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Interview | Beitrag vom 09.10.2019

Bernd-Lutz Lange über Leipziger Demonstration"Der 9. Oktober wurde im Westen nicht richtig wahrgenommen"

Bernd-Lutz Lange im Gespräch mit Dieter Kassel

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Bild von der Montagsdemonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989 (dpa / Volkmar Heinz)
Historischer friedlicher Protest: am 9. Oktober 1989 in Leipzig. (dpa / Volkmar Heinz)

Der Mitorganisator der Leipziger Demonstrationen vor 30 Jahren, Bernd-Lutz Lange, möchte den 9. Oktober zum Feiertag erklären lassen. Dass Gruppierungen wie Pegida die Demonstrationen für sich vereinnahmen, findet er "einfach schrecklich".

Dieter Kassel: "David gegen Goliath", so heißt das Buch, das der Kabarettist und Autor Bernd-Lutz Lange zusammen mit seinem Sohn, dem Historiker Sascha Lange, geschrieben hat. Beide erinnern daran, an die friedliche Revolution und die "Wir sind das Volk"-Demonstrationen am 9. Oktober 1989, die übrigens Lange auch als einer der Leipziger Sechs damals mitorganisiert hat. Und er fordert unter anderem ganz klar, diesen 9. Oktober zum Feiertag zu machen, weil er, Bernd-Lutz Lange, der Meinung ist, dieser Tag werde in der öffentlichen Wahrnehmung völlig unterschätzt und vernachlässigt.

Den Eindruck habe ich jetzt gerade nicht, in diesem Erinnerungswust, in dem wir uns im Moment befinden. Deshalb habe ich ihn gefragt, warum er diesen Eindruck hat.

Bernd-Lutz Lange: Der 9. Oktober, das habe ich also sehr schnell gemerkt eigentlich, dass der nicht von den – sagen wir immer noch – Westdeutschen oder von den Bewohnern der alten Bundesländer so wahrgenommen wurde und wird. Ich weiß noch genau, wie ich also schon wenige Jahre danach mit dem damaligen Oberbürgermeister in Leipzig, der aus Hannover stammte, wie der mich mit großen Augen und sehr merkwürdig angeguckt hat, als ich ihm sagte, also der 9. Oktober ist für mich wichtiger als der 9. November. Und das hängt einfach damit zusammen, dass dort was ganz Großartiges passiert ist. Die Bevölkerung einer Diktatur hat quasi sich die Demokratie selbst errungen, selbst erkämpft.

Also 1945 haben die Alliierten Westdeutschland sozusagen die Demokratie geschenkt, sie ist ihnen geschenkt worden. Wir sind von einer Diktatur in die nächste Diktatur, und das ging immerhin nur von 1945 bis 1989. Und insofern kann man das gar nicht groß genug schätzen, dass also so eine friedliche Revolution damit Schluss gemacht hat. Und deswegen denke ich schon, dass man das mehr feiern müsste, und Leute wie der Nikolaikirchen-Pfarrer Christian Führer hat ja nicht umsonst auch gesagt, eigentlich hätte der 9. Oktober der Feiertag sein müssen.

Leipziger Demonstrationen "nicht ganz so gewürdigt"

Aber ich habe schon ein bisschen den Eindruck, weil das eben nun ein ostdeutsches Ereignis war, wurde das doch nicht ganz so gewürdigt. Das war kurz danach noch eher da. Ich kann mich entsinnen, wie wir alle sechs ein Jahr später an der Nikolaikirche eine Zusammenkunft hatten mit dem Bundespräsidenten Weizsäcker, und da war das alles noch etwas stärker in Erinnerung. Und dann gab es Leute wie Genscher, die auch mal drauf hingewiesen haben, die Mauer ist vom Osten aus eingedrückt worden. Also ohne 9. Oktober Leipzig gäbe es keinen 9. November Berlin.

Kassel: Könnte es ein Problem sein, diese Wahrnehmung des 9. Oktober bei wem auch immer, dass doch damals vielleicht nicht absolut alle, aber doch der Großteil der Menschen, der auf die Straße gegangen ist in Leipzig und auch anderswo, ja eine Veränderung herbeiführen wollte, die ja nicht das war, was dann kam? Die Menschen und auch Sie persönlich wollten ja damals nicht das Ende der DDR, sie wollten eine andere DDR.

Lange: Nein, nein. Das ist völlig richtig. Am 9. Oktober ist nicht ein Mensch für die Wiedervereinigung auf die Straße gegangen. Daran hat man noch gar nicht gedacht, an so was. Damals ging es wirklich nur um Pressefreiheit, um Meinungsfreiheit, um Reisefreiheit. Es ging um die Grundrechte eines Menschen im Land. Und wir wollten eine andere, eine reformierte DDR. Das war von vornherein klar.

"Es ging um ein anderes Land"

Es ging nur um ein anderes Land. Und ich zum Beispiel, der ich mich ja als Ost-Achtundsechziger bezeichne im Gegensatz zu den West-Achtundsechzigern, die guckten nach Paris, die Westleute, und wir guckten nach Prag. Also für mich ist der große Wunsch damals gewesen oder die große Hoffnung gewesen: Jetzt wird das endlich wahr, was damals die Panzerketten zermalmt haben, um es wirklich mal deutlich zu sagen. Das war für mich so. Ich habe im Leipziger Herbst immer an den Prager Frühling gedacht.

Porträt von Bernd-Lutz Lange, deutscher Autor und Kabarettist (ZB)"Wir wollten eine andere, eine reformierte DDR", sagt Bernd-Lutz Lange, der die Leipziger Demonstrationen 1989 organisiert hat. (ZB)

Kassel: Aber gerade, wenn Sie an den Prager Frühling gedacht haben, welche Rolle hat in Ihnen persönlich damals in diesem Leipziger Herbst auch die Angst gespielt, weil: Es hätte ja nicht so kommen müssen, wie es dann Gott sei Dank gekommen ist. Es hätte ja auch anders ausgehen können?

Lange: Aber die Angst war natürlich vor dem 9. Oktober am größten. Es gab ja an dem 6. Oktober, also drei Tage davor, gab es ja einen Brief in der Leipziger Volkszeitung, und dieser Brief war geschrieben von einem Kampfgruppenkommandanten, und der war also organisiert. Das ist inzwischen nun längst klar, dass der den nicht selber geschrieben hat, der musste seinen Namen dafür hergeben. Und da war ja dann die Tendenz, es muss jetzt mal Schluss gemacht werden mit diesen Demonstrationen, notfalls mit der Waffe in der Hand.

Mit der Angst kam auch der Mut

Das war die größte Drohung, die es gegeben hat. Und das hat die Menschen natürlich unglaublich aufgeregt. Da war auf der einen Seite die Angst, die Androhung, dass doch geschossen werden könnte, dass also aus dem Karl-Marx-Platz der Platz des himmlischen Friedens werden könnte, die Chance war also da leider.

Aber mit der Angst kam auch, sagen wir mal, dieser Mut und diese trotzige Reaktion: So nicht! Und jeder wusste, wenn wir jetzt nachlassen, also wenn man dieser Angst nachgeben würde und würde an diesem Montag nicht gehen, dann würde sich in diesem Land nie mehr was ändern. Und das war natürlich … Der Satz, den ich aus dieser Zeit im Kopf habe, ist immer noch: So kann es nicht weitergehen. Und deswegen haben die Leute wirklich den Mut aufgebracht und sind trotz der Angst gegangen.

Kassel: Als Teil der sogenannten Leipziger Sechs, also sechs Männer – außer Ihnen Kurt Masur, der Theologe Peter Zimmermann und drei SED-Politiker damals aus der Bezirksführung im Bezirk Leipzig – haben damals ja einen Aufruf für diese Demonstration am 9. Oktober unterschrieben mit konkreten Forderungen und auch aber ausdrücklich noch mit der Anmerkung, es müsse alles friedlich bleiben. Wie wichtig war gerade dieser Text und diese Zusammenarbeit?

Lange: Das waren dort drei Funktionäre, die zum ersten Mal zugegeben haben in aller Öffentlichkeit … Der wurde ja unentwegt als Schleife über den Stadtfunk gesendet in der ganzen Innenstadt, haben ja Tausende gehört, er wurde in den Kirchen verlesen und er wurde auch über den Sender Leipzig gebracht. Da haben also das erste Mal in der Öffentlichkeit drei Funktionäre ihren Schatten übersprungen und haben zugegeben: In diesem Land gibt es große Probleme. Zwei Tage vorher hat Honecker noch in Berlin gesagt, alles ist gut, glanzvolle Zukunft für die DDR. Das Wort Krise, Problem tauchte überhaupt nicht auf. Das war das eine.

Freier Meinungsaustausch: "Was ganz Unglaubliches"

Das andere war, dass er eine deeskalierende Wirkung hat, dass die Demonstranten gesagt haben, Mensch, jetzt sind hier sogar drei Funktionäre, die sagen, wir müssen reden. Denn das war ja eben nicht möglich gewesen. Der eingeforderte Dialog und der Begriff freier Meinungsaustausch, das war natürlich was ganz Unglaubliches, diese Formulierung. Und dann ist die Wirkung noch, dass diese drei dann uns ja versprochen hatten, was wir gefordert hatten, dass eben die Polizeikräfte sich zurückziehen sollen, dass sie dann auf den amtierenden ersten Sekretär, der also die Macht hat, der Bezirkseinsatzleiter war, über Polizei, über Stasi, über alles hatte er die Macht quasi und die Befehlsgewalt, und dass die drei den dann in der Situation, wo eben Honecker nicht zu erreichen war, Krenz versprochen hatte, zurückzurufen, aber nicht zurückgerufen hatte, dass die ihn dann beeinflusst haben und gesagt haben, lass zurückziehen.

Kurt Masur spricht während eines Gesprächsforums am 22. Oktober 1989 im Leipziger Gewandhaus - v.l. Bernd-Lutz Lange (l-r), Dr. Roland Wötzel, Dr. Peter Zimmermann, Prof. Kurt Masur, Dr. Jochen Pommert und Dr. Kurt Meyer. (dpa / Waltraud Grubitzsch)Bernd-Lutz Lange (links) während eines Gesprächsforums im Leipziger Gewandhaus, am 22. Oktober 1989. (dpa / Waltraud Grubitzsch)

Kassel: Aber ich finde, gerade jetzt, nachdem Sie das noch mal alles geschildert haben: Das ist ja etwas, was nicht nur Sie, sondern ich glaube, Menschen, die es hören, die gar nicht dabei waren, ja nicht nur interessiert und über den Kopf erreicht, sondern das berührt einen ja auch noch mal ganz emotional.

Ich finde, Sie haben ganz gut diese Atmosphäre von damals auch noch mal geschildert. Und in Anbetracht dessen: Wie berührt es Sie denn nicht nur vom Kopf, sondern vielleicht auch der Seele her, wenn heute ganz andere Bewegungen, ich sage mal, diesen Wochentag kapern? Denn das ist ja alles als Montagsdemonstrationen in die Geschichte eingegangen. Und wenn heute Pegida in Dresden immer am Montag die sogenannten Spaziergänge veranstaltet, wenn die AfD "Wir sind das Volk 2.0" plakatiert, was geht Ihnen da durch den Kopf?

Lange: Ja, die haben ja sogar "Vollende die Wende". Ja, also das ist natürlich einfach schrecklich, dass jetzt Leute versuchen, dort anzuschließen an diese große Tradition. Ja, was soll man da sagen? Da ist man einfach nur sprachlos. Und es hängt aber natürlich einfach damit zusammen, dass bestimmte Situationen eingetreten sind. Es ist vieles nicht aufgearbeitet auch in dieser ganzen Geschichte. Es gibt viele Leute, die eben natürlich Frust haben, die Liste will ich jetzt nicht erst noch aufmachen. Und ich kann nur sagen: Wir brauchen gute Politik, die beste Chance gegen die AfD was zu machen, ist gute Politik, und dann wird sich das auch schnell reduzieren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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