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Fazit | Beitrag vom 06.11.2019

Berliner Ensemble in Kuba und China"Brecht hat das Theater auf Kuba sehr beeinflusst"

Michael Thalheimer im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Die Schauspieler Stefanie Reinsperger Tilo Nest und Sina Martens im Stück "Der kaukasische Kreidekreis". Sie spielen vor einem dunklen Bühnenhintergrund eine Szene, in der zwei Frauen an einem in ein Tuch eingewickelten Kleinkind zerren.  (Martin Müller / imago-images)
Die Schauspieler Stefanie Reinsperger (re.), Tilo Nest und Sina Martens im Stück "Der kaukasische Kreidekreis" in der Regie von Michael Thalheimer (hier 2017 in Berlin). Beim Gastspiel in Havanna kam es zu einem Tabubruch. (Martin Müller / imago-images)

Das Berliner Ensemble gastierte mit einem Brecht-Stück in China und Kuba - zwei Länder, in denen Brecht sehr verehrt und viel gespielt wird. Der Regisseur Michael Thalheimer erzählt, wie das Ensemble die Reise erlebt hat und wie das Stück ankam.

Im Rahmen einer Gastspieltour war das Berliner Emsemble zum ersten Mal in Kuba und stellte beim Festival de Teatro in Havanna Michael Thalheimers Inszenierung des Brecht-Stücks "Der kaukasische Kreidekreis" vor. Danach ging es mit demselben Stück zum Wuzhen Theatre Festival in China. 

Die Reaktionen auf das Stück seien sowohl in Kuba als auch in China sehr positiv ausgefallen, sagt der Regisseur Michael Thalheimer. "Alle Vorstellungen waren ausverkauft und das Publikum war in beiden Städten begeistert. In Kuba ist es natürlich direkter, herzlicher und leidenschaftlicher, in China etwas distanzierter und zurückhaltender. Aber wir hatten in beiden Städten danach mit dem Publikum wunderbare Gespräche. Es war toll."

Verehrung für das Theater von Bertolt Brecht

Die beiden Theaterfestivals seien keine politischen Veranstaltungen gewesen, so Thalheimer. Es sei in erster Linie um das Theater gegangen, um den Austausch. In Kuba kenne man Bertolt Brecht sehr gut.

"Das ist dort auch Schulstoff. Es gibt für den 'Kreidekreis' tatsächlich eine gekürzte Schulfassung. Sie verehren Brecht, er hat das Theater auf Kuba sehr beeinflusst. Die Erwartung war dementsprechend hoch, deswegen wurden wir auch nervös, aber es hat sich eingelöst, und dann war unser Empfang dort ganz herzlich und leidenschaftlich."

Michael Thalheimer blickt freundlich in Richtung des Betrachters. (Thilo Rückeis / tagesspiegel / imago-images)Der Regisseur Michael Thalheimer blickt zufrieden zurück auf die Gastspielreise nach Kuba und China. (Thilo Rückeis / tagesspiegel / imago-images)

Er habe sich bei dem Stück entschieden, an der ursprünglichen Inszenierung festzuhalten, in der viel Blut fließe, obwohl das Goethe-Institut in Havanna angefragt habe, ob er nicht auf das Blut verzichten wolle. In Kuba sei Blut auf der Bühne ein Tabu. Das habe mit der Santería-Religion zu tun. Er habe sich aber dennoch dafür entschieden.

"Und es war auch kein Problem, bis auf den Punkt, dass niemand vom kubanischen Ensemble die Bühne putzen oder die blutigen Kostüme anfassen wollte. Das war nach wie vor ein Tabu, so dass wir das allein leisten mussten."

Ensemble-Reisen schweißen zusammen

Gastspiele verändern das Ensemble, meint Thalheimer: "Ich glaube sogar, dass die Inszenierung sich verändert. Wenn man in anderen Kulturen, vor einem anderen Publikum spielt, kommen dem Schauspieler bestimmte Textpassagen anders ins Bewusstsein. Diese Veränderungen mögen minimal sein, sind aber dennoch spürbar, und die bringen wir auch mit nach Berlin." Das sei ein wunderbarer, positiver Effekt.

Außerdem sei eine Reise immer ein großes Erlebnis. Zu einem Ensemble gehörten ja nicht nur Schauspieler, sondern auch die Inspizienz, Souffleuse, Technik, Reiseleitung und die Assistenzen.

"Theater macht man ja nie allein, sondern man ist auf die Gruppe angewiesen, und eine Reise schweißt so eine Truppe zusammen. Gemeinsame, intensive Erlebnisse verbinden und das behält man dann auch, wenn man zurück ist."

Das Theater werde immer mehr zu einer Familie, und das sei ein ganz wichtiger Effekt für ein Ensemble.

In China und Kuba habe es, anders als in Istanbul, kein öffentliches Publikumsgespräch gegeben. Aber es habe viele Gespräche mit einzelnen Personen aus dem Publikum gegeben, und da seien durchaus direkte Fragen gestellt worden. "Deswegen finde ich es schön, in diesen Ländern da zu sein, und nicht von vornherein zu sagen: "'Aus politischen Gründen sagen wir ab!'"

(rja)

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