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Interview / Archiv | Beitrag vom 06.05.2017

Berliner TheatertreffenAfrikanische Perspektiven beim Gipfeltreffen der Theaterszene

Daniel Richter im Gespräch mit Ute Welty

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Impressionen von Haus der Berliner Festspiele während des Theatertreffen 2016 (Imago/ Piero Chiussi)
Impressionen von Haus der Berliner Festspiele während des Theatertreffen 2016 (Imago/ Piero Chiussi)

Unter dem Titel "Shifting Perspectives" werden beim diesjährigen Berliner Theatertreffen auch fünf Gastspiele aus afrikanischen Ländern gezeigt. Alle setzten sich mit dem Thema Identität und Identitätskonstruktionen auseinander, so Dramaturg Daniel Richter.

Das diesjährige Theatertreffen in Berlin präsentiert sich mit einem zusätzlichen Format: Unter dem Titel "Shifting Perspectives" werden fünf Gastspiele aus Ägypten, Kamerun, Kenia und Südafrika gezeigt, die gemeinsam mit deutschen Künstlern entstanden sind.

"Das Augenfällige bei der Auswahl der fünf Gastspiele in diesem Jahr ist ja, dass sich jede Produktion auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit Identität auseinandersetzt und mit Identitätskonstruktionen", sagte der Dramaturg Daniel Richter, der das Format konzipiert hat, im Deutschlandfunk Kultur.

Nicht nur durch die deutsche Brille schauen

Bei dem neuen Format gehe es auch um Perspektivvielfalt. "Das Theatertreffen selbst hat ja eine ganz stark deutschsprachige Perspektive, muss ich sagen, was auch mit dem Gründungs- oder Bildungsauftrag dieses Festivals zu tun hat.", so Richter. "Und wir sind ja nicht davor geschützt hier in Deutschland, auch wenn wir Theater produzieren oder Theater sehen, das sozusagen mit einer deutschen Brille zu sehen." Diese Perpektive zu erweitern, könnte zum Teil vielleicht auch als Korrektiv der eigenen Wahrnehmung fungieren. 

"Ich glaube, das ist eine ganz gewichtige Aufgabe in einer Welt, die sich zunehmend global organisiert, dass man auch übergreifend gesellschaftliche Fragestellungen versucht, auch global zu beantworten." (uko)


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Das Theatertreffen in Berlin gilt als das Gipfeltreffen der Theaterszene. Zum 54. Mal trifft man sich, um zehn bemerkenswerte Inszenierungen der vergangenen Saison zu zeigen. Das klingt nach Leistungsschau, das ist es auch. Aber das Theatertreffen ist noch viel mehr, denn während dieser Zeit tauschen sich internationale Künstler aus und lernen miteinander und voneinander.

Besonders in diesem Jahr, denn das Theatertreffen wächst um ein neues Format. Neben Stückemarkt und Internationalem Forum werden unter dem Titel "Shifting Perspectives" fünf Gastspiele gezeigt, fünf Stücke, die gemeinsam mit deutschen Künstlern und Künstlern aus Ägypten, Kamerun, Kenia und Südafrika entstanden sind, und zwar im Rahmen eines Koproduktionsfonds des Goethe-Instituts. Die Konzeption kommt von Daniel Richter, Ko-Leiter und Dramaturg beim Theatertreffen. Guten Morgen, Herr Richter!

Daniel Richter: Guten Morgen, Frau Welty!

Theater als letztes Refugium für gesellschaftliche Diskurse

Welty: Wenn wir auf diese vier Länder schauen, auf Ägypten, Kamerun, Kenia, Südafrika, lässt sich da so einfach beschreiben, welche Bedeutung Theater in diesen Ländern hat, oder sind die Länder und ihre Theatertraditionen dann doch zu unterschiedlich?

Richter: Ich glaube, dass die Theatertradition gerade in diesen Ländern eine ganz besondere Bedeutung hat. Das Augenfällige bei der Auswahl der fünf Gastspiele in diesem Jahr ist ja, dass sich jede Produktion auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit Identität auseinandersetzt und mit Identitätskonstruktionen.

Und ich glaube, das hat sehr viel mit der jeweiligen Situation in den Ländern auch zu tun. Also, es gibt ja viele Länder, wo Kunst sehr stark zensiert wird, wo in Kunst eingegriffen wird. Und da ist Theater noch so ein vielleicht letztes Refugium, wo man trotzdem gesellschaftliche Dinge verhandeln kann.

Der Körper als Projektionsfläche für Zuschreibungen

Welty: Lässt sich neben diesem gemeinsamen thematischen roten Faden auch ein gemeinsamer ästhetischer roter Faden ausmachen?

Richter: Das kann ich nur schwer sagen, weil dieser Koproduktionsfonds des Goethe-Instituts ein interdisziplinär ausgeschriebener Koproduktionsfonds ist. Das heißt, es werden ja Kunstformen aus unterschiedlichen Sparten eingeladen. Wir haben halt dieses Jahr von Performance über Soundinstallation, dann gibt es eine partizipative Give-and-Take-Performance, die dabei ist. Also, man hat gar nicht so den direkten Vergleich, ob es da ästhetische Übereinstimmung gibt.

Was aber interessant ist, dass jede Produktion glaube ich eine entsprechende Kunstform für sich gewählt hat, die das Thema, das verhandelt werden soll, noch mal in adäquater Weise beschreibt. Zum Beispiel gibt es eine Produktion wie "Down to Earth", das Tanztheater, und die fragt halt eigentlich danach, wie der menschliche Körper als Produktionsfläche von Zuschreibungen fungiert.

Und das kann man an diesem Abend sehr schön erleben. Und da ist natürlich die Form des Tanzes gewählt worden, weil die sich zentral mit dem Körper beschäftigt und sozusagen die Körpersprache an diesem Abend doch sichtbar gemacht wird.

Interessante Arbeiten mit großer Bandbreite

Welty: Wie sah das Auswahlverfahren für "Shifting Perspectives" aus?

Richter: Die Arbeiten haben wir uns angeschaut, dann haben wir auch ganz praktisch geguckt, was ist überhaupt möglich hier in Berlin zu zeigen? Weil, wie Sie auch schon sagten, es sind ja Künstler aus Deutschland, aber auch Künstler aus anderen Ländern dabei, die man auch jetzt nicht immer zum gleichen Zeitpunkt noch mal zusammenbekommt, um eine Produktion zu zeigen.

Und das waren so noch mal Kriterien, die sozusagen erst mal die Auswahl auch bestimmt haben. Und dann haben wir das, was sozusagen vorlag, noch mal gesichtet und haben uns eigentlich für die interessanten Arbeiten auch mit einer großen Bandbreite entschieden.

Welty: Was war für Sie das Reizvolle, solche Arbeiten in Berlin vorzustellen? Was finden Sie da, was Sie in deutschen oder europäischen Inszenierungen eher selten sehen?

Richter: Na ja, ich glaube, das ist die Perspektivvielfalt. Das ist ja auch ein Grund, warum wir diese Plattform im Theatertreffen installiert haben. Das Theatertreffen selbst hat ja eine ganz stark deutschsprachige Perspektive, muss ich sagen, was auch mit dem Gründungs- oder Bildungsauftrag dieses Festivals zu tun hat. Und das, was uns gereizt hat, sozusagen die Szeneauswahl noch mal zu flankieren mit anderen Perspektiven.

Theater nicht nur durch die deutsche Brille

Und wir sind ja nicht davor geschützt hier in Deutschland, auch wenn wir Theater produzieren oder Theater sehen, das sozusagen mit einer deutschen Brille zu sehen. Und das Interessante ist, dass plötzlich unsere Perspektive noch mal um andere Perspektiven erweitert wird und teilweise vielleicht auch als Korrektiv der eigenen Wahrnehmung fungieren kann.

Und ich glaube, das ist eine ganz gewichtige Aufgabe in einer Welt, die sich zunehmend global organisiert, dass man auch übergreifend gesellschaftliche Fragestellungen versucht, auch global zu beantworten.

Welty: Das heißt, diese Perspektiven, die Sie beschrieben haben, erschließen sich auch einem Zuschauer, der nichts oder nur ganz wenig über die Länder weiß, aus denen die Stücke dann kommen?

Richter: Ja, weil ich glaube, das ist eine sehr universelle Theatersprache. Und ich glaube, dass man das sehr… Gerade die Produktion, die ich eben benannt habe, die jetzt im Bereich Tanz kommt, da gibt es keine Sprachbarriere, sage ich mal. Ich glaube, dass man das sehr gut definieren kann, was die Körper versuchen zu beschreiben.

"Ich glaube, dass das Theatertreffen sich treu bleibt"

Welty: Können Sie die Sorge einiger Kritiker nachvollziehen, die befürchten, dass das Theatertreffen durch immer mehr Stücke und Formate überfrachtet wird und dass sich eben dann auch der Charakter des Austausches, des Treffens tatsächlich verliert?

Richter: Ich glaube nicht, dass sich der Charakter verliert. Ich glaube, dass das Theatertreffen sich eigentlich treu bleibt. Denn es ging ja eigentlich seit der Gründung des Treffens darum – damals war Berlin ja noch von einer Mauer umringt –, dass man eigentlich den Blick richtete auf das, was jenseits dieser Mauer und der Grenze halt stattgefunden. Das war damals Westdeutschland.

Und das war ja auch ein zentraler Auftrag des Festivals, zu sehen, was findet ästhetisch, aber auch thematisch statt, was betrifft gerade eine deutsche Gesellschaft eigentlich, auch jenseits dieser Mauer? Und diesen Auftrag denken wir eigentlich für die heutige Zeit noch mal weiter. Und ich sehe das gar nicht so sehr auch als ich sage mal Konkurrenz zu dieser Zehnerauswahl an, sondern eher sozusagen noch mal einen stärker werdenden Überblick zu machen.

Da natürlich die Gesellschaft von verschiedenen Transformationsprozessen auch zunehmend erschüttert wird, die sich dann im Theater auch widerspiegelt, glaube ich, ist es auch dringlich, dass man auch den Blick in Theater noch einmal weitet.

Welty: Daniel Richter hat für das Theatertreffen die Reihe "Shifting Perspectives" konzipiert und uns einen Einblick verschafft hier in "Studio 9". Haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch!

Richter: Vielen Dank, Frau Welty!

Welty: Und das Theatertreffen läuft bis zum 21. Mai und es beginnt heute und vom Eröffnungsabend heute berichtet "Fazit" nach 23:00 Uhr, und zwar live aus dem Haus der Berliner Festspiele.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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