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Musikfeuilleton | Beitrag vom 29.11.2019

Berlin-Teheran-TravellersDer Iran und die Musik heute - ein neuer Frühling?

Von Julia Kaiser

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Die Yarava Music Group und das Ensemble unitedBerlin nach dem Konzert in Teheran am 14.11.2019 (Ara Megerdoumian)
Die Yarava Music Group und das Ensemble unitedberlin nach dem Konzert in Teheran am 14.11.2019 (Ara Megerdoumian)

Ein Austauschprojekt zwischen dem Ensemble unitedberlin und der jungen Szene zeitgenössischer Musik in Teheran.

Das Projekt "Berlin Teheran Travellers" ist aus einem Scheitern heraus entstanden. 2016 sollte das Ensemble unitedberlin zur Eröffnung der großen Kunstausstellung aus der Sammlung Farah Diba im Auswärtigen Amt in Berlin ein Konzert mit neuer Musik junger iranischer Komponistinnen und Komponisten spielen. Die Ausstellung fand nicht statt, aber die Faszination des Ensembles für die Musik, die es bei den Vorbereitungen kennengelernt hatte, war so groß, dass sie alle mehr erfahren wollten. Drei Jahre dauerte die Planung, und ob es einen wirklichen Austausch in beiden Ländern würde geben können, war bis zuletzt unsicher.

Bereits im Mai 2019 hatte das Ensemble unitedberlin, das sich als "Galeristen der musikalischen Avantgarde" bezeichnet, die Yarava Music Group nach Berlin eingeladen. Neue Musik von Komponistinnen und Komponisten aus dem Iran stand auf dem gemeinsamen Programm. Mitte November war unitedberlin zum Gegenbesuch in Teheran. Konzerte, Workshops für Instrumentalisten, Dirigenten und Komponisten sowie Diskussionen standen auf dem Programm. 

Das Ensemble unitedberlin hat sich 1989 gegründet, um Musiker aus Ost und West zusammenzubringen. In den vergangenen Jahren hat das Ensemble in seinen Projekten viele weitere musikalische und geographische Grenzen aufgelöst, in Europa, Asien und Amerika. 

ensemble unitedberlin (Mathias Botor)ensemble unitedberlin (Mathias Botor)


Die stehenden Ovationen im ausverkauften Kammermusiksaal der Roudaki Hall in Teheran rührten die Musikinnen und Musiker aber doch besonders. Mit Blumen und großem Jubel begrüßten die Zuschauerinnen und Zuschauer den Komponisten Ehsan Khatibi, der 2007 zum Masterstudium nach Berlin gegangen war und nicht zurückkehren konnte, weil er im Iran zum Militärdienst eingezogen worden wäre. Seine Freunde und ehemaligen Mitmusiker haben ihn nicht vergessen. Als er sein eigenes Stück dirigiert, wird er gefeiert.

Die Roudaki Hall ist das Opern- und Konzerthaus Teherans, der größte Konzertsaal des Landes. Kurz nach der Eröffnung 1967 waren hier auch westliche Orchester und Künstler zu Gast, etwa die Berliner Philharmoniker mit Herbert von Karajan, oder die Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf. Die Internationalität war mit der Auflehnung gegen das Schah-Regime und der iranischen Revolution 1979 vorbei. Im großen Saal spielen aber immer noch die Teheraner Philharmoniker oder es gibt Konzerte mit traditioneller Musik. Im kleinen Saal ist auch Raum für Experimentelles.

Das Projekt "Berlin Teheran Travellers" stellt iranische Komponistinnen und Komponisten um die 40 vor, aber auch solche, die schon vor der Revolution gearbeitet haben, zum Beispiel Fouzieh Majd, die 1938 geboren ist und als die Grande Dame der zeitgenössischen iranischen Musik gilt. Anhand ihrer Biographie zeigt sich, dass Avantgarde und neue Musik im Iran schon lange einen hohen Stellenwert besitzen.

(Ara Megerdoumian)Die iranische Komponistin Fouzieh Majd nach der Aufführung ihres Werkes "Ballad for Seconds" durch das Ensemble unitedberlin und die Yarava Group am 14.11.2019 in Teheran unter der Leitung der Dirigentin Catherine Larsen Maguire (Ara Megerdoumian)

Der älteren Generation steht eine Phalanx sehr erfolgreicher Mittdreißiger gegenüber, die verteilt über den Erdball leben und unter dem ständigem Einfluss des kulturellen und künstlerischen Lebens ihrer Aufenthaltsorte zwischen San Francisco und St. Petersburg arbeiten.

Aber es gibt auch eine junge Szene neuer Musik in Teheran zu entdecken. Etwa die Yarava Music Group, Musikerinnen und Musiker zwischen Mitte 20 und Mitte 40, die zeitgenössische Musik auf traditionellen persischen Instrumenten spielen.

Musiker der Yarava Music Group in Teheran  (Ara Megerdoumian )Musiker der Yarava Music Group in Teheran (Ara Megerdoumian )

50 Musikerinnen und Musiker mit traditionellen Instrumenten aus dem Iran oder mit Geige, Flöte, Klarinette und Oboe drängen sich auf der Bühne des Konzertsaales der Universität. Die Instrumentalisten von unitedberlin sitzen mitten zwischen ihnen.

Die Dekanin der Universität Asin Mowahed freut sich: Der erste Schritt des Austauschs sei getan. Mit Mut müsse man nun weitermachen. "Ich denke, das ist es, was die internationale Gesellschaft und besonders die Weltgemeinschaft der Musik verstehen muss: Es gibt die eine Seite, die die iranische Regierung vorstellen möchte, es gibt diese Fassade der strikten Anordnung "Keine Musik, keine Kultur", und die terroristischen Aktionen. Aber die iranische Gesellschaft ist immer schon sehr kunstliebend gewesen. Poesie ist ein wichtiger Teil des Lebens eines jeden Iraners. Kunst wird sehr stark wahrgenommen im Iran, das kann man aus der Kultur der Perser nicht einfach herauslöschen. Wir Perser sind kunstliebend, und darauf sind wir stolz. Wir wünschen uns so sehr, dass die ganze Welt unsere wahre Kultur ansieht und erkennt. Deshalb sind wir auch so glücklich, wenn Gruppen wie unitedberlin in den Iran kommen und uns die Möglichkeit geben, unser wahres Gesicht zu zeigen."

Die Yarava Music Group in großer Besetzung musiziert gemeinsam mit dem Ensemble unitedberlin. (Ara Megerdoumian )Die Yarava Music Group in großer Besetzung musiziert gemeinsam mit dem Ensemble unitedberlin. (Ara Megerdoumian )

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