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Studio 9 | Beitrag vom 11.07.2020

Berliner Philharmoniker In kleiner Besetzung und digital durch die Krise

Von Charlotte von Bernstorff

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Kirill Petrenko, Chef der Berliner Philharmoniker, dirigiert ein Hand voll Musiker für ein digital abrufbares Konzert. (c) Monika Rittershaus.jpg (Monika Rittershaus)
Kleine Besetzung: Kirill Petrenko dirigiert ein Grüppchen aus dem großen Orchester seiner Berliner Philharmoniker für ein digitales Konzert. (Monika Rittershaus)

Im Gegensatz zu vielen anderen Orchestern bieten die Berliner Philharmoniker schon seit zwölf Jahren die Möglichkeit, Konzerte zu streamen. Das hilft durch die Coronakrise. Trotzdem fehlen die Kollegen und die Bühne, sagt etwa der Geiger Stanley Dodds.

"Wenn die Musik spielt, ist man drin, aber der Moment, wenn die Musik aufhört, diese Stille und dieses sehr einsame von der Bühne abtreten, das hat was sehr Tristes, und es erinnert uns an die Situation, in der wir uns befinden", sagt der Geiger Stanley Dodds.

Im Foyer der Berliner Philharmonie ist es still. Konzertbesucher hat man hier schon seit vielen Wochen nicht gesehen. Doch von Stillstand kann keine Rede sein.

"Hast Du die Ansage schon gemacht?" – "Hier würde ich die Dame noch mit reinnehmen in der K3." Im Aufnahmestudio unter dem Dach der Philharmonie herrscht reger Betrieb. Auf mehreren Bildschirmen sieht man die Musiker im großen Konzertsaal. Das Regieteam macht sich bereit.

Der Regisseur gibt Anweisungen: "In zehn Sekunden wird es wieder hell und dann können Sie bitte beginnen."

Er beugt sich konzentriert über die Konzertpartitur. "Achtung für das Licht, und das Licht bitte hoch. Achtung für die Sechs." Er hält die erste Seite in der Hand, bereit zum Umblättern. "Achtung, sie beginnen – und zack." Musik ertönt, hektische Kameraansagen.

Am Anfang gab es viele kritische Stimmen

Vor rund zwölf Jahren hatte Olaf Maninger – Solocellist des Orchesters – die Idee für einen digitalen Konzertsaal. Heute ist er dessen Geschäftsführer.

Er sagt: "Besonders macht es tatsächlich, glaube ich, dass wir ganz früh waren, also, in einer Zeit angefangen haben, Livestreaming von Konzerten der Berliner Philharmoniker zu machen, als es noch gar keiner gemacht hat."

Am Anfang gab es viele kritische Stimmen aus dem Orchester: Sämtliche Konzerte für jeden im Internet zugänglich, für immer archiviert – das erhöhte den ohnehin schon großen Druck auf die Musikerinnen und Musiker. Inzwischen hat sich das Orchester daran gewöhnt – und der digitale Konzertsaal sich bewährt.

Porträt von Stanley Dodds, Geiger und Medienvorstand der Berliner Philharmoniker  (Sebastian Haenel)Hofft darauf, bald auch wieder in direkten Kontakt mit dem Publikum treten zu können: Geiger Stanley Dodds. (Sebastian Haenel)

"In einer Zeit, wo die einzige Möglichkeit mit einem Publikum in Kontakt zu kommen über digitale Medien und über Streaming ist, haben wir natürlich einen Vorteil, weil wir das sowieso parallel seit zwölf Jahren machen. Wir genießen hier schon eine sehr ausgereifte Infrastruktur", erzählt der Geiger Stanley Dodds.

"Musik ist mein Leben, das gibt meinem Leben Sinn und normalerweise habe ich keine Minute nachzudenken, was es jetzt als nächstes gibt, sondern das ist alles vorbestimmt. Und jetzt plötzlich, in den ersten Wochen, dieser, sozusagen, Ziellosigkeit... Ich hab' gemerkt, das geht auf die Psyche. Musiker sind ja wie Spitzensportler, sie brauchen Herausforderungen."

Dodds setzte sich für Konzerte in kleiner Besetzung ein

Nach den ersten Wochen des Stillstands hat sich Stanley Dodds besonders dafür eingesetzt, dass die Musikerinnen wieder spielen können. Von ihm stammt auch die Idee für ein neues Serienformat: Konzertübertragungen in kleiner Besetzung, moderiert von den Musikern und begleitet von Archivaufnahmen.

"Stanley Dodds – er hat eine wahnsinnige Vorstellung von dem, was er sehen möchte, sehr konkret, sehr klar, nimmt gerne auch die Vorschläge von den anderen auf und reagiert sehr schnell auf alles, was auf ihn zukommt und macht das Beste daraus. Wir sind begeistert", sagt die Videoproduzentin Katharina Bruner.

In den vergangenen Wochen hat ihr Produktionsteam eng mit Dodds zusammengearbeitet.

"Er vergleicht auch immer, dass unsere Arbeit hier eigentlich das Gleiche ist, wie Dirigieren auf der Bühne, man muss ziemlich viel zusammenhalten und gucken, dass der Rhythmus stimmt, auch jede Produktion hat einen Rhythmus."

Stanley Chia-Ming Dodds ist in Kanada geboren und in Australien aufgewachsen. Er sagt: "Ich habe ja zwei Seiten in meinem Leben: Ich bin Geiger bei den Philharmonikern schon seit 26 Jahren und ich bin freiberuflicher Dirigent seit 15 Jahren. Und ich habe ein Glück, hier im Orchester angestellt zu sein und jetzt diesen Produzententätigkeiten nachgehen zu können. Aber meine Karriere als Dirigent ist von einem Tag auf den nächsten zunächst mal komplett eingefroren, alle Termine sind weggefallen, und so geht es halt für alle Freischaffenden auch."

Er kennt auch die Seite der Freischaffenden

Als Chefdirigent des Sinfonie Orchesters Berlin, das sich vor allem aus freiberuflichen Musikern zusammensetzt, kennt Stanley Dodds beide Seiten des Klassikbetriebs. Bis Ende Juli wird es keine Konzerte in der Philharmonie vor Publikum geben.

"Das ist auf jeden Fall eine sehr sichere Entscheidung, damit kann wirklich nichts schiefgehen, aber irgendwo trotzdem, als Kulturschaffender und als Musiker, wie ich es bin, tut es mir leid zu sehen, dass die Kultur so auf diese Art vollkommen schweigen muss."

Stanley Dodds träumt davon, bald wieder auftreten zu können: "Mir hat es persönlich klar gemacht, vielleicht wusste ich das immer, aber mir hat die Krise zumindest jetzt hundert Prozent gezeigt: Das, was ich beruflich tue als Musiker, bedarf der Gegenwart von anderen Musikern, mit denen ich zusammen spiele, und Menschen im gleichen Raum, für die ich spiele, und alles andere ist eine schöne Ergänzung, aber es kann es nie ersetzen."

Jeden Samstag, also auch am heutigen 11. Juli wieder, wird um 19 Uhr ein Konzert der von Stanley Dodds erdachten Reihe, in der "Digital Concert Hall" ausgestrahlt.

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