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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.11.2015

Berliner Konferenz "A Soul for Europe""Kraftraubendes Lernen statt Multi-Kulti-Kitsch"

Von Jochen Stöckmann

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Der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Der Historiker und Konferenz-Gast Karl Schlögel erwartet durch Zuwanderung einen "anstrengenden Konfliktaustrag". (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Der Historiker Karl Schlögel setzte in seinem Vortrag auf der Konferenz "A Soul for Europe" bei der Bewältigung der Zuwanderung auf urbane Öffentlichkeiten - er erwartet eine Kraftanstrengung. Doch herrschte bei den dort vorgestellten Bürgerinitiativen auch viel Blauäugigkeit.

"A Soul for Europe", auf Deutsch: "Europa eine Seele geben" – pathetischer kann ein Konferenztitel kaum ausfallen. Doch rhetorisch wuchtige, gar romantisch visionäre Forderungen waren nicht zu hören. Ganz im Gegenteil:

"In europäischen Städtekoalitionen gegen Rassismus bringt Berlin seine Erfahrungen ein und nutzt die Erfahrungen anderer Städte – und ich denke, da haben wir eine wirkliche Win-Win-Situation."

Soweit Berlins Staatssekretärin Hella Dunger-Löper zur "Verankerung europäischer Werte". Also Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität – die auch Brigitte Russ-Scherer als Sprecherin der Initiative "Cities for Europe" sehr am Herzen liegen:

"Natürlich braucht Menschlichkeit nicht nur eine Willkommenskultur, sondern – wie es der luxemburgische Außenminister jetzt formuliert hat – auch Organisation."

Eben da liegt das Problem. Zwar – per Zitat von Jean Asselborn – "benannt", doch kaum "erkannt". Solidarität etwa ist kein "Wert", der sich per Sonntagsreden allgemeinverbindlich proklamieren ließe. Solidarität braucht keine bildungsbeflissenen "Wertebürger", sondern praktische Erfahrung. Die aber wird im Schatten von Globalisierung, internationaler Arbeitsteilung und weltweiter Konkurrenz immer seltener. Was auch zur Entfremdung von "der Politik" führt. Aber was tun deren beamtete Vertreter dagegen? Bürgerveranstaltungen organisieren wie "Zufluchtsort Europa" vor drei Wochen in Berlin. Für Staatssekretärin Dunger-Löper eine Erfolgsgeschichte:

"Hier haben Abgeordnete und Experten das 'gap' zwischen den Europapolitikern und den Menschen vor Ort ein bisschen zusammengeführt."

Wie sollen Grenzen gemanaged werden?

Es war einfach zum Davonlaufen. Bis dann Karl Schlögel von der "Stadt als Europas Hoffnung" sprach. Realistisch, aber mit optimistischer Verve, zeichnete der Osteuropa-Historiker die entscheidende Rolle der Städte und ihrer zentralen Plätze als Bühne und Motor der Revolutionen von 1989 nach. Und er setzt auch heute alle Hoffnung auf diese urbanen Öffentlichkeiten, wenn in einer Zeit von Angst und Hysterie Politiker als Sündenböcke hingestellt werden:

"Gesellschaften haben bekanntlich immer die Regierungen, die sie verdienen: Also müssen wir uns schon selber den Kopf zerbrechen."

Und genau das tat Schlögel – weitgehend folgenlos. Kaum einer der zahlreichen Vertreter von Kunst, Kultur ging auf seine Argumente ein. Denn statt Europa gefühlig eine Seele zu geben, rät der Historiker, mit Augenmaß und Empathie über Strukturen zu streiten:

"Ein Europa, das seine Grenzen nicht schützen will, weiß nicht, dass es etwas zu verteidigen gibt. Und dass es sehr wohl Sinn macht, zu diskutieren, wie Grenzen gemanaged werden sollen. Da gibt es ein weites Spektrum zwischen weich und hart, zwischen fast unsichtbar gewordenen Schengen-Korridoren auf den Flughäfen und frisch ausgehobenen Schützengräben."

Nicht nur die Grenzen, auch die Städte im Herzen Europas werden sich ändern, müssen sich ändern:

"Die europäische Stadt muss sich von dem zuweilen romantischen Multikulti-Kitsch verabschieden und sich auf kraftraubendes Lernen und Konfliktaustrag – der anstrengend ist – einstellen."

Lehrstück in Sachen Bürgersinn

Dieses Entwicklungsstadium aber haben viele der auf einem "Marketplace Europe" vorgestellten Bürgerinitiativen und NGO noch lange nicht erreicht. Neben gutem Willen herrscht auch viel Blauäugigkeit. Etwa im "Hotel Utopia", wo Flüchtlinge als Gastgeber agieren sollen, die Sprecherin aber einstweilen den internationalen Teamgeist bei Einrichtung, Essen und Atmosphäre als tourismusfördernde "aufregende Erfahrung" anpreist: 

"The design, the food and the atmosphere will be strongly influenced by the international team and therefore offer a unique experience to Berlin visitors."

Glücklicherweise gilt auch hier das – von Schlögel mit vollem Herzen intonierte – Novalis-Motto: "Wo aber Gefahr ist wächst das Rettende auch!" Nach all den perfekt vorbereiteten Statements auf Englisch redete Laszlo Hubert spontan zur Sache, das heißt zu den Erfahrungen von "Moabit hilft" mit den Behörden:

"Die – na: Schnelligkeit kann man dazu wohl nicht sagen, aber die Reaktionsgeschwindigkeit würde der Berliner wohl als lahmarschig bezeichnen, aber wir benutzen solche Ausdrücke ja nicht. Dann kam der Moment, wo 'Moabit hilft' beschlossen hat, dort einfach, ja, einfach zu intervenieren, man kann das nicht anders sagen. Moabit, vor allem die arabische und auch die türkische Community, wir haben dann bis zu 7000 Essen zubereitet und auch verteilt."

Keine Rede mehr von Künstlern oder Schriftstellern als Seelenretter Europas, sondern ein Lehrstück in Sachen Bürgersinn. Und für Michael M. Thoss von der Allianz Kulturstiftung Anlass genug, über die weitere Arbeit der "Berlin Conference" neu nachzudenken:

"Das hat mit einer neuen Kultur des Miteinander zu tun, die sehr bedroht ist durch die totale Überlastung der Helfer, der Freiwilligen. Sodass hier eigentlich zwei Welten aufeinanderprallen: Einerseits die Welt des Kongresses mit den Abgeordneten aus Brüssel und ganz Europa und auf der anderen Seite den Ehrenamtlichen. Genau diese Welten müssen wir zusammenbringen und diese beiden Welten müssen wir zusammen denken."

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