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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 26.08.2014

BerlinWas wird aus dem Tacheles?

Das legendäre Kunsthaus zwei Jahre nach der Räumung

Von Sören Brinkmann

Blick auf das Kunsthaus Tacheles und den Hof am Donnerstag (02.08.2012) in der Oranienburger Straße in Berlin. (picture-alliance / dpa / Jens Kalaene)
Blick auf das Tacheles und den Hof vor der Räumung im Jahr 2012 (picture-alliance / dpa / Jens Kalaene)

Über 20 Jahre lang tobten sich im Tacheles die Künstler aus. Die im Jahr 1990 besetzte Ruine in Berlins Mitte wurde vor zwei Jahren geräumt und steht seitdem leer. Die Wege der ehemaligen Nutzer haben sich getrennt.

Mit dem gewohnten Quietschen biegt die Straßenbahn in die Oranienburger Straße in der Mitte Berlins ein. Sie rollt vorbei an Cafés und Geschäften - und an einer Ruine samt Baulücke. Noch immer kommen Touristen vorbei, bleiben vor den Bauzäunen stehen und fotografieren die graffitibeschmierte Fassade des früheren Tacheles. Doch seit der Räumung vor zwei Jahren kommt hier kein Passant mehr rein.

"Das ist ein Kunstraub unter Polizeischutz. Das Tacheles ist weg. Es tut uns allen sehr leid. Einen schönen Tag noch."

Anfang September 2012 wird das Tacheles geräumt. Nach vielen Protesten und Solidarveranstaltungen, läuft an diesem Tag alles ruhig. Die Künstler verlassen das Haus. Das Ende einer 22-jährigen Geschichte mit Höhen und Tiefen ist damit besiegelt.

Der Niedergang des Kunsthauses beginnt 1998: Der Immobilienunternehmer Anno August Jagdfeld kauft mit seiner Fundus-Gruppe das rund 30.000 Quadratmeter große Gelände, zu dem auch eine riesige Freifläche gehört. Die Künstler bekommen einen zeitlichen begrenzten Mietvertrag.

Doch das Immobilienprojekt gerät in finanzielle Schwierigkeiten. Der Gläubiger, die HSH-Nordbank, übernimmt das Gelände in Zwangsverwaltung. Ein Termin für eine Zwangsversteigerung wurde schon abgesagt, ein neuer ist nicht angesetzt.

"Das Tacheles war wie ein wilder Pott - richtig bunt, schöne Atmosphäre. Berlin Mitte hat mit Tacheles gelebt."

Nach 22 bewegten Jahren - zwei Jahre Stillstand ohne Aussicht auf Besserung. Mendu, der früher in einer selbstgebauten Hütte auf dem Hof des Tacheles Gemälde ausstellte, erinnert sich gerne an früher. Aber er hat einen Neuanfang geschafft: Er betreibt ein Galerie-Café in Berlin Mitte.

Und auch viele andere der ehemaligen Tacheles-Aktivisten führen die Idee des Kunsthauses an anderer Stelle weiter. Wie Ludwig Eben, einer der ersten Besetzer des Tacheles und Betreiber des hauseigenen Café Zapata. Nach dem Auszug mit Abfindung eröffnete er einen Club an einer S-Bahnstation im Aufsteigerviertel Wedding. Dort richtet er sich gerade auch ein neues Atelier ein:

"Es ist auf jeden Fall so, dass wir diesen Ort so nah an der Regierung dran oder in der Innenstadt verlassen haben und mehrere Gruppen sich gebildet haben, die eher in der Nische agieren und nicht mehr so in der Mitte des Geschehens. Aber der Gedanke ist derselbe: Man ist halt selbständig und versucht sein Leben anders zu gestalten und nicht so in der Fabrik-, Bürogeschichte zu versinken."

Metallkünstler zogen nach Marzahn

Eine andere Tacheles-Gruppe - die Metallkünstler - hat sich etwas weiter entfernt, etwa 20 S-Bahn-Minuten außerhalb der Innenstadt, im Berliner Stadtteil Marzahn angesiedelt.

Einzelteile der großen Metallbuchstaben, die früher Symbol des Kunsthauses an der Oranienburger Straße waren, lehnen an einer Backsteinmauer. Ein Bauwagen, eine kleine zusammengezimmerte Hütte. Davor wächst kniehoch Unkraut zwischen Asphalt und Betonplatten. In einer Ecke steht ein massiger Torso aus Metalllamellen. Das Freiluftatelier befindet sich auf dem Gelände der Alten Börse Marzahn.

Vor gut einem Jahr hat Peter Kenzelmann diesen Kunstort gegründet:

"Der Kontakt zum Tacheles kam ja so zustande, dass wir einfach angefragt wurden, ob Metallteile gelagert werden können. Und natürlich haben wir gesagt, selbstverständlich könnt ihr die hier abstellen, könnt die zwischenlagern. Und aus diesem ersten Kontakt ist einfach mehr entstanden - wurden nicht nur Metallteile abgelagert, sondern ist hier jetzt auch eine Werkstatt entstanden und entstehen immer weitere Impulse."

Das Gelände, früher Umschlagplatz für Rinder und Schweine, später militärisches Sperrgebiet, ist heute eine Industriebrache neben dem Heizkraftwerk Marzahn. In der Nachbarschaft werden Einfamilienhäuser gebaut.

Neue Vielfalt neben dem Heizkraftwerk

Stück für Stück wird auch das Gebäude der Alten Börse saniert. Inzwischen gibt es eine Veranstaltungshalle, ein Café mit Biergarten, in dem selbstgebrautes Marzahner ausgeschenkt wird. Ein paar Schritte entfernt öffnet gerade ein neuer Club, der auch für Kulturveranstaltungen dienen soll.

"Es haben sehr viele Menschen und sehr viele Künstler wirklich sehr viel mitgebracht an Ideen, an Kreativität. Und das macht auch diesen Ort aus: diese Vielfalt."

Eine Vielfalt, die ein bisschen an die Anfänge des Tacheles erinnert. Hier soll ein Freiraum entstehen, sagt Peter Kenzelmann – aber nicht nur für Leute aus dem Tacheles. Auch andere Künstler sind hierher gezogen, wie Ellen DeElaine, die in Düsseldorf studiert hat und zuletzt ein Atelier in Köpenick hatte. Für ihre meterhohen Malereien wurden die Räume dort irgendwann zu kein, erzählt sie:

"Das erste Mal als wir hier waren, waren wir direkt begeistert von dem Ort. Auch diese Stimmung und dass eben hier gerade was am Entstehen ist. Diese Energie und dass hier auch so viele verschiedene Leute an diesem Ort sind – Künstler, Musiker, Handwerker - ist sehr spannend."

... und wird es vielleicht auch bleiben.

Im Gegensatz zum Tacheles gehört das Gelände nämlich Kenzelmanns eigener GmbH. Solch ein Engagement, so diagnostiziert es im Nachhinein Ludwig Eben vom Café Zapata - hätte auch das Kunsthaus in der Oranienburger Straße retten können. Aber dafür hätten sich im Laufe der Jahre zu viele Fronten zwischen den einzelnen Künstlergruppen gebildet. Eben ist sich sicher: Hätte es diesen Streit nicht gegeben ...

"... dann gäbe es das Tacheles noch, weil dann wäre eben auch eine große Kampfkasse da gewesen und dann hätte man auch 100 Jahre da ausgehalten. Das Ansinnen ist einfach, Gras über die Sache wachsen zu lassen und dann wird in zehn Jahren einfach gebaut und dann ist eh alles vorbei."

Warten auf neuen Tacheles-Eigentümer

Einen Ort wie das Tacheles wird es an der Oranienburger Straße nicht wieder geben, meint Ludwig Eben. Auch wenn die Ruine unter Denkmalschutz steht und laut Bebauungsplan kulturell genutzt werden muss.

Bei der Senatsverwaltung heißt es, das Tacheles sei momentan kein Thema. Beschäftigen wird man sich mit dem Gelände wohl erst wieder, wenn es einen neuen Eigentümer gibt. Doch dafür gibt es derzeit keinen Zeitplan.

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