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Religionen | Beitrag vom 10.02.2019

Berlinale-Film „Oray“„Der Islam hat was Anarchistisches“

Mehmet Büyükatalay im Gespräch mit Kirsten Dietrich

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Filmszene aus "Oray". (filmfaust+Christian Kochmann)
Filmszene aus "Oray". (filmfaust+Christian Kochmann)

Ein Film über Muslime ohne Terror, Kopftuch oder das Überlaufen zum heiligen Krieg in Syrien – geht das überhaupt? Ja, sagt Regisseur Mehmet Büyükatalay. Er zeigt in „Oray“ einen gläubigen Muslim mit seinen alltäglichen Problemen in Deutschland.

Kirsten Dietrich: Bei der Berlinale in diesem Jahr läuft ein Film, in dem es um den Islam in Deutschland geht. Es geht in dem Film nicht ein einziges Mal um Terror oder Anschläge oder den IS. Auch kommen keine nichtmuslimischen Menschen ohne Migrationsgeschichte vor, der Film bleibt ganz im Mikrokosmos seiner Figuren. Und trotzdem oder genauer: genau deswegen ist der Film "Oray" ein ungeheuer präziser Blick auf den Islam, auf Muslime in Deutschland. Hinter "Oray" steckt der Regisseur und Drehbuchautor Mehmet Akif Büyükatalay – "Oray" ist sein Abschlussfilm an der Kunsthochschule für Medien Köln. Ich habe vor der Sendung mit Mehmet Büyükatalay gesprochen und wollte wissen, ob es eine Vorlage im echten Leben für die Titelfigur Oray gibt.

Mehmet Büyükatalay: Ich habe einen echten Oray ein paar Mal treffen können, und die Eckpunkte seiner Biografie waren ähnlich. Er war Kleinkrimineller, wollte dann neu anfangen, zog zu seinem Jura studierenden Freund nach Köln, und ich kannte den Freund. Da hatten wir die Möglichkeit, uns immer wieder zu treffen, als ich den Freund besucht habe. Da hat mich seine Zwiegespaltenheit richtig neugierig gemacht, weil er natürlich seinen Glauben gefunden hatte, aber auch mit seinen alten Verhaltensmustern nicht aufhören konnte. Zum Beispiel, wenn die gekifft haben, hat er dann gewartet bis zum letzten Gebet, die Muslime beten ja fünfmal am Tag, und dann hat er erst gekifft. Er konnte auch von seinen alten Freunden nicht loslassen und hat die ganze Zeit versucht, die zum Glauben zu überzeugen. Und das hat mich einfach zu dieser Figur inspiriert.

Glauben hilft nicht dabei, Formulare auszufüllen

Dietrich: Das fand ich ganz wundervoll zu sehen, dass da eine Geschichte einer relativ spektakulären Bekehrung erzählt wird, die aber überhaupt keines der Altersprobleme löst.

Büyükatalay: Ja, denn der Glauben ist ja jetzt nicht unbedingt eine praktische Lebenshilfe. Es sagt dir ja nicht, wie du irgendein Formular beim Jobcenter auszufüllen hast oder wie du jetzt deine Miete bezahlen sollst. Er ist etwas fast rein Emotionales, das kann ja keine Alltagsprobleme lösen. Dafür sind eigentlich andere Instanzen notwendig, da gibt es die Gemeinde, die dann aber Alltagsprobleme lösen kann, wie zum Beispiel eine Wohnung zu finden in der Großstadt mit einem superschwierigen Wohnungsmarkt.

Dietrich: Das sieht man im Film ja auch sehr eindrücklich. Dieser Oray hat noch eine andere Möglichkeit, sich im Alltag zurechtzufinden. Er hat nämlich eine sehr patente Frau, Burcu, die ihn liebt und auch ein bisschen managt, was Oray mal gut und mal weniger gut aushalten kann. Bis dann irgendwann ein Streit eskaliert – das bringt den Film in Gang – und er ihr im Streit auch noch via Mailbox am Telefon dreimal das Wort talaq an den Kopf wirft. Was bedeutet dieses talaq?

Scheidung im Streit – mit unklaren Folgen

Büyükatalay: Talaq bedeutet übersetzt Verstoßung. Das bedeutet, wenn ein Part – und das ist eher der männliche Part – im Streit "talaq" sagt, führt es dazu, dass man die Beziehung pausieren muss oder es eventuell, je nach Rechtschule, zur Scheidung führen kann. Oray sagt das im Streit, und sie wissen nicht, ob er es einmal oder dreimal gesagt hat, und je nachdem, in welcher Gemeinde er welchen Imam fragt, sagt der ihm entweder: drei Monate Pause oder: Scheidung.

Dietrich: Sie zeigen sehr schön, wie schwierig das auch unter Muslimen ist, dass es da überhaupt nicht die eine gültige Interpretation gibt, wie man das gerne von außen so denkt, sondern da eben mit verschiedenen Imamen telefoniert wird, Fatwahs eingeholt werden.

Büyükatalay: Ja, ich sage immer, es gibt nicht den Islam, es gibt ungefähr 1,3 Milliarden Muslime, wenn nicht mehr, und jeder Muslim lebt auch seinen eigenen Islam. Das ist ja auch das Verlockende und Ansprechende, weil Islam hat schon was Anarchistisches, er ist unzähmbar. Das liegt schon in seiner Entstehungsgeschichte. Der Islam sieht sich ja als eine Fortsetzung der beiden monotheistischen Religionen, als ein Update, wo der Islam versucht, das Exklusive im Judentum und aber auch so dieses strukturell organisierte, hierarchisch organisierte Christentum zu überwinden. Deswegen gibt es ja auch keinen Vatikan, gibt es auch keine übergeordneten Kirchen und so weiter. Aber das führt dazu, dass jeder Moslem seine eigene Interpretation aufstellen kann – und auch wenn in seinen Ansätzen gut gedacht war, kann es natürlich dazu führen, dass es falsch interpretiert wird oder zu Gewaltfantasien führen kann.

Dietrich: Welche Rolle spielt das Internet dabei? Sie zeigen, wie Fatwahs, also religiöse Rechtsgutachten, aus aller Welt nur einen Mausclick entfernt sind, Sie zeigen auch den Status von Oray immer daran, wie häufig geklickt die Predigten werden, die von ihm Online gestellt werden.

Der Islam globalisiert sich

Büyükatalay: Natürlich ist das Erreichen von Rechtsgutachten so einfach wie noch nie. Deswegen habe ich auch talaq ausgewählt, weil talaq spielt zum Beispiel im türkischen Milieu, im europäischen Islam kaum eine Rolle. Ich habe das noch nie erlebt. Das ist das einzig Spektakuläre in meinem Film. Aber dadurch, dass es jetzt durchs Internet eine Erreichbarkeit gibt, gibt es auch eine Internationalisierung von jeglichen Fatwahs aus Indien, aus Indonesien, aus Malaysia, aus Saudi Arabien, und das führt dazu, dass so exotische Regelungen auch dich erreichen können in Köln oder in Hagen.

Dietrich: Das heißt, wir sehen in diesem Film nicht nur einen Muslim, der mit seiner Rolle in der deutschen nichtmuslimischen Gesellschaft ringt, wir sehen auch gleichzeitig einen Muslim, der versucht, seinen Islam zwischen seiner türkischen Herkunftstradition und zwischen verschiedenen anderen weltweiten Strömungen des Islam zu finden.

Büyükatalay: Genau, also das wird auch deutlich, wo er den zweiten Imam in Köln von dem Fatwah-Imam erzählt und der fragt, ist der vom Staat – also das ist ein türkischer Imam? Oder wo später der Freund zu ihm sagt, komm, der Imam hat doch gesagt, das ist keine Scheidung, das ist eine Pause. Also es ist oft eine Rebellion oder Emanzipation, die Radikalisierung, von dem traditionell volksnahen Glauben.

Dietrich: Der traditionell national organisiert ist.

Büyükatalay: Genau, und das sind natürlich dann diese jungen Männer und Frauen, die gegen ihre Eltern rebellieren, indem sie auf einmal religiöser und strikter sind.

Männergemeinschaft für die Lost Boys

Dietrich: Sie zeigen das sehr anschaulich, wie Oray seinen Glauben wirklich in die Hand nimmt, aus einer kleinen Rumpelbude, in der sich irgendwelche Leute mehr oder minder erfolgreich treffen, eine blühende Moschee, eine blühende Männergemeinschaft macht.

Büyükatalay: Ja, ich glaube, die größte Anziehung auf diese, sagen wir mal: Lost Boys oder jungen Männer mit Migrationshintergrund, ist gerade dieser exklusive Männerbund mit seinen Werten wie Freundschaft, Brüderlichkeit, Teilen – und ein Schaffen von außen, das sind die, die uns beneiden, und die, die uns angreifen, und dagegen wir, die eigentlich wahren Gläubigen. Das gibt jedem natürlich ein enormes Selbstbewusstsein, eine Macht über sein Leben, die er sonst nicht hat. Das ist das Verlockendste. Dafür sind wir bereit – also ich denke, ich spreche jetzt nicht von den Muslimen, allgemein vom Menschen –, dafür sind wir ja bereit, alles zu opfern, nur damit wir unser Selbstwertgefühl steigern können.

Dietrich: Sie wiederholen immer wieder eine Szene in dieser Moschee, in der Oray seine Geschichte erzählt und sich als Muslim in der deutschen Gesellschaft platziert. Wir sind hier drin, wir sind heiß, wir brennen, und die da draußen, die können uns überhaupt nicht verstehen. Das ist so eine Schlüsselszene für den ganzen Film, oder?

Büyükatalay: Ja, einerseits wirklich so eine Predigt, auch eine gewisse Nacherzählung, ein Nachjustieren von der eigenen Biografie, und das kann ja auch eine gewisse Stilisierung, eine Beschönigung mit Euphemismen et cetera beinhalten, und das macht er in dem Moment auch, indem er zum Beispiel seine kriminelle Vergangenheit – wobei auch dieses Kleinkriminelle geprägt ist von Komplizenschaft, Brüderlichkeit, Gegnerschaft gegenüber der Mehrheitsgesellschaft – fortführt, indem er das Kriminelle rauslässt und nur noch das Schöne in seiner Gemeinde findet.

Wir drinnen, die Ungläubigen draußen?

Dietrich: Ich habe den Film gesehen als eine nichtmuslimische, nichtmigrantische Zuschauerin, und einerseits dachte ich, da sehe ich zum ersten Mal etwas, was ich so noch nie gesehen habe, und andererseits habe ich auch tatsächlich ein bisschen Angst bekommen, –

Büyükatalay: Wirklich?

Dietrich: – nicht vor Muslimen, aber ich dachte, dieser Graben, den Sie da aufzeigen, der scheint so tief, und ich fragte mich, wie da überhaupt irgendeine Verständigung möglich ist.

Büyükatalay: Hm ja, ich glaube schon, dass eine Verständigung möglich ist. Wenn wir mal diese ganzen soziokulturellen Aspekte außen vor lassen, müssen wir in die Essenz der Religion überhaupt mal hineinblicken. Und das ist ja eigentlich der Hauptkonflikt, dass jede Religion – also ich spreche jetzt mal von den drei Weltreligionen Juden, Christentum, Islam, über die anderen habe ich jetzt nicht genug Wissen –, die haben ja was Exklusives. Eine Religion kann ja nur eine Anhängerschaft generieren, indem sie eine allgemeine Deutungshoheit über Gott, Welt, die Wahrheit beansprucht, und das ist ja auch ein Versprechen: Wir sind die, die die Wahrheit haben. Und da ist für mich das Problem, wie können Gruppierungen von sich behaupten, sie seien die Einzigen, die die Wahrheit kennen, aber den anderen auch einen gewissen Respekt und eine Anerkennung zubilligen. Das ist etwas, was wir auch noch tiefer thematisieren müssten, wenn wir von Verständigung reden. Da ist auch die Frage, ob überhaupt eine Vermischung der Religionen möglich ist oder ob auch einfach ein friedliches Nebeneinander, einfach ein respektvoller Umgang ausreicht, um einfach friedlich miteinander zu leben.

Dietrich: Das ist ja gerade die Frage, glaube ich, die die Gesellschaft wirklich umtreibt, gerade im Verhältnis zu Muslimen, fast auch, hört man immer wieder, so ein bisschen die Verzweiflung – Sie nannten es eben "anarchistisch" – darüber, dass der Islam einfach keine handlichen klaren Strukturen hat. Haben Sie als Filmemacher, als Filmemacher, der selber eine gläubige Tradition und Herkunftsfamilie hat – haben Sie Ideen, wie man das versöhnen könnte, wie dieses Miteinander gelingen könnte?

Den einzelnen Menschen sehen

Büyükatalay: Ich glaube, es ist ganz banal und einfach: dass man einfach mal zusammenkommt. Da fängt es schon eigentlich an, wenn man die Muslime nicht verteufelt oder zu exotischen Figuren macht, sondern ihnen einfach Namen gibt – wie Mehmet, wie Ayse. Wenn man da anfängt, diese Zusammenkunft zu ermöglichen, was zum Beispiel an der Universität passiert, ohne dass es so anvisiert ist, dann passiert es auch, dass man auf einmal sich vermenschlicht. Und in dieser Vermenschlichung kann dann eine sehr schöne Verständigung ermöglicht werden. Aber andererseits muss man auch ganz kritisch mit dem Willen von Religiösen umgehen, ob da überhaupt dieser Wille besteht, dass man zusammenkommt und sich vermischt und sich verständigt. Da bin ich ein bisschen pessimistisch, um ehrlich zu sein.

Dietrich: Sie kommen selber aus einer religiösen Familie, waren auch aktiv in der Moscheegemeinde. Welche Rolle spielt dieser Hintergrund für den Film?

Büyükatalay: Einerseits natürlich in meinem Wunsch, meine Vergangenheit und auch Gegenwart zu thematisieren, zugänglich zu machen als Kunstschaffender, als Filmemacher, andererseits natürlich auch, dass ich einen gewissen Blick habe, den man sonst nicht hat. Und natürlich, um jetzt auf das rein Pragmatische zu kommen, vertrauen die Leute mir auch. Also wenn ich jetzt einen Film mache in Moscheen mit richtigen Moscheegängern, sagen die nicht, wer ist das, was will er mit uns machen, sondern die haben dann Vertrauen zu mir. Denn die Angst der Muslime vor ihrer Darstellung in den Medien ist enorm groß. Das ist wirklich fast eine paranoiahafte Schreckhaftigkeit, wenn Muslime in Medien dargestellt werden. Ich kenne das selber, als Jugendlicher, wenn ich so einen "Spiegel"- oder "Stern"-Artikel gelesen habe, wo Muslime thematisiert worden sind, konnte ich ein paar Tage einfach nicht ruhig schlafen. Ich war voller Unruhe, weil es einfach nicht dem Bild von mir entsprochen hat, und es wurde auch nicht von Muslimen oder von Menschen mit Migrationsgeschichte geschrieben, sondern es war immer ein Blick von außen. Ich glaube, schon der erste Schritt, dass jemand aus diesem Kreis einen Film macht über uns Muslime, ist ein erster wichtiger Schritt in die Richtung.

Dietrich: Und natürlich auch ein wichtiger Schritt, um von dieser klischeehaften Darstellung wegzukommen, –

Büyükatalay: Ja.

Dietrich: – weil wenn es um Islam im Film geht, dann wird das immer fürchterlich aufgeregt. Dann geht es entweder um unterdrückte Frauen, oder es geht um einen westlichen Jugendlichen, der sich radikalisiert und für den IS in den heiligen Krieg ziehen will, auch bei dieser Berlinale wieder. Wollen Sie da ganz bewusst einen Kontrapunkt setzen?

Ein Bild vom Islam jenseits der Stereotype

Büyükatalay: Ganz klar, ganz klar einen Kontrapunkt setzen. Ich meine, diese Filme sind  sehr problematisch, weil halt auch der Islam immer durch eine westliche, nichtmuslimische Figur erzählt wird. Aber was ist mit den vier Millionen Muslimen in Deutschland, was ist mit ihren Gefühlen? Ich kenne persönlich keine Burkaträgerin, ich kenne niemanden, der nach Syrien geflohen ist, um da zu kämpfen. Ich kenne diese Leute nicht. Und ich war sehr aktiv, ich bin im enormen Kontakt mit meinen Glaubensgeschwistern. Das führt immer zu der Einschätzung, dass die Medien versuchen, ein Bild des Islam herzustellen, das nicht meines ist, und das führt immer zu so einer Antihaltung. Auch wenn es zum Beispiel Punkte gibt wie Frauenrechte, Unterdrückung oder Antisemitismus, diese Punkte müssen angesprochen werden, aber wenn permanent alles in einen Kontext gesetzt wird mit Terror, Burka, Antisemitismus, dann ist das eine Antihaltung, und diese Antihaltung hemmt einen auch, Selbstkritik auszuüben.

Dietrich: Was erhoffen Sie für Ihren Film "Oray" jetzt bei der Berlinale?

Büyükatalay: Ich freue mich auf einen Diskurs, den dieser Film auslösen wird, und ich freue mich auf den Austausch. Ich freue mich darauf, dass ich die Möglichkeit haben werde, unterschiedliche Kritiken und Meinungen zum Thema Islam in Deutschland zu bekommen, und ich würde mich auch freuen, wenn nicht nur von dem Islam gesprochen wird, sondern von einzelnen Muslimen. Deswegen ist es ja auch so eine Fokussierung auf ein Einzelschicksal, ein Individuum Oray. Es hat ja nicht den Titel "Umma" oder "Die Muslime", weil es hat ja überhaupt nicht den Anspruch, ein superkomplexes System in 100 Minuten zu erklären. Ich wollte einfach ein Gefühl übermitteln, was es heißt, Glauben im 21. Jahrhundert in einem westlichen Land zu leben.

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