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Buchkritik | Beitrag vom 08.06.2020

Bernd Ladwig: "Politische Philosophie der Tierrechte"Gerechtigkeit für Tiere

Von Jens Balzer

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Zu sehen ist das Cover des Buchs "Politische Philosophie der Tierrechte" von Bernd Ladwig.  (Suhrkamp Verlag / Deutschlandradio)
Wie lässt sich der Kategorischen Imperativ auf Tierrechte hin anwenden? Bernd Ladwig gibt darauf Antwort. (Suhrkamp Verlag / Deutschlandradio)

Auch unsere so aufgeklärten Gesellschaften verhalten sich Tieren gegenüber höchst ungerecht. Der Philosoph Bernd Ladwig weiß, dass das schwer zu ändern ist. Aber er sorgt für moralische Klarheit.

Auch das war ein Effekt der Coronakrise: Der Blick der Öffentlichkeit wurde wiedermal auf die entsetzlichen Zustände in der industriellen Fleischproduktion gelenkt. Mehrere Schlachthöfe gerieten zu Infektionsherden, allenthalben wurden anschließend die Arbeitsbedingungen der Schlachter beklagt.

Vom Leid der Tiere war wieder einmal nicht die Rede: Weder von dem qualvollen Tod in den Schlachthöfen noch von der Existenz, die sogenannte Nutztiere bis zu diesem Tod führen müssen, etwa als Zuchtsauen in winzigen Kastenständen, in denen sie sich nicht bewegen können.

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Für das Unrecht, das wir Tieren heute antun, werden sich unsere Nachfahren einmal schämen, schreibt Bernd Ladwig in seinem Buch "Politische Philosophie der Tierrechte"; umso mehr, als dieses Unrecht "zur Grundordnung unserer Gesellschaften" gehört. Auch in demokratisch verfassten Gesellschaften wie unserer, die Gerechtigkeit als hohes Gut sehen, endet der Sinn dafür an der Speziesgrenze: Tiere dürfen von Menschen keine Gerechtigkeit erwarten.

Tiere respektieren, ohne sie zu vermenschlichen

Wie aber ließe sich überhaupt ein gerechtes Verhalten gegenüber Tieren formulieren? Das ist die Frage, der Ladwig, Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Freien Universität Berlin, nachgeht. Im Fall des Fleischverzehrs liegt die Antwort auf der Hand: Wer Tiere tötet, obwohl er genügend andere Möglichkeiten zur Ernährung und zum eigenen Existenzerhalt besitzt, begeht ein Unrecht; das gilt für die industrielle ebenso wie für die Bio-Landwirtschaft.

Doch wie verhält es sich mit der Domestizierung von Tieren? Kann man sagen, dass Haustiere von ihren Haltern gerecht behandelt werden? Oder wird ihnen nicht dadurch ein Unrecht zugefügt, dass sie ihre Lebensumstände nicht selbst – entsprechend ihrer natürlichen Prägung - gestalten können?

Solche Fragen sind weit weniger leicht zu beantworten, weil es dabei auch darum geht, ob und in welcher Weise sich Tiere als gleichberechtigte Teilnehmer in einem moralischen Diskurs betrachten lassen. Denn sie können ihre Bedürfnisse nicht selbst formulieren. Wie kann man Tieren also Gerechtigkeit widerfahren lassen, ohne ihnen dabei eigene Vorstellungen von einem guten Leben zu oktroyieren - ohne sie mithin zu vermenschlichen?

Diese Fragen erörtert Ladwig, indem er verschiedene Ansätze zur Moralphilosophie und zur politischen Theorie der Gerechtigkeit auf das Problem der Tierrechte zu übertragen versucht. Beginnend beim Kategorischen Imperativ von Immanuel Kant erörtert er unter anderem die Diskursethik von Jürgen Habermas und die Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls.

Er kommt zudem auf die philosophischen Positionen radikaler Tierschützer zu sprechen: So fordern die Abolitionisten eine vollständige Trennung der Lebensbereiche von Tieren und Menschen. Dies ließe sich allerdings nur um den Preis vollziehen, dass alle domestizierten Arten von Tieren schnell aussterben würden.

Die Aufgabe des Moralphilosophen

Keine der moralischen Forderungen, die sich aus einer Philosophie der Tierrechte ergeben, ist in unserer Gesellschaft auch nur ansatzweise einzulösen. Man erinnere sich an die hysterische Empörung, die sich erhob, als die Grünen bloß einen "Veggie Day" pro Woche vorschlugen.

Das ändere aber nichts daran, so Ladwig, dass der Moralphilosoph die Gesellschaft immer wieder an das Unrecht erinnern muss, das sie begeht. Trotz der Einsicht in die Aussichtslosigkeit des eigenen Wirkens trifft sein Buch – das macht es auch als philosophische Studie besonders – einen Ton, der weder ins Resignierte kippt noch ins Rigorose. Für die Rechte von Tieren, schreibt Ladwig am Ende, kann man nur in einer Form streiten, die "ernsthaft nachdenkenden Mitbürgern weder respektlos noch sektiererisch" vorkommt.

Bernd Ladwig: "Politische Philosophie der Tierrechte"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
411 Seiten, 22 Euro

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