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Lesart | Beitrag vom 04.04.2019

Bernard-Henri Lévy spielt Theater für Europa"Ich schlage drei Revolutionen vor"

Bernard-Henri Lévy im Gespräch mit Frank Meyer

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Der Schriftsteller und Philosoph Bernard-Henri Lévy (Imago / Massimo Alberico )
"Looking for Europe": der Schriftsteller und Philosoph Bernard-Henri Lévy (Imago / Massimo Alberico )

Bis zur Europawahl tourt Philosoph Bernard-Henri Lévy mit dem Ein-Personen-Drama "Looking for Europe" über den Kontinent. Er wünscht sich eine Revolution im Sozialen, in der Politik und Poesie. Neben Prag und Lissabon macht er auch in Berlin Station.

Frank Meyer: In Frankreich ist der Schriftsteller und Philosoph Bernard-Henri Lévy einer der ganz prominenten öffentlichen Figuren – viel beachtet, auch umstritten, sehr präsent in den Medien. Zurzeit ist dieser Intellektuelle in 20 europäischen Städten unterwegs. Dort zeigt er bis zur Europawahl im Mai ein Ein-Mann-Stück über Europa mit ihm selbst als Hauptdarsteller. Ich habe vor der Sendung mit Bernard-Henri Lévy gesprochen und ihn zuerst gefragt, was ist das denn für eine Unternehmung mit diesem Theaterstück? Ist das Ihr persönliches Ich-versuche-die-EU-zu-retten-Projekt?

Bernard-Henri Lévy: Ja, tatsächlich, das ist ein persönliches Projekt von mir. Jeder von uns muss tun, was er kann, um Europa davor zu bewahren, dass es stirbt. Die Populisten von rechts und links bedrohen Europa, und es gibt Bedrohungen auch von außen, von Russland. Ich bin auf dieser Tournee durch ganz Europa in Prag, in Wien, in Lissabon und jetzt in Berlin am 15. April in der Urania. Das ist meine Aufgabe, zu helfen. Entweder wir entscheiden uns, uns zu engagieren, oder wir sterben. Und das ist mein Beitrag dazu, die Fahne Europas hochzuhalten, damit sie nicht abstirbt.

Eingeschlossen mit Google und Gedanken an Europa

Meyer: Vielleicht können Sie uns ein bisschen schildern, wie Sie das machen, was Sie da auf die Bühne bringen, was Sie von Europa erzählen oder über Europa erzählen bei Ihrem Theaterstück?

Lévy: Es ist tatsächlich Theater im Wortsinne, es ist eine minimale Handlung. Es geht um einen Schriftsteller, der anderthalb Stunden in einem Hotelzimmer eingeschlossen ist. Er sitzt nur an seinem Tisch, hat einen Bildschirm vor sich und die Suchfunktion von Google.

Er versucht, etwas über Europa zu schreiben, aber das Thema zerrinnt ihm wie Sand zwischen den Fingern. Er beginnt erst bei den Griechen, dann versucht er sich mit Heidegger und Husserl, dann versucht er, es mit der Liebe anzufangen, aber es klappt irgendwie alles nicht. Alles entmutigt ihn, bis dann im letzten Akt, im fünften Akt, ein ein poetischer Theatercoup kommt: da wird die Geschichte dieser Rede, dieses Versuchs, eine Rede über Europa zu schreiben, plötzlich aufgelöst mit den Mitteln des Theaters. Sarajevo, Symbol einer "großen Niederlage Europas".

Warum Sarajevo?

Meyer: Ich nehme an, über den Coup werden Sie uns jetzt nicht zu viel verraten wollen, aber sicher können Sie uns sagen, Sie sitzen da ja fiktiv in einem Hotelzimmer in Sarajevo. Warum dieser Ort, diese Stadt Sarajevo als Schauplatz für dieses Stück über Europa?

Lévy: Sarajevo steht für mich als ein Symbol, denn als Europa Sarajevo aufgegeben hat in dem Krieg 1992 bis 1995, war das eine große Niederlage Europas. Das Malheur Europas hat meiner Ansicht nach genau in diesem Moment begonnen. Denn Bosnien-Herzegowina wurde aufgegeben, und das war aber doch eigentlich die europäische Identität, die bosnische. Abgesehen von der deutschen, der französischen, der österreichischen – und so weiter – Identität gibt es ja diese europäische Identität, die muss den Kontinent zusammenschweißen. 

Und damals, als man Bosnien aufgegeben hat, das ein Vielvölkerstaat war – Serben, Muslime, die plötzlich zu Bosniern wurden – da hat man eben dieses Projekt aufgegeben. Das Land wurde von faschistischen Kräften bedroht, und Europa hat nichts getan. Ich würde das bezeichnen als das neue München, also das Abkommen von München in den 30er-Jahren, das war eine neue Niederlage für Europa. Und deswegen Sarajevo.

"Die Antworten können nur europäisch sein"

Meyer: Sie fordern ja Ihr Publikum auf, vor jeder Vorstellung auch Fragen an Sie zu stellen. Sind Ihnen da bei den Stationen, an denen Sie das Stück schon gespielt haben, sind Ihnen da Fragen begegnet, die Sie selbst haben neu nachdenken lassen über Europa?

Lévy: Natürlich nehme ich das auf: Europa ist in Auflösung, alte Paradigmen lösen sich auf, die Leute stellen sich Fragen über drei Punkte vor allem: die Identität, die Sicherheit und den Wohlstand.

Und auf alle diese drei Fragen gibt es europäische Antworten. Nehmen wir die Sicherheit: Der radikale Islamismus und Putin bedrohen Europa. Die Antwort ist europäisch. Die Identität, das ist eine persönliche Angelegenheit, aber die Antwort ist auch immer eine europäische. Und der Wohlstand, wenn wir das betrachten, wenn Europa sich auflöst, auflösen sollte, dann wird es eine ökonomische Krise in dem Kontinent geben, wie wir sie in den 30er-Jahren erlebt haben. Das ist meine feste Überzeugung.

Die Interaktion mit dem Publikum ist auf jeder meiner Stationen enorm wichtig, und je länger ich diese Tournee unternehme, desto mehr bin ich überzeugt, dass die Antworten einfach nur alle europäisch sein können.

"Die gilets jaunes, das kann man als Faschismus bezeichnen"

Meyer: Welche Erfahrungen fließen denn da ein, was haben Sie beobachtet oder welche Erfahrung haben Sie gemacht, warum sich so viele Menschen abwenden von der europäischen Idee?

Lévy: Ich sehe zwei Gründe: Der eine ist, dass in ganz Europa populistische Ideologien auf dem Vormarsch sind. Schauen Sie nach Frankreich, die gilets jaunes, die Gelbwesten: das ist ein Neofaschismus, vielleicht ein softer Faschismus, aber ich würde durchaus sagen, das kann man als Faschismus bezeichnen.

Der zweite Grund ist der, die Europäische Kommission hat sich selbst in ein bürokratisches Monster verwandelt. Sie ist kalt, hat den Enthusiasmus der Europäer zum Erliegen gebracht, getötet.

Schauen Sie, Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" ist ein gutes Beispiel. Darin findet sich das Porträt der K.-u.-k.-Monarchie an ihrem Ende, eine absurde Bürokratie, ohne eine Vision – so etwas Ähnliches sieht man heute auch in der europäischen Bürokratie.

"Ich schlage drei Revolutionen vor: sozial, politisch, poetisch"

Meyer: Nehmen Sie denn in Ihr Stück auch diese Kritik an Europa und dieses Unbehagen an Europa mit, nehmen Sie das auf, versuchen Sie das aufzufangen in dem, was Sie auf der Bühne tun?

Lévy: Selbstverständlich nehme ich das alles auf, was die Leute sagen, und auch sehr ernst, gerade die Kritik. Ich bin ein überzeugter Europäer, und zwar im Sinne von Husserl oder von Victor Hugo oder von Goethe. Was ich aber heute betrachte, ist, dass wir zurückgegangen sind unter dieses Niveau, was diese Denker einmal im Sinne Europas gedacht haben, diese Vordenker.

Ich schlage drei Schritte nach vorne vor, drei Revolutionen, würde ich sogar sagen: eine Revolution im Sozialen, eine politische und eine poetische. Die soziale Revolution wäre, man muss die Ärmsten in der Europäischen Union unterstützen, es muss etwas wie einen Scheck von Europa geben.

Das Zweite, die politische Revolution. Europa braucht nicht diese grauen Typ Geister oder Gesichter in Europa, in Brüssel, wir brauchen echte Gesichter, wir brauchen Leadership. Und ich würde sogar sagen, vielleicht sollte man einen Führer Europas, einen Staatsmann, direkt wählen lassen von der europäischen Bevölkerung.

Und das Dritte, die poetische Revolution: wir müssen uns an Erasmus und viele andere erinnern, wir müssen die großen Denker, die großen Geister und die großen Schriftsteller in den Vordergrund stellen. Wir müssen uns an sie erinnern – und das ist ja auch etwas, was ich in meinem Theaterstück tue.

"Die schweigende Mehrheit ist proeuropäisch"

Meyer: Wie sehen Sie denn zurzeit die Zustimmung zur europäischen Idee in Frankreich selbst? Emmanuel Macron hat ja seinen Präsidentschaftswahlkampf geführt mit einem starken Bekenntnis zur EU – und eben diesen Wahlkampf gewonnen. Glauben Sie, das könnte ihm heute noch einmal gelingen: Gewinnen mit Europa?

Lévy: Als ich diese Tournee durch Europa begonnen habe, war ich darauf vorbereitet, dass man mir mit Skepsis begegnet, das man sagt "Was soll das?", dass man mir ablehnend entgegentritt. Nein, aber ich habe genau das Gegenteil erfahren, denn überall, wo ich hinkam, ist man mir mit Enthusiasmus entgegengekommen, nicht mit Skepsis. Endlich, haben die Leute gesagt, endlich zeigen Sie uns, dass wir nicht alleine sind. Sie geben uns eine neue Hoffnung, dass wir nicht eine Minderheit sind, die proeuropäisch denken, sondern dass wir in der Mehrheit sind. Die schweigende Mehrheit, so würde ich sagen, ist proeuropäisch.

Und wenn Sie mich auf Emmanuel Macron ansprechen, er hat die europäische Fahne nicht versteckt, er hat sie hochgehalten und hat dadurch die Wahlen gewonnen. Ob das jetzt wieder passiert, ist schwer zu sagen. Aber man darf die europäische Fahne nicht verstecken, im Gegenteil. Wenn wir jetzt das Verhältnis Frankreich/Deutschland betrachten – die Äußerungen von Frau Kramp-Karrenbauer sind meines Erachtens nicht auf derselben Ebene wie die von Frau Merkel. Und da muss sich in Deutschland noch etwas verändern. Ich glaube, wir müssen einfach die deutsch-französische Zusammenarbeit und dieses europäische Bewusstsein stärken.

"Wir brauchen die Ideen von Merkel und Kramp-Karrenbauer"

Meyer: Das heißt, Sie erwarten da mehr von Deutschland, als zurzeit kommt von Annegret Kramp-Karrenbauer und von anderen Politikern aus Deutschland?

Lévy: Ich würde sagen, es kommt etwas auf die Bereiche an. Frau Kramp-Karrenbauer hat  durchaus recht mit ihren Vorschlägen, was die Steuer anbetrifft. Andererseits hat Angela Merkel in der Migrationsfrage sehr gerecht und sehr groß gehandelt. Deutschland hatte damals einen großen moralischen Moment, was die Flüchtlinge anbetraf. Wir brauchen beides, wir brauchen die Ideen von Frau Merkel und von Frau Kramp-Karrenbauer.

Und Sie werden sehen, wenn ich hier das Theaterstück in Berlin aufführe, dann wird es einen Dialog geben zwischen Angela Merkel und Frau Kramp-Karrenbauer. Ich werde das in mein Stück aufnehmen, ich werde die Positionen der beiden in meinem Monolog darstellen, denn ich glaube, diese beiden Positionen charakterisieren sehr gut die große Debatte, die großen unterschiedlichen Ansätze, die es in Europa gibt. Das ist die große europäische Debatte, die ich in meinem Stück zeigen will.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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