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Studio 9 | Beitrag vom 13.09.2018

Berliner EnsemblePlatte machen auf der Bühne

Von Anja Nehls

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Probe des Stücks "Auf der Straße": v.l. René Wellner, Psy Chris, Nico Holonics, Alexandra Zipperer (© Julian Röder / Berliner Ensemble)
Probe des Stücks "Auf der Straße": v.l. René Wallner, Psy Chris, Nico Holonics, Alexandra Zipperer (© Julian Röder / Berliner Ensemble)

"Auf der Straße" ist ein Theaterstück im Berliner Emsemble mit Obdachlosen. Dabei ist René Wallner, der seit mehreren Jahren auf der Straße lebt. Er sagt selbstbewusst vor der Premiere: "Wenn ich Angebote kriege, gehe ich nach Hollywood."

"Hier Isomatte, im Winter ein bisschen brauchbar, nicht wirklich. Und dann habe ich hier zwei kleine Ikea-Decken. Die eine kommt hier drunter, dann liegst du ein bisschen weicher, und die zweite rolle ich mir hier so zusammen als Kopfkissen. Ja, mein Schlafsack, brauchst du ja auch…"

René Wallner bereitet sein Nachtlager vor. Auf einer Holzbank mitten auf der drehbaren Bühne im Berliner Ensemble. René Wallner muss das nicht spielen, er muss nur er selbst sein und das tun, was er jeden Abend ohnehin tut. Als Obdachloser wohnt er auf den Treppen im Eingang einer Kirche in Berlin-Mitte. Er ist Mitte 50, kommt aus Luxemburg, hat studiert, und ist dann beruflich in der Musikszene gescheitert.

In Berlin ist er hängen geblieben, seit über vier Jahren ist er obdachlos. Jetzt wirkt er mit im Stück "Auf der Straße" der Regisseurin Karen Breece. Sie wurde durch einen Bericht im Deutschlandfunk Kultur auf ihn aufmerksam, und er hat sich bereit erklärt, mitzuspielen:

"Also die Apokalypse, die im Gange ist, die muss ja auch eine Stimme kriegen, ein Gesicht kriegen."

"Das war mir zu nah dran"

Und das Gesicht ist nun er. Gemeinsam mit einer Frau, der von der Grundsicherung nach Abzug aller Kosten 70 Euro zum Leben bleiben und einem jungen Mann, der erst im Heim lebte und dann lange auf der Straße.

"Ja, die Texte haben wir gemeinsam erarbeitet aus Gesprächen, Karen hat immer ihr Mikro dabeigehabt und es ist sehr subtil geschrieben. Da erste Mal hat sie mir meine Passagen sozusagen vorgelesen, ich musste lachen, weil es so baff, ja genau so war, weil es stimmte und abends saß ich auf meinem Treppchen und habe geheult und habe gedacht, es kann nicht sein, dass ich über mein eigenes Leben lache, das geht nicht. Deshalb nenne ich mich in dem Stück auch René Wallner, weil als wir das erarbeitet haben, war mir das zu nah an mir dran."

Nichts ist ausgedacht in dem Stück, alles ist selbst erlebt, geschickt verwoben und schonungslos erzählt gemeinsam mit zwei professionellen Schauspielern:

"Wann gehst Du immer so schlafen?"
"Na, nicht vor zwei drei Uhr, weißt du, da unten, da bei den Bänken, saufen sie, kiffen sie, bist nicht sicher, also das ist dann wie neulich Holzmarktstraße, da haben sie auch einen zusammengetreten, der lag da auch nur rum, vier Tage später war er tot. – oder in Schöneweide, ja Schöneweide, die zwei, die da gerade mal abgefackelt wurden, kann man ja mal machen, sind ja nur Leute, die da so liegen. Ja, Platte machen ist hart, sehr hart, schwer."

Und Platte machen und gleichzeitig Schauspieler zu sein, ist noch härter. Sein Leben hat René Wallner, der eigentlich anders heißt, nicht geändert. Nach der Probe am späten Abend fährt er mit dem Fahrrad wieder zu seinem Nachtlager. Natürlich haben ihm die Menschen vom Theater Hilfe angeboten, aber er hat abgelehnt:

"Warum soll sowas nur aus Mitleid, nur weil sich jetzt ein Obdachloser unter Künstlern und Intellektuellen befindet und die jetzt meinen, ihm da irgendwie ein Bett besorgen zu müssen, das passt nicht, das passt nicht, nee, da würdest du dich auch nicht wohlfühlen, garantiert nicht, geht nicht."

Dennoch ist er da, fast jeden Probentag seit Juni, pünktlich um 10 oder 11, obwohl ihm das schwerfällt, weil er erst am frühen Morgen schlafen geht und das Café, in dem er die Toilette benutzt und sich wäscht, erst um 10 Uhr öffnet. 

Soziale Kontakte fehlen

Seit Leben hat eine andere Struktur bekommen, es bleibt keine Zeit mehr zum Flaschensammeln, die Bezahlung vom Theater soll den Verlust auffangen. Einiges ist anders, seit er bei Karen Breece zugesagt und seitdem zu seinem Wort gestanden hat:

"Was sich auch geändert hat, was mir auch fehlt, sind die sozialen Kontakte aus den Suppenküchen, also Brigittchen und diese ganzen Menschen, die ich ja über Jahre kenne und die ich auf einmal nicht mehr sehe, die gehören ja auch zu meinem Umfeld. Gut, die wissen, dass ich das jetzt hier mache, aber das fühlt sich so falsch an, dass ich die nicht mehr sehe. Also ich bin froh, wenn die Proben zu Ende sind und ich wieder Zeit habe und diese Orte auch wieder abfahren kann.

Das ist jetzt soweit. Eine Probe noch, dann ist Premiere. Die Texte sitzen, die Kostüme sind vorbereitet, alles wurde hundertfach geübt, dennoch ist das eigentlich nicht seine Umgebung. Ein Grund zur Aufregung?

"Aufgeregt ist falsch, unsicher, komplett unsicher, aufgeregt – weiß ich gar nicht, habe ich heute einen aufgeregten Eindruck gemacht?"

Eigentlich nicht, René Wallner wirkt eher souverän, und ein bisschen zufrieden:

"Also die Erfahrung, wie so eine Produktion entsteht, also diese Geburt, die zu begleiten, das ist schon cool. Die Chance muss man doch mitnehmen oder nicht? Ich wäre doch blöd, wenn ich das nicht gemacht hätte."

Und wer weiß was daraus noch wird – vielleicht.

"Wenn ich Angebote kriege, gehe ich nach Hollywood, gestern hat mir jemand gesagt, ich wäre der zweite Otto Sander. Otto Sander hat richtig viel Geld verdient, hat der zu mir gesagt, du redest wie Otto Sander."

Info:
Das Stück "Auf der Straße" hat heute, am 13.9.18 am Berliner Ensemble Premiere.

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