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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 02.10.2017

Berliner Staatsoper vor Wiedereröffnung"Schöne Spielzeit!"

Von Claudia van Laak

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Blick in die Staatsoper Unter den Linden in Berlin (imago / Future Image)
Blick in die Staatsoper Unter den Linden in Berlin (imago / Future Image)

Am 3. Oktober eröffnet die Berliner Staatsoper – nach siebenjähriger Bauzeit und Kosten von insgesamt 400 Millionen Euro. Der Ärger über fast verdoppelte Kosten und immer neue Bauverzögerungen soll dann endlich vergessen sein.

"Stopp, da vorne geht’s den Aufgang hoch, folgen Sie mir, die Herrschaften, stopp stopp, nicht den, zurück, da vorne den wäre optimal, da rauf, das wäre der richtige Weg."

Das Chaos hat die Staatsoper Unter den Linden fest im Griff. Innenarchitekten, Maler, Parkettschleifer, Installateure, Akustiker - alle arbeiten sie auf den Eröffnungstermin 3. Oktober hin. Am meisten nerven die vielen Besucher, die vorher noch über die Baustelle geführt werden wollen. Abgeordnete, Senatoren, Minister, Denkmalschützer, Journalisten, Architekten. Sie streunen da herum, wo sie stören, laufen den Malern unter den Leitern hindurch - Achtung - das bringt Unglück! - bleiben an Kabeln hängen, stolpern über das Werkzeug.

"Moment mal, ich organisiere jemanden von meinen Leuten, der wo Sie dann oben abholt."

Für den Österreicher Andreas Gafko ist heute ein wichtiger Tag. Die ersten der 1356 Stühle, die seine Firma Zehetner für die Staatsoper angefertigt hat, werden heute montiert.

"Wenn mir die Herrschaften folgen, nur ein kleiner Hinweis, die vier Stühle sind nicht verschraubt am Boden."  

Weißlackiertes Holz mit geschwungenen, goldfarbenen Kanten, weinrotes Polster. "Wir fangen da an, wo andere aufhören", erklärt Andreas Gafko stolz das Motto seines Unternehmens. Denn ein Klappstuhl sei nicht einfach ein Klappstuhl. In einer Oper muss er nicht nur dafür sorgen, dass die Gäste  eine vierstündige Aufführung ohne Rückenschmerzen überstehen. Der Stuhl sei auch essentiell wichtig für die Akustik im Saal, erläutert  Architekt Lutz Schütter.

"Man denkt es nicht von Anfang an, aber die Stühle haben großen Einfluss auf die Akustik, weil sie eine große Absorptionsfläche bieten, und die Stühle des Bestandes waren sehr wenig absorbierend, wir hatten also die Aufgabe, diese Qualität wieder herzustellen, und haben dafür einen Sachverständigen beauftragt, der mit uns zusammen ein Konzept gemacht hat, wie wir das erreichen können."

Die Außenansicht der Berliner Staatsoper, aufgenommen am 22.06.2017 in Berlin nach der Jahres-Pressekonferenz der Staatsoper zur Spielzeit 2017/2018.  (dpa / picture alliance / Monika Skolimowska)Berliner Staatsoper (dpa / picture alliance / Monika Skolimowska)
Wissenschaftliche Konzepte für einen Stuhl - langsam dämmert es, warum die Sanierung der Staatsoper insgesamt 400 Millionen Euro verschlungen hat. Gleich mehrere Millionen hat ein einzelner Wunsch des Generalmusikdirektors  gekostet. Daniel Barenboim forderte für den Zuschauersaal eine bessere Akustik - die Decke wurde deshalb um vier Meter angehoben. Der neue Intendant Matthias Schulz zeigt nach oben.

"Ich bin dann so begeistert zu sehen, diese erhöhte Decke, wie toll das aussieht und wie sich das hier einfügt, da gibt es ja dieses Netz, diese gegossene Kunstkeramik, das ist die Nachhallgalerie, und durch diese erhöhte Decke wird ja dafür gesorgt, dass der Raum ein Drittel mehr Raumvolumen hat, und dadurch wird sich auch die Nachhallzeit um ein Drittel erhöhen. Und das sind natürlich Welten und langfristig gesehen enorm wichtig." 

Neben der Nachhallgalerie trieben auch andere Sonderwünsche von Politikern und Künstlern die Baukosten in die Höhe und verlängerten die Sanierungszeit um mehr als das Doppelte - so ein unterirdisches Bauwerk, das nun Künstlern und Kulissen ermöglicht, trocken aus Proberäumen und Werkstätten ins Opernhaus zu gelangen. Von Anfang an waren die Kosten zu niedrig angesetzt, es wurde bereits gebaut, als die Planungen noch nicht beendet waren, von organisierter Verantwortungslosigkeit spricht der Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses im Landesparlament. All das kein Thema für den neuen Intendanten - er ist erst seit Kurzem im Amt. 

Matthias Schulz - lang, schlaksig, offenes Hemd - ist der Nachfolger von Jürgen Flimm, der momentan noch im Haus ist und die neue Spielzeit einleiten wird - eine Doppelintendanz also. Schulz arbeitete zuletzt in Österreich, leitete dort unter anderem die Salzburger Festspiele. Ein bisschen mulmig ist ihm schon zumute, jetzt Teil der berühmten Staatsopern-Tradition zu werden.

"Am Anfang war es der Stolz Preußens, dann war es über viele Jahre der Stolz Ostdeutschlands, und dazwischen lag ja so viel anderes, und wenn man die Leute sieht, die hier tätig waren, von Meyerbeer, Furtwängler, Karajan bis Barenboim, Richard Strauß nicht zu vergessen, also wenn man sich diese geschichtliche Dimension vor Augen führt, dann ist es auch immer gut, nicht zu viel drüber nachzudenken, dass man nicht zu ehrfürchtig wird."

Matthias Schulz steht im ersten Rang, unten im Parkett wuseln die Techniker, bauen die Stühle ein. Er streicht vorsichtig über die weißlackierte Brüstung mit den goldenen Rokoko-Verzierungen. Wahnsinnig tolle Kunsthandwerker habe er in den letzten Wochen kennenlernen dürfen, sagt der neue Staatsopern-Intendant. Allein das Gold,   

"das war ja eine Wissenschaft für sich, wie das gemacht wurde, und das das genau diese Atmosphäre wiederspiegelt, nicht ganz glänzend ist, sondern so etwas matt, unglaublich auch, diese Handwerker, Kunsthandwerker muss man sagen, die das alles gemacht haben, fantastisch." 

Kunsthandwerker und Unternehmer wie der stämmige Wiener Heinrich Hetzer - grüne Lodenjoppe mit Familienwappen - die familiengeführte Seidenweberei gibt es seit 1650. Sein Geld verdient Hetzer mit dem Weben von Dirndlstoffen, sein Herz aber, das  hängt an den alten Seidendamasten.

"Wir haben wieder angefangen in den frühen 2000er-Jahren mit der Reproduktion von großen Seidendamasten, wo es immer mehr Nachfrage gibt nach den Originaldarstellungen, das heißt, keine Repliken, die billig gemacht wurden, wie nach dem Krieg, wo man einfach froh war, dass man wieder etwas an die Wand spannen konnte, sondern fadengenau eins zu eins, so wie es im Original war."

"Wir würden jetzt auf die Ränge gehen und im Zuschauerraum, da sind die Stoffe schon fertig, dritter Rang, aber die sind schon wieder alle geschützt. Jaja."

Heinrich Hetzer möchte den Journalisten unbedingt die fertigen Wandbespannungen zeigen, doch die Bauarbeiten lassen es nicht zu.

Um die wertvollen Stoffe vor klecksender Farbe und herumfliegendem Holzstaub aus den Parkettschleifmaschinen zu schützen, sind die Wände gleich nach dem Bespannen wieder mit Plastikfolien  bedeckt worden. Heinrich Hetzer greift deshalb in seine Aktentasche, zieht die pastellfarbenen glänzenden Stoffmuster hervor, lässt sie durch seine stämmigen kurzen Finger laufen. Kupfer, rosébeige, resedagrün, goldgelb, gelb-weiß – jeweils ein anderer Farbton für den Zuschauerraum und die drei Ränge, dazu kommen die umlaufenden Flure und das Intendantenzimmer.

"Vom Auftraggeber her sind das neue Materialien, das sind flammfeste Polyesterstoffe. Da ist in das Polyester eingelagert ein Flammschutzmittel, das die Ausbreitung von Feuer verhindert. Früher war das nicht so. Seide brennt, das wissen wir. Besonders, wenn sie senkrecht gespannt ist. Wir haben alle Stoffe senkrecht gespannt, da ist die Flammausbreitung gewaltig schnell, bei uns passiert da nix, da können sie ein Feuerzeug dranhalten, da passiert gar nix."

Vier Wochen später - noch ist die Staatsoper "Unter den Linden" abgesperrt, doch nach sieben Jahren Bauarbeiten merken es auch die Passanten: Die Eröffnung naht. Aus den Proberäumen dringt Klaviermusik, Arbeiter entfernen die Baugerüste.

"Ick könnte in Purzelbäumen in dieses Haus kommen"

Zum Vorschein kommt eine Fassade in altrosa - wie vor 275 Jahren. Katharina Lang empfängt im Foyer der Intendanz. Auf dem neuen alten Weg zur Arbeit nehme sie jetzt immer einen Umweg, erzählt die Abendspielleiterin.   

"Ich bin jetzt extra an den Hackeschen Höfen ausgestiegen,  damit ich laufen kann. Da läuft man ja an diesen schönen Museen vorbei, und dann kommt man an dem Kastanienwäldchen durch, und dann steht da die Staatsoper. Es ist ja entzückend, dass sie rosa ist, ich liebe das sehr. Erstens weiß man jetzt, dass es historisch ja wirklich so war, zweitens kriegt es ja noch eine Patina und drittens finde ich, dass es so heiter und fröhlich wird, es hat ja sowieso etwas Ernstes, der Bau, und jetzt hat er zusätzlich noch so etwas Beschwingtes, das gerade auch bei diesem italienisch blauen Himmel, toll."

Ihre Laune ist an diesem Tag noch besser als sonst, die Euphorie kennt kaum Grenzen.

"Wir sind so glücklich, weil es ist fantastisch, es ist einfach ganz toll. Ick könnte in Purzelbäumen in dieses Haus kommen, so glücklich bin ich."

Die Theaterferien sind zu Ende, peu à peu kommen Kostümbildner, Sänger, Regisseure, Maskenbildner, Verwaltungsmitarbeiter zurück, betreten andächtig das neue alte Haus.  

"Hallo! Schöne Spielzeit! Endlich zu Hause. Das haben wir uns alle jetzt schon zugerufen. Zu Hause. Zu Hause."

"Schöne Spielzeit" - so begrüßt man sich in Schauspiel - und Opernhäusern nach der Sommerpause. "Schöne Spielzeit" - in der Berliner Staatsoper "Unter den Linden" wird der Gruß in diesem September mit besonders viel Verve vorgetragen. 

"Wir freuen uns so, dass wir hier sind, ich habe gerade gesagt, ja es ist großartig, ich finde das ein Geschenk, wir dürfen uns hier freuen an diesem sanierten Gebäude, ich finde das eine Besonderheit, das wir in dieser Zeit hier so etwas erleben können.  Alles so großzügig, man fühlt sich beschenkt."

Küsschen hier, Küsschen da - Abendspielleiterin Lang kennt alle im Haus. Vor dem Probenraum der Staatskapelle trifft sie den 1. Konzertmeister Lothar Strauß. Bei der Abschiedsfeier im Schillertheater sei jeder gefragt worden, welches denn der schönste Moment gewesen sei im Ausweichquartier, erzählt der Geiger.

"Und wenn man mich da gefragt hätte, dann hätte ich gesagt, der kommt noch, nämlich wenn wir wieder hierher zurückziehen in unser geliebtes Haus Unter den Linden. Alle schweben zehn Zentimeter über den Wegen."

Nur Generalmusikdirektor Daniel Barenboim wirkt etwas grau und angespannt, merklich gealtert. Vor 17 Jahren hat ihn die Staatskapelle zum Chefdirigenten auf Lebenszeit gewählt, doch ein einziges Orchester zu leiten, das reicht dem argentinisch-israelisch-deutschen Ausnahmedirigenten nicht. Barenboim engagiert sich seit Jahrzehnten auch politisch.

Direkt neben der Staatsoper Unter den Linden eröffnete er im letzten Winter die Barenboim-Said-Akademie als deren Präsident. Israelische und arabische Musiker studieren hier gemeinsam - die Akademie ist Barenboims Friedensprojekt für den Nahen Osten. Neben diesem Kraftakt steht dem fast 75-Jährigen nun die Neueröffnung der Staatsoper bevor. Katharina Lang eilt den Flur entlang.

"Herr Barenboim! Ich muss mal schnell guten Tag sagen, mal sehen, ob mir das gelingt."

"Saturday. Shall I play the whole concert? No. You come with me to my office now and we will tell you."

Der kleine Herr Barenboim wird umringt von großen Musikern, die seine Kinder, gar seine Enkel sein könnten. Alle hängen sie an den Lippen des weltberühmten Dirigenten.

Morgen am 3. Oktober muss die Staatskapelle besser klingen als je zuvor. Nach siebenjähriger Pause erhebt sich um Punkt 20 Uhr der Vorhang. Der Ärger über fast verdoppelte Kosten und immer neue Bauverzögerungen soll dann endlich vergessen sein - genau wie bei der Hamburger Elbphilharmonie.

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Aus den Feuilletons - Die Staatsoper bewegt das Herz
(Deutschlandfunk Kultur, Kulturpresseschau, 01.10.2017)

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