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Interview / Archiv | Beitrag vom 30.06.2017

Berliner Kulturforum "Besser ein Bau als gar kein Bau"

Arno Brandlhuber im Gespräch mit Ute Welty

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Blick über den Potsdamer Platz mit dem Kulturforum in Richtung City West am 10.06.2016 in Berlin.  (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Blick über den Potsdamer Platz mit dem Berliner Kulturforum (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Am Berliner Kulturforum soll ein neues Museum der Moderne gebaut werden. Der Berliner Architekt Arno Brandlhuber verteidigt den Entwurf des Basler Büros Herzog & de Meuron gegen den jüngsten Vorwurf, es drohe mit dem Neubau eine stadtplanerische Katastrophe.

Das Berliner Kulturforum liegt in der Mitte der Hauptstadt zwischen Landwehrkanal und Potsdamer Platz. Die Planungen zur Umgestaltung des Areals werden seit Jahren heiß diskutiert. Nun soll dort ein Museum der Moderne entstehen. Den Architektenwettbewerb – nur für das Museum, nicht aber für das gesamte Areal – gewann im letzten Jahr das Basler Büro Herzog & de Meuron. Dessen Entwurf, der nun die Grundlage für Planungen und Berechnungen sein soll, ist seither umstritten. Skizziert ist ein großer Flachbau mit einem Satteldach, der die Neue Nationalgalerie Mies van der Rohes mit den Philharmonie-Gebäuden Hans Scharouns verbinden soll. 

Lob für eine urbane Scheune

Der Berliner Architekt Arno Brandlhuber verteidigte den Entwurf im Deutschlandfunk Kultur gegen den jüngsten Vorwurf in der Wochenzeitung "Die Zeit", eine stadtplanerische Katastrophe zu sein: "Was jetzt also de facto passiert, ist, dass ein riesiger Parkplatz durch einen Museumsneubau ersetzt wird", sagte Brandlhuber, der selbst erfolglos an dem Architektenwettbewerb teilgenommen habe. Er begrüßte den Neubau eines Museums der Moderne. "Ich glaube, was passiert ist, auf der anderen Seite, wenn man über die Architektur spricht, ist eine sehr zurückhaltende, fast eine urbane Scheune, wie es auch Herzog & de Meuron das vielleicht auch in dem Parrish-Art-Museum gemacht haben in New York, was natürlich zwischen den zwei Ikonen auch der cleverste Schachzug überhaupt war, zwischen den zwei Ikonen, Mies van der Rohes Nationalgalerie und Scharouns Philharmonie." Der geplante Neubau sei ein zurückhaltendes Gebäude. Er glaube, dass dieser ideal dorthin passe und warb um Vertrauen in die Architekten. 


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: 40.000 haben am vergangenen Wochenende die Baustelle des Humboldt-Forums ganz nahe bei der Berliner Museumsinsel besichtigt. Aber es gibt noch einen anderen Hotspot in der Hauptstadt in Sachen Hochkultur. Das Kulturforum umfasst südöstlich vom Humboldt-Forum die Philharmonie, die Gemäldegalerie und die neue Nationalgalerie, die zurzeit saniert wird. Das alles in der Nähe des Potsdamer Platzes. In Planung ist das neue Museum der Moderne, ein Entwurf, der nicht bei allen gut ankam und zum Beispiel als "Scheune" bezeichnet wurde. Und das in einer Gegend der Stadt, die auf den ersten Blick wenig einladend erscheint. Viele Straßen, viel Raum, und mindestens genauso wenig Gestaltung. Der Architekt Arno Brandlhuber findet allerdings, dass das alles auf einem guten Weg ist. Guten Morgen, Herr Brandlhuber!

Arno Brandlhuber: Guten Morgen!

Welty: Ein neues Museum für das Kulturforum – reicht das, oder hätte man nicht grundsätzlicher agieren müssen, eine Idee davon haben müssen, wie man das gesamte Areal gestaltet.

Brandlhuber: Die momentane Debatte, die stark auf diesen Städtebau abzielt, diesen modernen Städtebau, der in diesem Fall von Scharoun, also dem Architekten auch der Philharmonie und der Staatsbibliothek selbst entwickelte so eine Art Stadtlandschaft, dass offene Räume, Grün, natürlich auch Verkehrsräume und auch viele Parkplätze und darin eingebettet einzelne Funktionskörper. Und jetzt geht es neben der Nationalgalerie, die direkt in der Nähe steht, auch zur Philharmonie, direkt dazwischen soll jetzt also dieses Museum des 20. Jahrhunderts entstehen.

Und der eigentliche dahinter liegende Streit ist ein ganz einfacher. Soll also, wie in diesem Fall, jetzt ein Museum des 20. Jahrhunderts in einem Städtebau des 20. Jahrhunderts, also in  der Scharounschen Stadtlandschaft, stehen, oder besser in einem vormodernen Städtebau – Straßenfluchten hat, im besten Fall barock ist, preußisch. Und diese Diskussion begleitet Berlin ja schon lange. Also diese Frage, ob sozusagen das gute Alte, diese Steinfassaden die bessere Vorstellung zur Orientierung auch praktikabler sei als ein moderner Städtebau.

Welty: Was meinen Sie denn?

Brandlhuber: Ich stelle mir das so vor: Da sitzen also jetzt so ältere Herren alle zusammen, träumen noch von Fellinis "Dolce Vita", Anita Ekberg im Trevi-Brunnen, und glauben, dass das die europäische Stadt ausmache. Und ich glaube, dass das wirklich Alte-Männer-Träume sind, die nicht sich auseinandersetzen wollen damit, dass wir versuchen, auch eine Zukunft oder eine Gegenwart anders zu denken, als immer nur in den alten Steinfassaden.

Ein Museum braucht es tatsächlich

Welty: Was kann denn ein einzelnes Museum leisten, um diese Ecke der Hauptstadt aufzuwerten? Drumherum pulsiert ja nicht gerade das Leben, wenn man vom Autoverkehr mal absieht.

Brandlhuber: Es gibt da die Nationalgalerie, Sie haben es ja eben schon genannt. Jetzt ist an dieser Stelle, wo dieses Museum entstehen soll, ein riesiger Parkplatz. Was jetzt also de facto passiert, ist, dass ein riesiger Parkplatz durch einen Museumsneubau ersetzt wird. Kann doch gar nicht falsch sein. Diese so oft beschriebenen Räume, die so zugig sind und so groß und so wenig einladend, werden also weniger. Also auch das kann nicht so schlecht sein, schon in der Argumentation derer, die das jetzt durchziehen.

Und ich glaube, was passiert ist, auf der anderen Seite, wenn man über die Architektur spricht, ist eine sehr zurückhaltende, fast eine urbane Scheune, wie es auch Herzog & de Meuron das vielleicht auch in dem Parrish-Art-Museum gemacht haben in New York, was natürlich zwischen den zwei Ikonen auch der cleverste Schachzug überhaupt war, zwischen den zwei Ikonen, Mies van der Rohes Nationalgalerie und Scharouns Philharmonie. Ein sehr zurückhaltendes, formal sehr zurückhaltendes Gebäude. Und natürlich provoziert das einen Ärger, dass diese Strategen, Herzog & de Meuron, diesmal wieder erfolgreich sein konnten. Und ich glaube, dass die Funktion selbst ideal dorthin passt. Ein Museum des 20. Jahrhundert braucht es tatsächlich. Es ist neben der Museumsinsel, die ja eher die alten Künstler ausstellt, zeigt, konserviert, bewahrt, der richtige Ort neben den anderen Funktionen, also Nationalgalerie, Kupferstichkabinett und was dort alles eben schon vorhanden ist, die Märkischen Museen – die ideale Ergänzung.

Starkes Jurywesen

Welty: Sie sagen, der Entwurf für das Museum der Moderne ist zurückhaltend. Es gibt andere Kritiker, die sagen, er nimmt keine Rücksicht auf die bestehenden Gebäude im Kulturforum. Wie kann man das so unterschiedlich sehen?

Brandlhuber: Ich habe selbst an diesem Wettbewerb teilgenommen, in diesem Massenstart, wo dann die 600 Teilnehmer zum Schluss noch mal zehn Teilnehmer in einem eigenen Wettbewerb rausgefiltert haben. Also insofern darf ich sagen, mein Entwurf wäre natürlich auch viel besser gewesen. Und so geht es vielen anderen, und es gibt so eine typisch deutsche Haltung, da wir nicht in dieser direkten Demokratie geübt sind wie vielleicht in der Schweiz, wo eine Entscheidung knapp ausgeht, und am Ende sind alle wieder Freunde.

Nein, es ist dieses ewige Mäkeln und Nein, statt dass wir jetzt einmal sagen, wir feiern es einfach, dass überhaupt der Bund sich aufmacht, dieses Geld zur Verfügung zu stellen. Und natürlich kann man sagen , es gibt wenig Möglichkeiten, zwischen der Ikone Nationalgalerie von Mies von der Rohe und der Ikone Philharmonie von Scharoun sich als Architekt zu verhalten. Der eine Versuch, selbst eine Ikone zu erstellen, da gab es etliche in diesem Wettbewerb, und der andere, und das soll wohl für die Jury am überzeugendsten, ist die Strategie, eine möglichst einfache, quasi überhaupt nicht selbst als Ikone auftretende Form da hinzustellen. Ich würde es auch nicht so gemacht haben.

Aber es ist eine Möglichkeit, und da wir in Deutschland zumindest ein sehr starkes Jury-Wesen haben, kann man doch hinterher nur sagen, wunderbar, wir haben etwas, mit dem ich mich auseinandersetze wie mit der Kunst des 20. Jahrhunderts. Ich bin nicht der gleichen Meinung, aber großartig, dass es überhaupt zu dieser Auseinandersetzung über diesen Neubau einen Hauses kommt.

Vertrauen in die Architekten

Welty: Das heißt, Sie sagen allen Ernstes, lieber ein schlechter Bau, mit dem ich mich auseinandersetzen kann, als gar kein Bau?

Brandlhuber: In diesem Fall auf jeden Fall besser ein Bau als gar kein Bau, hundert Prozent. Wenn man es jetzt wieder zerredet, passiert einfach überhaupt nichts. Und ich glaube auch, das Herzog & de Meuron in der Lage ist, mit dieser strategischen Entscheidung hier erstmal ein Gebäude zu skizzieren, das nicht in Konkurrenz tritt über den Anspruch an sich selbst, als Ikone auftreten zu wollen zu den beiden anderen Gebäuden, dass die in der Lage sein werden, ihr trojanisches Pferd sehr wohl noch als solches dort noch zu verändern. Ich glaube, man sollte Vertrauen haben in die Architekten und in diesen Prozess eines Wettbewerbs, das zu einem Ergebnis zu führen, wo sicherlich hinterher auch nicht alle zufrieden werden.

Welty: Inwieweit hat auch der Zeitdruck womöglich eine Rolle gespielt durch die Stifter der Sammlungen, die ja dann auch irgendwann wollen, dass die Sammlungen gezeigt werden? Denn allein fürs Depot ist ja auch ein bisschen schade.

Brandlhuber: Jetzt ist es ja schon so: Wenn man von Zeitdruck spricht, implementiert man ja, dass es eine schlechte Entscheidung sei, weil es eben unter Zeitdruck gefallen sei. Ja, es gab bestimmte Außenbedingungen. Es gibt Stifter, die sozusagen ihre Sammlung, die einen vielfachen Wert hat der Gebäudekosten selbst, als Stifter der Öffentlichkeit überlassen und dafür auch wollen, dass diese Sammlung öffentlich wird. Völlig in Ordnung, und dass in diesem Deal eben auch zeitliche Faktoren eine Rolle spielen, auch völlig richtig.

Also ist es auch richtig, dass das Staatsministerium sagt, ja, jetzt gehen wir das an. Und es gab auch nur zwei Grundstücke zur Auswahl, ein offensichtlich zu kleines hinter der Nationalgalerie, oder eben jenes, wo jetzt der Neubau entstehen soll, wo schon Scharoun damals sein Gästehaus geplant hat. Es war kleiner, aber man muss halt sagen, dass Scharoun, von dem ja auch diese Stadtlandschaftsplanung kommt, auch an dieser Stelle selbst ein Gebäude vorgesehen hat.

Welty: Das Berliner Kulturforum, Anmerkungen dazu vom Architekten Arno Brandlhuber. Herzlichen Dank dafür!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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