Seit 22:00 Uhr Die besondere Aufnahme

Samstag, 23.02.2019
 
Seit 22:00 Uhr Die besondere Aufnahme

Studio 9 | Beitrag vom 12.02.2019

Berlinale-Absage von "One Second"Warum die chinesische Zensur dahinter stecken könnte

Von Steffen Wurzel

Beitrag hören Podcast abonnieren
 Der chinesische Regisseur Zhang Yimou (picture alliance / Geisler-Fotopress)
Zhang Yimous Film "One second" beschäftigt sich mit einem Thema, das in China noch immer tabuisiert ist - der Kulturrevolution. (picture alliance / Geisler-Fotopress)

Der kurzfristige Rückzug eines chinesischen Wettbewerb-Films sorgt auf der Berlinale für Aufsehen. "One Second" könne wegen "technischer Probleme" nicht gezeigt werden, heißt es aus China. Übersetzt heißt das zumeist: Der Zensor hat zugeschlagen.

Zhang Yimou (张艺谋) ist einer der erfolgreichsten Film-Regisseure Chinas. Zwei Dutzend Filme hat der 68-Jährige seit Ende der 80er Jahre gedreht. Darunter viele, die sich mit der komplizierten Gesellschaftsstruktur des Landes befassen.

In den vergangenen Jahren drehte Zhang aber auch mehrere aufwendige und kommerziell erfolgreiche Kung-Fu-Blockbuster, "Curse of the Golden Flower" und "Shadow" zum Beispiel. Auch international ist Zhang Yimou seit Jahrzehnten erfolgreich. Bereits mit seinem Debut-Werk "Hong Gaoliang", auf Deutsch "Rotes Kornfeld", gewann er bei der Berlinale 1988 den Goldenen Bären. Seitdem folgten Auszeichnungen unter anderem bei den Filmfestspielen in Cannes und Venedig.

Ein Film über die Zeit der Kulturrevolution

Zhang Yimou ist kein ausgewiesener politischer oder regierungskritischer Filmemacher. Er hat in den vergangenen Jahrzehnten aber immer wieder politische Themen bearbeitet. So zum Beispiel in seinem neuesten Werk "Yi Miao Zhong" (一秒钟). Unter dem englischen Namen "One Second" hätte der Film am Freitag im Wettbewerb der Berlinale laufen sollen. Er spielt in der Zeit der Kulturrevolution der 1960er und 70er Jahre. Während dieser Zeit wurden in China Hunderttausende Menschen gewaltsam getötet, viele Millionen wurden verschleppt, misshandelt und gefoltert.

Die Ideologie der Kulturrevolution ging damals von der Kommunistischen Staats- und Parteiführung aus. Die ist heute immer noch an der Macht. Auch wenn sie sich von den damaligen Geschehnissen distanziert: Aufgearbeitet sind die Verbrechen und die Hintergründe der Kulturrevolution immer noch nicht. Das Thema ist in China weitgehend tabu. Sehr gut möglich also, dass die Zensoren der chinesischen Staats- und Parteiführung Zhangs Film-Firma gezwungen haben, "One Second" von der Berlinale zurückzuziehen.

"Technische Probleme" als Vorwand

Öffentlich zugeben, dass sich die Zensur eingemischt hat, das machen chinesische Künstler fast nie. Sehr häufig ist in diesen Fällen von "technischen Problemen" die Rede. Seit Bekanntwerden des Rückzugs sorgt der Vorfall für einige Aufmerksamkeit unter Filmfans in China. Im Kurznachrichtendienst Weibo finden sich unzählige Kommentare.

Die allermeisten halten "technische Probleme" für eine billige Ausrede. In jedem Fall würde eine Zensur des Films ins Bild passen. Seit Staatschef Xi Jinping in China vor sechs Jahren an die Macht kam, schottet er das Land immer weiter ab. Überwachung und Zensur nehmen zu. Für Kulturschaffende wird es dadurch immer schwieriger.

Mehr zum Thema

Filmindustrie in China - Konkurrenz für Hollywood
(Deutschlandfunk Kultur, Vollbild, 23.6.2018)

Kulturzensur in China - Sozialistische Kunst soll positiv sein
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 15.3.2015)

Interview

VenezuelaKonflikt um Hilfsgüter an der Grenze
Polizisten stehen auf der Tienditas-Brücke an der Grenze zu Kolumbien Wache.  (AP, dpa news)

Angesichts der Versorgungskrise in Venezuela will der selbsternannte Interimspräsident Juan Guaidó Hilfsgüter von Kolumbien aus ins Land bringen. Der Konflikt um die humanitäre Hilfe könnte gewaltsam eskalieren, befürchtet Politologe Ivo Hernández.Mehr

weitere Beiträge

Frühkritik

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur