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Zeitfragen | Beitrag vom 10.07.2018

Berlin-NeuköllnEine Stadt riecht nach Arbeit

Von Ernst-Ludwig von Aster

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Die ehemalige Geflügelfarm im Berliner Bezirk Neukölln. (Deutschlandradio / Ernst-Ludwig von Aster)
Eierlegen für die Eigenständigkeit: In diesem Bürohaus waren zu Westberliner Zeiten 150.000 Legehennen untergebracht. Man riecht es bis heute. (Deutschlandradio / Ernst-Ludwig von Aster)

Abgase, Zigaretten, verbrannte Kaffeebohnen: Berlin riecht, gerade das Industrieviertel in Neukölln, wo bis heute die Kaffeerösterei Jacobs ihren Sitz hat. Und wo auch heute noch der Geruch der alten Westberliner Legehennenbatterie in der Luft liegt.

Süßer Erdbeer- und Schokoladenduft wabert über den Bürgersteig. Vor der Arbeitsagentur im Berliner Bezirk Neukölln. Hier an der Ecke zum ehemaligen Industriegebiet von West-Berlin warten Arbeitssuchende. Und ziehen an ihren E-Zigaretten. Mit Geschmack. Eine ältere Dame ist mit ihrem braun-beige karierten Hackenporsche auf dem Weg zum Einkaufen, bleibt kurz stehen.

"Hier war früher mal Sarotti, Schokoladenfabrik. Das war damals. Heute sind ja alle Geschäfte weg, hier hinten ist ja damals die Brotfabrik gewesen, hat ja auch lecker gerochen."

Seit 85 Jahren lebt sie in Neukölln, erzählt sie. Erinnert sich noch an den Geruch von Kohleheizung und Pferdeäpfeln. Als das hier noch ein alter Arbeiterbezirk war. Ein Sicherheitsmann kommt aus dem Gebäude der Agentur. Bittet uns, zu verduften: "Darf Sie mal bitten, auf'n Fußweg, nicht auf unserem Gelände!"

Ein Hochhaus voller Hühner

Also gehen wir zwei Meter nach links. Die Rentnerin schüttelt den Kopf. Einen alten Geruch hat sie noch heute in der Nase: "Und ganz, ganz früher die Hühnerfarm, na, das hat gestunken."

Gleich um die Ecke, im Boschweg, stand eine der ersten westdeutschen Massentierhaltungen. Zehn Stockwerke, 150.000 Hühner, 40 Tonnen Kot am Tag. Eierlegen für die West-Berliner Unabhängigkeit – das war die Geschäftsidee. Aber auch die ist Geschichte. Industriegeschichte. Ein bisschen aber riecht es hier immer noch nach Arbeit, sagt die Rentnerin. Da müssen sie nur um die Ecke fahren: "Ja, also Kaffee, Zigaretten, bisschen Grünzeug, Autos, hat man sich dran gewöhnt."

Kreuzberg riecht tot, das Regierungsviertel hingegen sehr lebendig. So beschreibt ein Berlinbewohner den Geruch seiner Stadt:

Also rauf aufs Fahrrad, Nase in den Wind, links rum, 200 Meter, rein in die Haberstraße. Von hoch oben blickt ein Cowboy über die Stadt. Lässig den Sattel über der Schulter, das Lasso in der Hand. Und natürlich eine Zigarette im Mundwinkel. Der gigantische Werbeträger dreht sich auf dem Dach von Philip Morris. Blickt jede Minute hinüber auf die andere Straßenseite. Da liegt die Al-Nur-Moschee, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Der Marlboro Mann auf dem Dach der Zigarettenfabrik Philip Morris in Berlin-Neukölln. (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)"Zigarettenbude halt" - wenn der Wind ungünstig steht, kann man riechen, was bei Philip Morris in Neukölln produziert wird. (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)

Ein feines Sirren kommt aus den Fabrikhallen unter der Cowboy-Statue. Doch zu riechen ist nichts. Ein Anwohner kommt mit seinem Hund vorbei. Bleibt stehen. Schnuppert kurz mit. Riecht aber auch nichts. Das ist nicht immer so:

"Zigarettenbude halt, dann stinkt's manchmal, wenn der Wind ungünstig steht. Und die was aus ihrem Schornstein rauslassen."

Aber im Augenblick stinkt ihm etwas ganz anderes. Seit hier der Zubringer zur Stadtautobahn gebaut wird, dröhnen die LKW durch seine Straße, wabern die Abgase: "Es ist schlimm geworden hier, früher war es hier viel, viel schöner. Nochmal würde ich hier nicht hinziehen."

"Egal zu welcher Tageszeit: Berlin stinkt einfach"

Am Ende der Straße schiebt sich im Schritttempo ein Containerzug auf ein Werksgelände. Ein leicht verbrannter Röstgeruch steigt in die Nase: Kaffee. Hier arbeitet Jacobs. Die Container liefern den Rohkaffee.

Ein Mittvierziger, mit Rucksack, eilt mit schnellem Schritt am Fabrikzaun entlang. Er ist auf dem Weg zur Arbeit. Seit einem halben Jahr lebt er in Berlin: "Ja, Berlin stinkt. Wenn man von der Ostsee kommt, stinkt Berlin, egal zu welcher Tages-, Nacht- und Jahreszeit stinkt Berlin einfach."

Seine Heimatstadt Rostock riecht besser. Das ist für ihn klar. Nun aber arbeitet er in Berlin: "Wenn ich hinten aus der S-Bahn aussteige, dann ist da natürlich erstmal der Döner, sehr deutlich, dann gehe ich durch eine Lindenallee, die riecht, das ist schön nett, dann kommt natürlich Philip Morris, Dallmayr."

(Deutschlandradio / Ernst-Ludwig von Aster)Kaffee aus Neukölln: Rohkaffee für die Rösterei Jacobs in Neukölln. (Deutschlandradio / Ernst-Ludwig von Aster)

Und dann ist da noch ein Geruch. Der kommt von seinem Arbeitgeber: "Weiter hinten, da ist so ein metallverarbeitender Betrieb, da riecht es immer noch ein bisschen nach Öl, von den Maschinen und so. Man riecht es ja noch. Es ist aber halt lokal, es ist aber nicht mehr so flächig und groß oder so."

Er atmet noch einmal tief ein. Die Berliner Luft. Eine Note fehlt ihm: "Seetang. Einfach die See."

Wieder rauf aufs Rad, raus aus dem Boschweg, zurück auf die Neuköllnische Allee, vorbei am Sozialkaufhaus, das heute für einen Euro Kleidungsstücke anbietet. Dann plötzlich kribbelt es in der Nase. Ein leichter Anisduft weht von links herüber: "Europagewürze" steht an einem Flachbau.

"Wat ick immer rieche: Gewürze. Is so. Steht doch dran, Gewürze, da sind alle Gewürze drinne, da ist alles zusammengemischt, deshalb riecht es da alles zusammen." 

Geruch nach Keks und Waffeln bei Bahlsen und Leibniz

Weiter geht es, der Nase nach, Richtung Tempelhof. Vorbei an Super- und Baumärkten, Autohäusern. Da riecht nichts. Noch nicht mal der große Recylinghof. Ein Stückchen weiter kommt eine Frau den Bürgersteig entlang. Auf der anderen Straßenseite, vor einem Werksgelände, flattern zwei Fahnen: "Bahlsen" steht darauf. Und "Leibniz".

"Ick arbeite nämlich hier drüben und wenn wir hier draußen sind, ick gehe jetzt gerade zur Arbeit, dann merkt man das schon, aber im Moment backen sie nicht."

Prüfend atmet sie noch einmal durch die Nase. Schüttelt den Kopf. "Wenn die backen, dann riecht man Keks oder Waffeln, dat riecht man ganz stark, das ist ein angenehmer Geruch."

Jetzt muss sie weiter, zur Arbeit. Zu einem Rasierklingenhersteller. Da gibt es nichts zu riechen. Außer wenn Bahlsen wieder anfängt zu backen: "Süßlich oder wie Waffeln backen, wenn die Hausfrau zuhause Waffeln backt, das ist richtig angenehm, schön."

"Gebäudegeruch halt, stinkig"

Im Gewerbehaus am Boschweg 13 im Neuköllner Industriegebiet ist mittlerweile Mittagspause. Aus dem Baguette-Bistro dringt Kaffeeduft. Davor rauchen eine Handvoll Männer und Frauen. Sie machen hier ihre Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen. In einem zehnstöckigen Bürogebäude, dem höchsten Neuköllns, so die Eigenwerbung. Gut ein Dutzend Projektträger haben hier ihren Sitz. Ein Mittzwanziger ist seit einem Monat dabei, als Fahrradmonteur.

An den Geruch muss er sich aber noch gewöhnen: "Das riecht man schon, das Gebäude an sich, im Flur zum Beispiel: Gebäudegeruch halt, Dunst, stinkig, stickig." Er rümpft die Nase. Verzieht das Gesicht. Er ahnt nicht, dass vor 50 Jahren in diesem Gebäude die größte Hühnerfarm Europas untergebracht war. Und 150.000 Hennen gackerten.

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