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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 06.02.2019

Berliner Verkehrsbetriebe in der KriseWenn's mal wieder länger dauert

Von Manfred Götzke

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Ein Fahrgast in gelber Jacke steht alleine auf dem verlassenen Bahnsteig. Er steht mit dem Rücken zur Kamera und wartet auf einen Zug. (imago/Rüdiger Wölk)
Warten auf die nächste U-Bahn am Bahnhof Berlin-Alexanderplatz. Zu DDR-Zeiten sei die Taktfrequenz hier höher gewesen als heute, sagen Fahrgastvertreter. (imago/Rüdiger Wölk)

Verspätungen, ausgefallene Züge, veraltetes Equipment: Wer mit den Berliner Verkehrsbetrieben unterwegs ist, muss manchmal viel Geduld mitbringen. Thilo Sarrazin habe die BVG "kaputt gespart", sagt Wirtschaftssenatorin Ramona Pop.

Kurz nach sechs an der U-Bahn-Station Kottbusser Tor. Knapp 40 Leute stehen unten am Gleis der U8. Die meisten Augen müde, in vielen Ohren Kopfhörer. Die einzigen, die hier reden, sind ein paar Obdachlose, die sich in dem U-Bahnhof vor der Kälte schützen. Feierabend-Rushhour in Kreuzberg.

Dass die nächste Bahn Richtung Hermannstraße erst in sieben Minuten kommen soll, scheint hier kaum jemanden zu stören. "Also, S-Bahn bin ich am Anfang gefahren, das ist viel schlimmer", erzählt ein Fahrgast. "U-Bahn geht noch. Und ich kenne Leute aus der BVG. Der Krankenstand ist extrem hoch. Dass mal eine ausfällt, passiert."

Bis die Bahn dann 7 Minuten später tatsächlich kommt. Sie ist so überfüllt, dass man nur mit vollem Körpereinsatz reinkommt. Wenn überhaupt. Eine ältere Frau im Wagen versucht verzweifelt auszusteigen. Zu spät. Nächster Halt: Schönleinstraße.

Störungen und Verspätungen sind Alltag

"Es klemmt eigentlich jeden Tag auf allen Linien, es sind definitiv zu wenige Fahrzeuge da und die Fahrzeuge, die wir haben, sind auch noch stinkealt", erzählt Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband, während wir in die nächste, nicht ganz so volle Bahn steigen.

"Und hier sehen wir schon das erste Problem, Türstörung. Und das führt dann im Alltag dazu, dass die Leute sich erst umverteilen müssen, dass es länger dauert. Und jetzt stellen sie sich vor, die U-Bahn davor wäre ausgefallen, dann wäre das Ganze noch ärgerlicher, dann schaukelt sich das hoch."

Züge aus den 70ern auf den Gleisen

Denn in der Rushhour sind viele Linien im seit Jahren wachsenden Berlin sowieso schon ziemlich voll – wenn dann, wie zuletzt immer wieder, Züge ausfallen – kommt das System an seine Grenzen. Ein Großteil der Wagen, die zurzeit in den Berliner U-Bahn-Schächten zirkulieren, stammt aus den 70er-Jahren.

"Das Alter zeigt sich in häufigen Ausfällen. Dazu kommen interne Probleme der BVG, zum Beispiel in den Werkstätten. Die BVG konnte es sich bis vor kurzem noch leisten, als 24-Stunden Unternehmen Werkstätten zu haben, die Montag bis Freitag von 7 bis 16 Uhr geöffnet haben. Und auch jetzt arbeiten die nur in zwei Schichten und wir würden denken, dass man nachts zumindest kleine Reparaturen wie diese Türstörungen oder mal einen Sitz tauschen und so auch machen kann."

Wieseke nennt sich selbst Pufferknutscher, Eisenbahn-Nerd. Der Ingenieur ist seit 25 Jahren im Fahrgastverband aktiv, kennt jeden Berliner U-Bahntyp aus jedem Baujahr. Besonders anfällig zurzeit: Die F79 – Baujahr, genau, 1979.

"Und bei dieser Baureihe müssen immer mehr abgestellt werden. Es kommen nicht genug neue nach. Wir haben jetzt zu einer Technologie in der Stadt gegriffen, die wir zuletzt in der Nachkriegszeit hatten. Wir haben ja verschieden breite Wagen. Und wir müssen jetzt U-Bahnen aus den schmalen Linien für die Breiten einsetzen. Sorgt nicht gerade für Freude – wir sagen dazu, weil man einen Ausgleich an der Seite braucht – Blumenbrett 3.0"

Hat Sarrazin die BVG kaputt gespart?

Außerdem fehle es an Fahrern und Technikern, die die verschlissenen Wagen reparieren, sagt er.

"Das Personalproblem kann man nicht lösen, weil eigentlich alle vergleichbaren Unternehmen momentan suchen, die S-Bahn sucht zum Beispiel Leute und die zahlen 500 Euro im Monat mehr. Deshalb wird auch die Tarifverhandlung, die jetzt bevorsteht, spannend. Da wird es auch darum gehen, dass die BVGler besser bezahlt werden."

Ramona Pop sitzt bei einer Pressekonferenz auf einem Podium und antwortet den Fragen der Journalisten. (imago/Christian Ditsch)"Es wurde einfach zu wenig investiert", sagt Ramona Pop (Grüne), Berlins Wirtschaftssenatorin. (imago/Christian Ditsch)

Schon vor Jahren hätte der Berliner Senat in neue Fahrzeuge und Personal investieren müssen, sagt Wieseke. Doch von den Vorgängerregierungen im chronisch schuldengeplagten Berlin wurde die BVG vor allem als Sparobjekt gesehen. Auf einen Sündenbock hat man sich in der Berliner Landespolitik schon verständigt: Thilo Sarrazin, Berlins Finanzsenator in den 00er-Jahren. Er hätte die BVG kaputt gespart, sagt auch Ramona Pop, Wirtschaftssenatorin von den Grünen.

"Ja, das sind die Folgen der sarrazinschen Sparpolitik, es wurde einfach zu wenig investiert. Hinzu kommt, dass Berlin deutlich wächst. 50.000 Einwohner kommen jedes Jahr neu dazu und das zusammen führt zu einem deutlichen Engpass im öffentlichen Nahverkehr."

Berliner Senat will investieren

Nun will der Senat umso mehr Geld in die öffentlichen Verkehrsmittel Berlins Pumpen. Wirtschaftssenatorin Pop, die auch Aufsichtsratschefin der BVG ist will den Landeszuschuss fast verdoppeln: von zurzeit 770 Millionen Euro auf etwa 1,5 Milliarden pro Jahr.

"Wir müssen tun, was in den letzten 20 Jahren unterlassen worden ist: Investitionen nachholen, viel von dem Geld, das an die BVG fließen wird, wird die Instandsetzung des U-Bahn-Netzes sein: es wird aber auch die Verlagerung von Bus auf Schiene beispielsweise sein, bestimme Buslinien werden durch Tram-Linien ersetzt. Und eben endlich die Neubestellung der U-Bahn-Wagen, auf die alle sehnsüchtig warten. Das alles wird Geld kosten, aber es sind gute Investitionen, in Mobilität für eine wachsende Stadt."

Bis 2035 soll die gigantische Summe von 28 Milliarden Euro ausgegeben werden. Ob mehr in den Ausbau von Tram, S-Bahn und Elektrobusse investiert wird, wie es die Grünen wollen oder in die Verlängerung von U-Bahnen – wie von der SPD bevorzugt, sorgt in der Koalition zurzeit noch für Diskussionen.

"In einem ersten Schritt haben wir vereinbart, die Tramlinien zu verlängern und Tramlinien neu aufbauen in der Stadt. Das Thema U-Bahn-Verlängerungen ist ein Thema, was jetzt gerade geprüft wird, mit Wirtschaftlichkeitsstudien, wo macht es Sinn…"

Längere Wartezeit zwischen den Zügen

Als Sofortmaßnahme hat die BVG aber erstmal die Takte vieler Linien gesenkt, von drei oder vier auf jetzt fünf Minuten.

"Lieber ein Takt der nicht so oft angezeigt wird aber pünktlich und zuverlässig fährt, als zu sagen, wir fahren im 3-Minuten-Takt, aber diese 3 Minuten sind kaum zu schaffen, die Fahrgäste damit noch mehr zu nerven. Stattdessen kommt jetzt im 5-Minuten-Takt was, aber es kommt was und das sichern wir darüber ab, dass immer ein Wagen bereit ist auf die Schiene zu fahren, wenn einer ausfällt."

"Wieder so gut wie vor Jahrzehnten"

Und dennoch dürfte es für die Kunden erstmal noch schlimmer kommen, sagt Fahrgastvertreter Jens Wieseke. Das eigentliche Tal der Tränen bei der U-Bahnkrise, das sei noch längst nicht erreicht.

"Ich kriege keine U-Bahn-Wagen von der Stange, wenn ich jetzt im März Wagen bestelle, kommen die ersten im Jahr 2022 und dann ist nur ein gewisser Ausgleich da, bis wir genug neue da sind schreiben wir das Jahr 2024, das heißt die Probleme werden eher noch wachsen bei der BVG."

Doch trotz all dieser Probleme – das Netz, die Substanz in Berlin sei exzellent, sagt der "Puffeknutscher". Die Väter der Berliner U-Bahn hätten diese damals vor knapp 100 Jahren schließlich für eine Stadt von fünf Millionen geplant. Die BVG müsse also keine neuen Strecken bauen, sondern eher wieder so gut werden wie vor Jahrzehnten.

"Wir kennen es aus dem Ostteil, dass die U-Bahn-Linie 2 damals alle zweieinhalb Minuten gefahren ist, wir waren da schon und wir können das auch – und das Berliner System gibt das auch her."

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