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Thema / Archiv | Beitrag vom 18.09.2008

"Besser zu spät als nie"

Ausstellung "Raub und Restitution" im Jüdischen Museum Berlin

Cilly Kugelmann im Gespräch mit Dieter Kassel

Das Jüdische Museum in Berlin (Jüdisches Museum Berlin, Jens Ziehe)
Das Jüdische Museum in Berlin (Jüdisches Museum Berlin, Jens Ziehe)

Zehn Jahre nach der Unterzeichung der sogenannten Washingtoner Erklärung zur Rückgabe geraubten Kulturguts greift das <papaya:link href="http://www.juedisches-museum-berlin.de" text="Jüdische Museum Berlin" title="Jüdische Museum Berlin" target="_blank" />das Thema "Raub und Restitution" auf. Anhand von 15 Fällen wird nachgezeichnet, welchen Weg die Kulturgüter vom Raub bis zur späteren Rückübertragung genommen haben. Die Vizedirektorin des Museums, Cilly Kugelmann, betonte, mit der Ausstellung wolle man zeigen, wie "kompliziert diese Situation ist und dass gestohlenes Gut irgendwann zurückgegeben werden muss".

Dieter Kassel: Auch 60 Jahre nach Kriegsende sind Raub und Restitution von Kulturgut aus jüdischem Besitz brisante Themen, heißt es in der Ankündigung einer neuen Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin. Die Ausstellung mit dem Titel "Raub und Restitution – Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute" wird heute eröffnet und am Telefon begrüße ich dazu jetzt die Programmdirektorin und Vizedirektorin des Jüdischen Museums Berlin Cilly Kugelmann. Schönen guten Tag, Frau Kugelmann!

Cilly Kugelmann: Guten Tag!

Kassel: Wenn das immer noch so brisant ist, war es schwierig für Sie, diese 15 Beispiele, die da konkret jetzt zu sehen sein werden, zu finden? 15 Beispiele, die man zeigen kann und gleichzeitig auch deren Geschichte komplett dokumentieren?

Kugelmann: Ja, das war in der Tat sehr, sehr schwierig, weil wir es ja hier mit juristischen Vorgängen zu tun haben, die in der Bedeutung für sehr viel mehr stehen. Sowohl der Raub als auch die Rückerstattung von Kulturgut oder anderen Gütern hat sich ja in juristischen Dokumenten vollzogen oder sind heute noch nachweisbar in juristischen Dokumenten. Und das für eine Ausstellung so zusammenzustellen, dass es auch einen interessanten visuellen Eindruck gibt, das war schwierig und auch allein an die Daten, an die Unterlagen ranzukommen, war auch nicht ganz leicht.

Kassel: Ich möchte noch einmal auf diesen Begriff der Brisanz kommen, die das Ganze auch heute wohl noch hat. War es denn manchmal bei den Recherchen Ihrer Mitarbeiter auch so, dass nicht alle möglichen Quellen richtig entgegenkommend waren?

Kugelmann: Ja, es gibt immer noch interessanterweise bei vielen Institutionen, die es schon vor 1933 gegeben hat und die den Krieg überlebt haben, Museen, die heute von Menschen geleitet werden und wo Menschen arbeiten, die biografisch überhaupt nichts mit dieser Zeit zu tun haben, immer noch so eine Art Schutzfunktion interessanterweise, die dazu führt, dass Informationen nicht immer sehr leicht herausgegeben werden. Es gibt immer noch, viele fühlen noch eine Verantwortung für die Leitung und haben Bedenken, ob diese Person positiv oder negativ dargestellt wird. Das ist ein überraschender Befund gewesen.

Kassel: Das heißt, Sie meinten jetzt tatsächlich mit dieser Schutzfunktion, die manche vermeintlich einüben, nicht, dass die Kulturgüter, sagen wir mal, ein Bild schützen wollen, weil sie es im Museum behalten wollen, sondern die wollen wirklich Menschen schützen und deren Ruf?

Kugelmann: Genau. Sie wollen den Direktor, den Verantwortlichen in der infragestehenden Zeit noch schützen, das heißt, seinen Ruf bewahren. Das gibt es durchaus in sehr, sehr vielen Institutionen. Eine Identifikation mit der Institution, für die heute eigentlich niemand mehr verantwortlich ist. Man könnte ja auch sagen, wir recherchieren diese Zeit und es hat unangenehme Zeiten gegeben und angenehmere Zeiten gegeben und wir gucken uns das Ganze sehr sachlich an. Am Ende wird es auch so sein, aber der Vorbehalt am Anfang ist doch erstaunlich.

Kassel: Ich möchte Sie bitten, anhand eines konkreten Beispiels mal zu versuchen ein bisschen zu beschreiben, was der Besucher sehen kann in der Ausstellung und wie die Geschichte vermittelt wird. Sie zeigen u.a. ein Bild des berühmten Malers Lovis Corinth. Es ist das Porträt seines einstigen Nachbarn, des Schneiders Silberstein. Nun ist es ja nicht damit getan, dieses Bild zu zeigen. Wenn ich nun den Raum betrete, in dem das Bild hängt, was und wie wird mir da alles vermittelt von dieser Geschichte?

Kugelmann: Die Ausstellungsarchitektur ist inspiriert von einem der Collecting Points, die nach dem Krieg eingerichtet wurden, wo geraubte Kunst und Kultur, Gegenstände gesammelt wurden. Die wurden in den entsprechenden Räumen gesammelt. Da standen viele Kisten rum, es waren meterweise Bilder und kilometerweise Bücher zu sehen. Und die Architektur greift diesen Zustand aus den Jahren 45, 46, 47 auf. Dann haben wir uns zum Prinzip gemacht, 15 Fallgeschichten zu zeigen. Und jede Fallgeschichte hat ein geraubtes Kunst- oder Kulturgut im Mittelpunkt. Der Ich-Erzähler in unserer Ausstellung ist das geraubte Kulturgut. Und das sieht der Besucher zuerst und dann entwickelt sich in der Architektur von übereinander gestapelten Kisten mit den Dokumenten und den Fotos, die zu dem Fall gefunden wurden, wird dieser Fall rekonstruiert. Und das Gemälde von Lovis Corinth ist deshalb interessant, weil meine Kollegin in Inka Bertz, die für die Kunstsammlung zuständig ist, selbst dazu beitragen konnte, das Bild wiederzufinden. Das war wie gesagt das Porträt eines Herrenschneiders, der als Nachbar von Lovis Corinth sein Geschäft hatte. Er ist schon 1930 gestorben. Die Witwe, seine Frau, ist nach Riga deportiert worden. Und dieses Bild verschwand, es ließ sich auch nicht mehr rekonstruieren, wohin es gekommen ist, ob es verkauft wurde, ob es geraubt wurde, das ist ein unklarer Fall. Und nach dem Krieg hat der Erbe und Enkel das Bild gesucht und hat es nicht gefunden. Und meine Kollegin ist ihm zufällig irgendwann begegnet und ist auch angesprochen worden auf dieses Bild. Das wurde 2003 dem Jüdischen Museum auch als Kauf angeboten von einem Sammler, bei dem das dann gelandet ist. Und sie konnte dann die Verbindung zwischen Enkel und dem Bild des Großvaters wiederherstellen und der Enkel hat das Bild dann privat zurückgekauft, weil er sich nicht drauf verlassen wollte, dass ein Rückerstattungsverfahren in dieser mageren Aktenlage, die über das Bild nur zur Verfügung stand, je zustande kommen würde.

Kassel: Warum, Frau Kugelmann, diese Ausstellung gerade jetzt? Ist das für Sie gerade das Jahr, 2008/2009 wird die Ausstellung dann auch noch in Frankfurt am Main zu sehen sein, ist das gerade ein besonderer Zeitpunkt, was die Geschichte der Restitution angeht?

Kugelmann: Ja, das ist in der Tat ein besonderer Zeitpunkt, weil das genau zehn Jahre nach der sogenannten Washingtoner Konferenz stattfindet. 1998 haben sich in dieser Washingtoner Konferenz, an der auch sich die Bundesrepublik beteiligt hat, Institutionen wie Museen dazu verpflichtet, Provenienzforschung zu betreiben, das heißt nachzuschauen und zu recherchieren, woher Bilder mit einem unklaren Hintergrund, wie sie an das Museum gekommen sind und hier eventuell, wenn das nachweisbar ist, an die rechtmäßigen Erben zurückzugeben. Diese Verpflichtung ist jetzt zehn Jahre alt und anlässlich dieses Jubiläums haben wir uns zu dieser Ausstellung entschlossen.

Kassel: Sind Sie denn mit dem, was in den letzten zehn Jahren passiert ist, zufrieden, sowohl mit der Bereitschaft von Museen, aber auch Privatbesitzern, Kunstwerke zurückzugeben, als auch mit der politischen Aktivität konkret in Deutschland?

Kugelmann: Ich denke, wir haben es in erster Linie mit Institutionen zu tun, der private Ausgleich, das ist eine ganz andere Geschichte. Und diese Frage kann ich mit einem klaren Jein beantworten.

Kassel: Sehr klar.

Kugelmann: Und zwar einerseits wurden jetzt Institutionen geschaffen, die es den Museen erleichtern, diese Provenienzforschung überhaupt zu machen. Staatsminister Bernd Neumann hat eine entsprechende Arbeitsstelle eingerichtet, die den Museen Hilfen anbietet bei ihrer eigenen Provenienzforschung. Das ist die gute Seite. Die nicht so gute Seite ist, dass das sehr viel Zeit und Personal kostet, das überhaupt zu tun und wir auch sehr, sehr schon spät in der Geschichte sind. Wir sind jetzt 70, 80 Jahre von den Zeitpunkten entfernt, an denen diese Raubzüge stattgefunden haben. Und das ist sehr schwer, diese Provenienzforschung jetzt nachträglich zu tun. Aber ich denke, besser zu spät als nie. Die direkten Erben sind auch meistens tot. Das heißt, dass jetzt Erben zum Zug kommen, die in der Familiengeschichte einfach rechtmäßig an diesen Titel gekommen sind. Das ist natürlich keine schöne Situation, aber das ist nun mal die Realität.

Kassel: Aber gerade, wenn wir über diese Anlaufstelle für Provenienzforschung reden, die Sie erwähnt haben, die hat ihre Arbeit im Juni aufgenommen.

Kugelmann: Ja.

Kassel: Und Sie haben zu Recht gesagt, das Washingtoner Abkommen ist 1998 unterzeichnet worden. Gut, nun wissen wir, Behörden arbeiten nicht sehr schnell. Haben Sie nicht trotzdem das Gefühl, dass einige Leute gar kein Interesse daran haben, dass die Probleme schnell gelöst werden?

Kugelmann: Es ist natürlich ambivalent, weil man nicht weiß, was dabei rauskommt. Für verschiedene Museen könnte es die Möglichkeit geben, dass interessante und wertvolle Stücke zurückzugeben werden müssen, zurückgekauft werden müssen. Ja, es bringt natürlich Unruhe in den normalen Kulturbetrieb und das ist eine immer zwiespältige Angelegenheit.

Kassel: Glauben Sie denn, dass diese Ausstellung Prozesse beschleunigen kann, zum Beispiel dadurch, dass ganz normale Kunst- und Kulturinteressierte oder auch am jüdischen Leben interessierte Menschen plötzlich etwas sehen, was dafür sorgt, dass Begriff Restitution für sie kein abstrakter Fachbegriff mehr ist, sondern wirklich etwas, worunter sie sich was vorstellen?

Kugelmann: Das hoffe ich sehr, weil wir haben auch das Spektrum sehr, sehr breit angelegt. Wir haben es jetzt nicht nur mit Gemälden zu tun, sondern mit Handschriften, mit Porzellan, mit Musikinstrumenten, mit Möbelstücken und Textilien. Das ist eben ein Unterbereich aus dem ganzen Komplex der Arisierungen. Was wir eigentlich hoffen und möchten, dass Besucher verstehen, wie kompliziert diese Situation ist und dass gestohlenes Gut irgendwann zurückgegeben werden muss, wenn eine Gesellschaft nachkommt, die sich für diese Dinge verantwortlich fühlt. Wir wollen aber auch zeigen, wie kompliziert das ist, solange nach der ursprünglichen Tat und dass das oft wie ein Wunder erscheint, dass überhaupt Besitzer und Objekt noch zusammengebracht werden können.

Kassel: Herzlichen Dank! Das war die Programmdirektorin und Vizedirektorin des Jüdischen Museums Berlin Cilly Kugelmann über Inhalt und Hintergrund der neuen Ausstellung "Raub und Restitution – Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute". Die Ausstellung wird in Berlin bis zum 25. Januar 2009 zu sehen sein im Jüdischen Museum und ab April 2009 kann man sie dann im Jüdischen Museum in Frankfurt am Main sehen.

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