungen als jugendlicher Organist miterlebt. Er studiert Musikwissenschaft und Theologie, merkt aber nach dem Referendariat: "Eigentlich macht mir das sehr wenig Spaß." Auch die Arbeit als Musikwissenschaftler begeistert ihn nicht: "Das war so eine Absage an diese akademischen Berufsstrukturen. Es war zu viel Schreibtischarbeit am Ende."

Bestattungen für LSBTI-Menschen

2010 geht Julian Heigel nach Berlin und gründet nach mehreren Praktika in Beerdigungsinstituten sein eigenes Unternehmen "Thanatos" – benannt nach dem griechischen Gott des Todes. "Das Bestatten ist mir über den Weg gelaufen", sagt Heigel.

In Berlin bekennt sich auch zu seiner queeren Sexualität. Aufgewachsen in dem erzkatholischen Poppenhausen in der Rhön, habe er schon als Kind das Gefühl gehabt: "Ich passe da nicht so ganz rein." Seine persönlichen Erfahrungen nutzt er jetzt für seinen Beruf: "Mein Anspruch ist es, dass sich LSBTI-Menschen besonders gut bei mir aufgehoben fühlen."

Vermittler zwischen Familie und Freunden

Heigel betont, queere Menschen seien sehr divers. Entsprechend unterscheiden sich auch die Bestattungen. "Klassische Fragen sind: 'Wie ist eigentlich das Verhältnis zwischen der toten Person und der Herkunftsfamilie?' Hier kommen die Angehörigen wieder mit ins Spiel, die manchmal ganz andere Vorstellungen haben als die Freundinnen und Freunde, die an der Lebensrealität oder Lebenssituation viel näher dran sind." Seine Aufgabe sei es, zu vermitteln und eine Bestattung zu finden, die für alle passend sei.

Abschied vom Verstorbenen besonders wichtig

Was kann den Hinterbliebenen beim Abschied guttun? Das versucht der Bestatter herauszufinden und die Trauerfeier in diese Richtung zu gestalten. Seiner Ansicht nach ist das Ankleiden der Verstorbenen besonders wichtig:

"Das ist schön, mit Toten zusammen zu sein. Das gibt mir oft eine große Ruhe und erdet mich, mit den Toten zu arbeiten." Die Hinterbliebenen bezieht er beim Waschen und Einkleiden oftmals mit ein, weil es die Möglichkeit des Abschieds bietet.

Außerdem findet er: "Für manche Leute ist das sehr wichtig, dass da dieser Sarg so steht, wie auch diese schicken Möbel da sind. Dann mag das auch die richtige Entscheidung sein. Die allermeisten Menschen brauchen keinen teuren Sarg um eine gute Bestattung zu bekommen."

(cg)

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