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Studio 9 | Beitrag vom 12.04.2016

Berliner Charité Behandlungszentrum hilft traumatisierten Flüchtlingen

Von Kemal Hür

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Eine Frau verdeckt mit ihren Händen das Gesicht (picture alliance/dpa/Nicolas Armer)
Die Berliner Charité behandelt traumatisierte Flüchtlinge. (picture alliance/dpa/Nicolas Armer)

Die Hälfte aller Flüchtlinge ist traumatisiert - davon geht die Psychotherapeutenkammer aus. An muttersprachlichen Therapeuten mangelt es jedoch. Die Berliner Charité hat deswegen eine Anlaufstelle gegründet: Hier helfen Psychiater, die auch Arabisch sprechen.

Ein schwarz gekleideter, sehr schlanker, junger Mann betritt das Behandlungszimmer. Er hat seine schwarzen Haare zu einem kleinen Pferdeschwanz zusammengebunden. Der Psychiater Jihad Alabdullah begrüßt ihn auf Arabisch und fragt, wie es ihm seit dem letzten Gespräch vor einigen Tagen ergangen ist. Der Patient heißt Gahith, ist 21 Jahre alt und stammt aus dem Irak. Er hat in Syrien Informatik studiert und ist vor einem halben Jahr nach Deutschland geflüchtet. Wegen seiner Kriegserlebnisse ist er traumatisiert.

"Ich hatte schon in Syrien psychische Probleme. Nachdem ich hier hergekommen bin, ging es mir aber sogar schlechter. Mir wurde dann gesagt, ich sollte zu einem Arzt gehen. Und so bin ich hier hergekommen."

Hier, das ist die Clearingstelle der Berliner Charité auf dem Gelände der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge, LaGeSo. Seit zwei Monaten erhalten traumatisierte Flüchtlinge hier eine Erstuntersuchung  - unabhängig von ihrem Aufenthalts- und Versicherungsstatus. Bei Gahith stellt der Psychiater Alabdullah Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung sowie eine Depression fest.

Wenig arabischsprachige Therapeuten 

"Wir werden ihn durch Gespräche unterstützen. Psychotherapie über lange Zeit. Zusätzlich haben wir wegen der ausgeprägten Symptome Medikamente verschrieben. Die sollten dabei helfen, dass der Patient besser schläft, weniger angespannt ist und insgesamt ruhiger wird."

Die Therapie wird Gahith am Universitätsklinikum Benjamin Franklin bekommen, wo bereits seit 2010 ein Team an Psychologen und Ärzten arabischsprachige Patienten behandelt. Aktuell würden dort etwa 250 Personen betreut, davon seien die Hälfte Flüchtlinge, sagt Alabdullah, der auch dort arbeitet. Gahith hat Glück, dass er einen Platz bei einem arabischsprachigen Therapeuten bekommen hat. Denn es gibt zu wenig arabisch-, türkisch- oder persischsprachige Therapeuten in Deutschland, sagt die Bundespsychotherapeutenkammer.

In Berlin kennt Alabdullah vier arabischsprachige Psychiater und zwei Psychotherapeuten. Die Fachleute sind geteilter Meinung, ob eine Therapie mit Sprachmittlern funktionieren kann. Man müsse es ausprobieren, denn eine andere Möglichkeit gebe es aktuell nicht, sagt Jihad Alabdullah, der selbst aus Syrien stammt.

"Bei einigen Fällen kann man das gut machen. Da sollten die Dolmetscher gut geschult werden meiner Meinung nach. Und die Ärzte sollten sich darauf einstellen, dass sie mit einem Dolmetscher arbeiten. Das heißt, das Team von beiden Seiten sollte geschult werden, damit so eine Aufgabe wie Psychotherapie mit Dolmetschern gut funktioniert. Das braucht Schulung von beiden Seiten."

Massenunterkünfte erhöhen psychische Belastung

Jihad Alabdullah ist einer von drei Medizinern an der Clearingstelle. Seine Kollegin Sybille Winter ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeutin. Sie verweist auf die Massenunterkünfte, in denen Kinder und Jugendliche zusätzlicher Belastung ausgesetzt seien, wenn sie permanent mit ihren traumatisierten Eltern auf engstem Raum blieben. Sie bräuchten aber eine kindergerechte Normalität, sagt Winter.

"Das heißt Struktur, Gruppen, kitaähnliche Strukturen und Schule natürlich, soziale Kontakte. Und das ist natürlich in den Unterkünften, wenn das Großunterkünfte sind, etwas schwer zu organisieren. Das ist extrem wichtig, dass sie Bezugspersonen zur Seite gestellt bekommen, die stabil sind, die hier leben, die sich hier gut verankert fühlen und die ihnen altersgerecht Angebote machen."

Der 21-jährige Patient Gahith sagt, es gehe ihm etwas besser, seitdem er aus der Massenunterkunft in ein Heim gezogen sei. Dort wohne er mit einem anderen Iraker zusammen in einem Zimmer. Gahith möchte nun schnell Deutsch lernen und sich einen großen Wunsch erfüllen: "Ich möchte hier Tanz studieren."

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