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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 30.01.2020

Berliner Briten über den Brexit"Ich will hier nicht weg"

Von Benjamin Dierks

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Dale Carr, Inhaberin des Ladens "Broken English", füllt in ihrem Laden für englische Dekorationsgegenstände und Lebensmittel im Berliner Bezirk Kreuzberg ein Regal auf. (picture alliance/Gregor Fischer/dpa )
Dale Carr in ihrem Laden "Broken English": Wegen des Brexits hat sie ihr Geschäft inzwischen geschlossen. (picture alliance/Gregor Fischer/dpa )

Der Brexit naht. Auf das Leben von 18.000 Briten, die in Berlin leben, wird er sich mitunter massiv auswirken. Drei von ihnen erzählen, warum sie mit dem Brexit hadern: Sie fürchten die Bürokratie – oder sogar, Deutschland verlassen zu müssen.

Dale Carr steuert ihren Stammplatz im kleinen Eckcafé "Oetcke" in Berlin-Kreuzberg an und bestellt ein Glas Weißwein. Sie blickt etwas verloren in den fast leeren, einfach eingerichteten Gastraum. In den vergangenen zwei Jahrzehnten kam sie fast täglich hier vorbei, zum Frühstück und manchmal auch zum Mittagessen.

"Diese 23 Jahre sind so schnell vorbeigeflogen", sagt Carr. Nur zwei Häuser weiter betrieb die Britin bis vor kurzem ihren Laden "Broken English". Ein Geschäft für Spezialitäten von den britischen Inseln: Teebeutel, Porridge, Zuckerrübensirup oder die britische Würzpaste Marmite.

"Marmite, unglaubliche Mengen von Marmite. Ich hasse das Zeug, aber andere Leute lieben es. Diese komischen Produkte, die sind nicht teuer, nicht wichtig, nichts Exotisches, die sind ganz ordinäre Produkte. Aber dann kommen diese Leute rein, das ist das Schönste an dem Laden: die Vielfalt der Kundschaft."

Mehr Papierkram? Lieber nicht

"Broken English" – eine Berliner Institution, beliebt bei heimwehgeplagten Briten ebenso wie bei anglophilen Deutschen. Aber seit einigen Wochen ist für Carr damit Schluss. Der Grund: Brexit. Bislang profitierte Carr von der Freizügigkeit in der Europäischen Union. Die Einfuhr britischer Erzeugnisse nach Deutschland war unkompliziert. Doch mit dem Brexit wird sich das ändern. Und mit all der zusätzlichen Bürokratie wollte Carr sich nicht mehr herumschlagen.

"Brexit war für mich der Push, der Grund zu sagen, ok, jetzt ist es Zeit. Die Schwierigkeiten waren ziemlich bekannt mit Brexit, was passieren wird mit dem Importieren und allem. Für mich war das ein Schritt zu weit: Mehr Papierkram, da hätte ich mich unwohl gefühlt, dass ich mich kümmern muss, neue Regeln, neue Dinge. Ich dachte: Nee."

Ungeklärter Aufenthaltsstatus

Rund 18.000 Briten leben in Berlin, die größte Gruppe unter den gut 100.000, die aus dem Königreich nach Deutschland gekommen sind. Der Brexit könnte nicht nur für ihre Landsleute in der alten Heimat, sondern auch für ihr Leben in Deutschland dramatische Folgen haben. Vor allem der Aufenthaltsstatus ist nach wie vor ungeklärt, zumindest für all jene, die noch keine deutsche Staatsbürgerschaft haben oder nicht mit Deutschen oder EU-Bürgern verheiratet sind. Diese Sorge haben Dale Carr und ihr Mann nicht. Sie haben sich nach dem EU-Referendum in Deutschland einbürgern lassen. Für ihr Geschäft aber sehen sie keine Zukunft.

Einst war es ihr Geschäft, das es Dale Carr ermöglichte, in Deutschland zu bleiben. Sie war gerade 25, als es sie durch einen Zufall nach Berlin verschlug. Erst wollte sie nur ein paar Wochen bleiben. Dann gefiel es ihr so gut, dass sie sich einen Job suchte: "Ich war eine Haushälterin für das amerikanische Militär", erzählt Carr.

Nach dem Mauerfall verlor sie ihre Anstellung. In der Not kam sie auf die Idee mit "Broken English". Seitdem gab es – abgesehen von den Sonntagen – nur zwei Tage, an dem sie ihr kleines Geschäft geschlossen ließ: Als Lady Diana zu Grabe getragen wurde und als einmal die Berliner Verkehrsbetriebe streikten.

"Ich bin stolz eigentlich, dass wir das hingekriegt haben, dass wir das überlebt haben alles. Denn das war harte Arbeit."

Das Gefühl, zuhause eine Ausländerin zu sein 

Hart arbeiten, das will auch Hanna Balazs. Das gefällt ihr an Deutschland: Wer hart arbeitet, findet hier seinen Platz. Die junge Frau steht kerzengerade mit einer Tasse Kaffee an der Theke einer schottischen Kneipe in Berlin-Mitte. Sie fühle sich wohl in Deutschland, sagt sie, die einstige britische Heimat sei ihr immer fremd geblieben.

"Deutschland war die beste Entscheidung in meinem Leben. Ich fühlte immer, dass ich nicht zu England passe, ich fühlte mich als Ausländerin in England. Natürlich bin ich auch in Deutschland eine Ausländerin, aber ich fühle mich akzeptiert hier."

Ihr Ziel: die deutsche Staatsbürgerschaft 

Balazs‘ Großeltern kamen einst aus Ungarn, heute lebt die Familie in ganz Europa verteilt.

"Ich bin besonders ängstlich über einen ungeregelten Brexit, weil ich meine Rechte als EU-Bürger verlieren kann und nicht weiß, ob ich dann einen Aufenthaltstitel beantragen muss. Und ich bin ein normaler Arbeiter, ich arbeite 40 Stunden pro Woche."

Hanna Balazs zog Anfang 2016 nach Berlin. Jetzt hat sie Angst, dass ihr hier alles, was sie sich gerade erst aufgebaut hat, wieder entgleiten könnte, dass ihr Gehalt und ihr einfacher Job nicht ausreichen für ein Aufenthaltsrecht als Drittstaatlerin — als die sie im Fall eines harten Brexits gelten würde. Balazs hofft, dass sie die weiteren drei Jahre bleiben darf, die sie braucht, um die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen zu können. Dafür lernt sie fleißig Deutsch — und betont, dass sie nicht in Mitte wohne, wo man auch mit Englisch gut zu Recht komme, sondern in einem Ost-Berliner Randbezirk:

"Ich wohne in Marzahn. Man muss Deutsch lernen in Marzahn. Oder Russisch."

Verbindungen schaffen – nicht kappen

Wenn Deutschland sie weiterhin haben will – Hanna Balazs ist gut vorbereitet. Sie sei Einwanderin, sagt sie, keine von den Expats, die mal hier und mal dort lebten auf der Welt. Aber auch in dieser Gruppe ist die Unsicherheit groß seit dem britischen Votum. Der Ingenieur Joe Ruffles ist IT-Fachmann bei einem US-amerikanischen Unternehmen. Er hilft Firmen, digitale Netzwerke aufzubauen. Seine Job ist es, Verbindungen zu schaffen, nicht zu kappen.

"Das Vereinigte Königreich hatte ja großen Einfluss auf die EU, bei der Schaffung des Binnenmarktes, bei der Osterweiterung. Großbritannien hat die EU vorangetrieben, gemeinsam mit Frankreich und Deutschland. Wir saßen mit am Tisch. Und es fühlte sich gut an, ein Bürger dieses Projekts zu sein", sagt Ruffles.

Ruffles ist groß und kräftig, sein rotblonder Vollbart hat schon ein paar graue Flecken. Er sieht aus wie einer, der anpacken kann, wenn es sein muss. Er machte Wahlkampf für den Verbleib in der EU, spendete Geld und zog von Tür zu Tür – auch wenn er ahnte, dass die Sache schon verloren war angesichts der feindlichen Stimmung im Land. Seit drei Jahren lebt er in Deutschland, aber nur die Hälfte davon in Berlin.

Ruhestand in Spanien

Ruffles hat einen Anwalt zu Rate gezogen, damit er alles richtig macht bei der Beantragung seines Aufenthaltstitels. "Ich möchte ein unbefristetes Aufenthaltsrecht haben, vielleicht auch einmal die Staatsbürgerschaft. Das Wichtigste ist: Ich will hier nicht weg."

Für Dale Carr hingegen geht mit dem Brexit auch ihr Leben in Berlin zu Ende. Für ihren Ruhestand will sie – da ist sie ganz Britin geblieben – nach Spanien ziehen. Sie hofft nur, dass sie dort nicht zu vielen von ihren Landsleuten begegnet.

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