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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 21.03.2019

Berührungen im AlltagDie Macht unserer Hände

Von Lydia Heller

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 Eine junge Hand hält eine ältere Hand. (imago / Brilliant Eye / Photocase )
Trost spenden, aufmuntern, eine Verbindung herstellen, verwöhnen: Jede Berührung sendet eine Botschaft. (imago / Brilliant Eye / Photocase )

Wer berührt wird, empfindet sich als "belohnt", sagen Hirn-Forscher – und ist daher geneigt, positiv auf den anderen Menschen zu reagieren. Trotzdem haben wir Berührungen weitgehend aus dem Alltag verbannt. Wie holen wir sie zurück?

5:30 Uhr, das Handy weckt mich, ich schalte es aus. Erste Berührung des Tages: Finger auf dem Display. Es folgen: Wasser, Jeans, T-Shirt, Geschirr, Besteck, Brot. 6:15 Uhr: Erster Kontakt zu einem anderen Körper. Ich streiche meinem Sohn über die Wange. 7:15 Uhr: Eine Umarmung, bevor er zur Schule geht. Bilanz des Morgens: Etwa zwei Sekunden Berührung. Bis zum Abend werden noch drei dazugekommen sein. Sekunden!

Körperkontakt zu anderen Menschen kommt im Alltag kaum vor. Außer in Partnerschaften, aber oft auch da nur wenig. Dabei drücken Menschen über Berührungen nicht nur Zuneigung aus. Sondern beeinflussen damit auch, wie Menschen aufeinander reagieren. Schon in den 1970er-Jahren zeigten Studien, dass Kellnerinnen mehr Trinkgeld bekommen, wenn sie Kunden flüchtig berühren. Und wer um Hilfe gebeten und dabei vom Hilfesuchenden berührt wird, hilft eher als jemand, der gefragt – und dabei nicht berührt wird.

Mit den Händen Verspannungen aufspüren

Wer berührt wird, empfindet sich als "belohnt", sagen Hirn-Forscher – und ist daher geneigt, positiv auf die Person zu reagieren, die ihn berührt hat. Das geschieht unbewusst. Aber wo findet bewusste Berührung statt? Und was kann sie?

"Du legst Dich mal auf den Bauch. Die Hose muss noch ein bisschen runter. Keine Diagnose durch die Hose!"

Ich besuche eine Freundin. Silke arbeitet seit 13 Jahren als Physiotherapeutin – Menschen berühren ist ein wesentlicher Teil ihres Berufs.  "So, jetzt schaue ich mal wie die Dornfortsätze stehen."

Eigentlich habe ich gerade gar keine Beschwerden. Aber hin und wieder, erzähle ich, habe ich Rückenschmerzen – zuletzt vor etwa acht Wochen. Silke tastet die Wirbelsäule entlang.

"Jetzt merke ich, du spannst hier so ein bisschen gegen, dass da die Muskulatur hält. Irgendwas schützen will? Da. Merkst du es?" – "Total! Ist ja krass."

Ich bin überrascht. Wir waren nur für ein Interview verabredet, es gab kein ausführliches Diagnose-Gespräch, wie sonst üblich. Trotzdem: Nach zehn Minuten etwa hat Silke etwas gefunden, das die Schmerzen im Januar ausgelöst haben könnte.

"Das sind die erfahrenen Hände. Da macht mein Gehirn auch nicht mehr bewusst mit. Am Anfang hab ich noch über alles nachgedacht. Und hab versucht, das alles korrekt zu machen. Und dann hab ich gemerkt: Meine Hände sind die Sensoren. Und mein Gehirn, mein Wissen sagt mir dann, wie es weitergeht. Und dann übernehmen wieder die Hände. Das ist so ein Wechselspiel. So etwas wie einen therapeutischen Sinn haben meine Hände entwickelt."

Berührungen liefern Informationen jenseits der Sprache

Bewusste Berührung, lerne ich, liefert Informationen, die Sprache oft nicht liefern kann. Dafür muss man nicht massieren können. Dafür reicht ein Streicheln.

"Ich hab da noch den O-Ton von meiner Ausbilderin im Kopf: Beruhigung der sensiblen End-Nerven hat sie das immer genannt. Kann erstmal dazu da sein, um zu schauen, wie ist die Hautbeschaffenheit? Ist die Haut feucht oder ist die an der Stelle wärmer? Aber ich nehme auch zu dir als Mensch Kontakt auf. Ich bin nicht nur eine Maschine, die dich knetet, sondern ich bin auch ein Mensch, der dich berührt. Und das mache ich damit auch nochmal klar."

Wer berührt wird, muss so einen Kontakt aber auch zulassen können. Nicht ganz einfach – in einem Kulturkreis, in dem körperliche Nähe anderer Menschen schnell als unangenehm empfunden wird. Studien zufolge wünschen Deutsche, Briten und Skandinavier zum Beispiel bei Gesprächen mehr Abstand zum Gegenüber als Spanier und Italiener. Und Berührungen mit Hautkontakt haben oft eine sexuelle Konnotation. Also: Inwieweit ist der Wunsch nach Distanz anerzogen? Und wieviel Berührung braucht man wirklich?

Zur ganzheitlichen Tantra-Massage

Ich treffe Ulrike, Tantra-Masseurin seit 15 Jahren. Wir sitzen in einem warmen Raum mit gedimmtem Licht, in der Mitte ein Futon, im Hintergrund leise Musik. Vorgespräch:

"Ja, die Massage ist tatsächlich ganzheitlich. Es gibt eine Genitalmassage, es gibt eine Analmassage, es gibt auch die Massage im Mundraum – aber wir besprechen das. Ob es irgendwas gibt, was du nicht empfangen möchtest, beim ersten Mal."

Ich schlucke. Jetzt zu sagen, dass ich auf alles neugierig bin, aber dann vielleicht auch gar nichts davon will, ist mir peinlich. Anzüglich und verklemmt zugleich. Aber darum geht es unter anderem: Körperliche Bedürfnisse und Grenzen erfahren und benennen.

"Dass du mit dir bist, einen bewussten Kontakt zu dir herstellst. Es werden manchmal Stellen berührt, die noch nie berührt wurden und das ist nicht immer ein Wohlfühl-Gefühl. Das ist was, was wir lernen müssen: Zu sein und zu spüren, was ist."

"Interozeption" nennen Forscher die Fähigkeit, den Zustand des eigenen Körpers wahrzunehmen: Bin ich hungrig? Friere ich? Möchte ich berührt werden? Zweieinhalb Stunden lang habe ich jetzt dafür Zeit. Zweieinhalb Stunden, in denen ich, so empfinde ich es: gestreichelt werde.

Das Gefühl für Körperregionen verschwimmt

Anfangs begleitet von Aufregung: Kommt sie jetzt, diese Genital-Massage? Will ich das? Aber dann verschwimmt das Gefühl für Körperteile: War das jetzt noch die Innenseite vom Oberschenkel? Oder schon ein Stück höher? Egal. Und schön. Und trotzdem: Von einem Mann hätte ich diese Massage nicht gewollt.

"Wenn sich Menschen gleichgeschlechtlich massieren lassen, können die sich anders hingeben. Und ich empfehle auch jedem heterosexuellen Mann, sich von einem Mann mal massieren zu lassen. Es gibt ja dieses Klopfen, was ich bei Männern beobachte, wenn die sich begrüßen und dann mal so auf den Rücken hauen – dass man sowas anders umsetzt, nach einer Massage, dass man jemand anders auch mal an der Schulter berührt, den Kollegen. Ich halte das für einen liebevolleren Umgang, für ein anderes Gesehen-Werden."


Gespräch über neue Sachbücher zum Thema Berührung: 

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