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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.04.2007

Berliner Universum

Toufic Beyhum: "Emotions in Motion", Jovis Verlag, Berlin 2007, 160 Seiten

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U-Bahn in Berlin (Wikipedia)
U-Bahn in Berlin (Wikipedia)

Der Fotoband "Emotions in Motion" liefert Blicke aus einem zuweilen seltsam beleuchteten Zwischenreich: der Berliner U-Bahn. Ein alltäglicher Schauplatz, doch scheinen die Menschen dort gleichzeitig wie in einer Parallelwelt eingeschlossen. Die Züge in ihren Röhren mögen Durchgangsräume sein, Orte der Versenkung und der Einsamkeit inmitten anderer Menschen, aber sie funktionieren auch wie Bühnen.

Man könnte mit Personenbeschreibungen beginnen. Denn in diesem Buch treten die unterschiedlichsten Typen und Menschen auf: Männer und Frauen, mehr Junge als Alte, wenige Kinder in Begleitung Erwachsener, Sportler und Halbnackte, Geschmückte, Geschminkte, Punks und Kopftuchträgerinnen, Trinkende und Lesende, mit Tüten, Masken und Zeitungen Bewaffnete, Bekennende – ob mit Rosenkranz um den Hals oder in Mausgrau, mit dem Koran in der Hand oder tätowierten Botschaften auf nackten Riesenarmen. Damit ist aber das unendlich vielfältige Universum, das Toufic Beyhum an uns vorbeiziehen lässt, längst nicht erschöpfend beschrieben.

Der Fotoband "Emotions in Motion" liefert Blicke aus einem zuweilen seltsam beleuchteten Zwischenreich: der Berliner U-Bahn. Ein alltäglicher Schauplatz, doch scheinen die Menschen dort gleichzeitig wie in einer Parallelwelt eingeschlossen. Die Züge in ihren Röhren mögen Durchgangsräume sein, Orte der Versenkung und der Einsamkeit inmitten anderer Menschen, aber sie funktionieren auch wie Bühnen. Jede noch so beiläufige Art zu sitzen, sich hinter einer Aktentasche zu verschanzen und sich unsichtbar zu machen, stellt etwas dar.

Ganz abgesehen von denjenigen, die jeder Beiläufigkeit einen regelrechten Auftritt entgegensetzen: Das T-Shirt mit der Aufschrift "Kein Sex mit Nazis" will gelesen werden. Genauso wie weiß geschminkte Gesichter, phantasievolle Kostümierungen und Leibesfülle nicht zu übersehen sind oder die Zärtlichkeiten mancher Paare.

Für all das hat Toufic Beyhum einen untrüglichen Blick. Fast müsste man sagen: ein Händchen. Denn er hat nicht mit der Kamera im Anschlag und dem Auge am Sucher gearbeitet. Dann nämlich wären dem "genius master of undercover photography" (als der er im Internet zu Recht gerühmt wird) die meisten dieser Aufnahmen wohl nicht geglückt. Dieses ungestellte Panorama entspricht dem umherschweifenden Blick desjenigen, der selbst mittendrin ist und nur unbemerkt konnte es gelingen.

Vor anderthalb Jahren kam der in London aufgewachsene gebürtige Beiruter nach Berlin und hat sich seither täglich in der U-Bahn umgetan; mit Geduld, Faszination und Neugier, mit viel Sympathie, vor allem aber mit einem sicheren Gespür für Situationen und für die Ästhetik des Alltags. Das verraten die Perspektiven, Durchblicke, Ausschnitte und Aufmerksamkeitsachsen, die Art, wie er Spiegelungen und Schrift, die allgegenwärtige Welt der Werbung integriert ins Bild. Eine Welt, in der er selbst seit vielen Jahren arbeitet.

Umso auffälliger ist es, wie sehr er sich als fotografischer Autodidakt der Beschränkung unterwirft, der Reduktion auf den Ort und auf vorhandenes Licht. Lediglich die anfängliche Konzentration auf Schwarzweiß-Fotografie hat er zugunsten der Farbe verworfen.

Hat der auf Architektur und Kunst spezialisierte Jovis Verlag vor einigen Jahren mit Florian Profitlichs Architekturfotografien Berlin ganz neu in historischem Licht erscheinen lassen, so liefert er nun einen nicht weniger bestechenden Beitrag zum Bildgedächtnis der Hauptstadt. Ein Buch voller kluger, humorvoller Kombinationen und Gegenüberstellungen, die Lust machen auf dieses gelassene, manchmal auch seltsame, aber ungemein großzügige Nebeneinander.

Um das wahrzunehmen brauchte es vielleicht den Blick eines einsamen Neuberliners, der in vielen Städten dieser Welt gelebt hat, zuletzt sieben Jahre in Dubai. Und weil seine Fotografien ohne Unterschriften und Erklärungen ihre Wirkung entfalten, hat "Emotions in Motion" das Zeug dazu, zum Berlin-Kultbuch in aller Welt zu werden.


Rezensiert von Barbara Wahlster


Toufic Beyhum: Emotions in Motion
Jovis Verlag, Berlin 2007, 160 Seiten, mit 160 farbigen Abbildungen, 22 Euro

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