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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.05.2014

Berliner TheatertreffenDas Ende der Generalversammlung

Beim Finale des Theatertreffens träumt ein Juror vom Wunder in der Provinz

Von Alexander Kohlmann

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Das Theatertreffen - vor allem ein Branchenmeeting (picture alliance / dpa / Nicolas Armer)
Das Theatertreffen - vor allem ein Branchenmeeting (picture alliance / dpa / Nicolas Armer)

Ein kleiner Juryskandal und Entdeckungen im gemeinsamen Diskurs - in Berlin ist das 51. Theatertreffen zu Ende gegangen. Das Besondere an diesem Treff: die Debatte und der Austausch.

In Berlin ist das 51. Theatertreffen mit der finalen, öffentlichen Jury-Diskussion zu Ende gegangen: 

- "Das ist kein Nachwuchsfestival"
- "Die Theater haben einer immer größeren Output, manchmal habe ich ein bisschen das Gefühl, viel hilft viel"
- "Die Dominanz des Bühnenbilds ist sehr große geworden. Der leere Raum, der viele Jahre das deutsche Theater auch geprägt hat, ist, glaube ich, ziemlich vorbei"
- "..."

Da saßen sie also und diskutierten ein letztes Mal in dieser Konstellation. Denn die finale und öffentliche Jury-Sitzung des Theatertreffens ist immer auch ein Abschied. Jedes Jahr gehen Jury-Mitglieder und es kommen neue dazu.

Dass in diesem Jahr eine schon während des Festivals gegangen ist, tut der Unabhängigkeit keinen Abbruch. Die Journalistin Daniele Muscionico hatte einen Text zur Auswahl einer Inszenierung direkt aus dem Programmheft übernommen und mit ihrem eigenen Namen gekennzeichnet. Eine ziemliche Dummheit, aber eben auch ein persönlicher Fehler in einer Runde von sieben Juroren, die sich vor der Einreichung dieses Textes gemeinsam auf diese Inszenierung verständigt hatten.

Der Fall Muscionico und die Sprachlosigkeit ihrer Kollegen spricht nicht gegen eine siebenköpfige Jury, sondern zeigt im Gegenteil den Vorteil einer Verteilung der Verantwortung auf mehr Schultern als nur auf einen einzigen, fehlbaren Kurator. Und es ist genau diese Unabhängigkeit des Gremiums, die schon immer die besondere Faszination dieses Festivals ausmacht, einem der wenigen, das keine Theatermacher in seiner Auswahlkommission sitzen hat.

Zu viel zum Gucken

Aber natürlich hat auch dieses System Grenzen, gibt es strukturelle Ungerechtigkeiten, die auf der Abschlussdiskussion auch nicht verhehlt werden. Etwa wenn die Frage nach einer bestimmten Inszenierung aus dem Publikum gestellt wird und keiner der Juroren dieses Abend diese gesehen hat. Trotz der sagenhaften Zahl von fast 400 Inszenierung an über 70 Theatern, die nach Auskunft der Festspielleitung besucht wurden. Große Häuser und große Namen sind im Vorteil, weil die Reise entlang der ICE-Trassen leichter und die Neugierde auf einen Castorf in München vielleicht größer ist, als auf den unbekannten Regisseur an einem kleinen Haus abseits aller Verkehrsknoten-Punkte.

So bleibt es auch in diesem Jahr ein Traum von Juror Bernd Noack, einmal die ganz große Entdeckung in der tiefsten Provinz zu machen, "und dann müssen alle dort hinreisen, und sind begeistert". Andererseits wird bei mindestens 70 gesehenen Inszenierungen pro Juror deutlich, dass jedes Auswahlverfahren Grenzen birgt und auch Juror Christoph Leibold recht behält. Der Output der Staatstheater ist auf beängstigende Weise immer größer und unhändelbarer geworden. Und natürlich stimmt auch, was Jurorin Anke Dürr vorsichtig andeutet: "Das Theatertreffen ist kein Nachwuchsfestival".

Kein Hype, keine Hysterie

Das ist es wirklich nicht, sondern war auch in diesem Jahr eine Art Generalversammlung der Theatermacher in Deutschland. Und zeigte sich jenseits des Hypes und der Hysterie, die immer größer wird, je weiter man von Berlin wegreist, immer wieder erstaunlich unprätentiös - und offen. Ein älterer Regisseur, der bereits in den siebziger Jahren mehrmals unter den Eingeladenen war, sagte am Rande eines Gesprächs, die besondere Qualität sei schon immer die Diskussion unter den Beteiligten auf einer Augenhöhe gewesen, die es sonst nur selten gibt.

So war es auch diesmal zu erleben, dass im Camp in der Kassenhalle die Theaterwissenschaftlerin mit dem Journalisten und der norwegischen Performerin diskutierten. Und die Dramaturgin von Herbert Fritsch in einem kleinen, aber doch öffentlichen Gesprächskreis von ihren zahlreichen Vorschlägen zur Oper "Ohne Titel Nr .1" erzählte, die Fritsch allesamt abgelehnt habe. Es sind genau diese Momente des Gesprächs, die dieses Festival besonders und erlebenswert machen, denn nur sie kann man ausschließlich innerhalb der zwei Wochen in Berlin erleben. Während die Inszenierungen im Notfall auch mit einer Liste und vielen ICE-Tickets für jedermann erreichbar sind.

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