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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 28.09.2017

Berlin-MarzahnDie einst größte Plattenbausiedlung Europas wird 40

Von Kemal Hür

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Internationalen Gartenausstellung IGA in Berlin (picture alliance/dpa/Foto: Bernd von Jutrczenka)
Besucher fahren am 13.04.2017 bei der Eröffnung der Internationalen Gartenausstellung IGA 2017 in Berlin mit der Seilbahn. (picture alliance/dpa/Foto: Bernd von Jutrczenka)

Vor 40 Jahren wurden die Möbel noch im Schlamm angeliefert und Erich Honecker schaute damals auch vorbei. Heute ist Berlin-Marzahn mit seiner Plattenbausiedlung einer der grünsten Stadtteile.

"Ich hatte einen kleinen Kaffee bestellt, hatte ich schon gesagt. Wer noch? Finger hoch? Kleinen Kaffee, ich… Fünfmal Kräutertee, einmal Schwarztee. Genau."

Zehn Frauen erholen sich bei Kaffee und Tee vom Frühsport. Jeden Montag um 9 Uhr kommen die Frauen aus der Nachbarschaft zur Seniorengymnastik ins Bürgerhaus Südspitze, einen Nachbarschaftsverein in Berlin-Marzahn. Karin Prutz ist mit 79 Jahren eine der jüngeren Teilnehmerinnen. 

"Wir sind eine Sportgruppe und sind schon… Wie lange sind wir zusammen? Zwölf, 14 Jahre? Wir sind schon weit über zehn Jahren hier in dem Haus. So lange sind wir auch zusammen und kennen uns. Wir nutzen auch die kulturellen Angebote hier." 

"Dann gibt es eine Besonderheit in diesem Haus, die einzigartig ist. Wir haben in diesem Haus an der Kopfseite zwei Gewerbeeinheiten angesiedelt: Einmal Kosmetik und Fußpflege und einmal oben Zahnarzt…"

Frank Holzmann ist Geschäftsführer des Vereins. Das Bürgerhaus liegt inmitten einer Plattenbausiedlung im Herzen von Marzahn. Die ehemalige Schule wurde von Anfang an als eine Begegnungsstätte konzipiert. Die Anwohner wurden in die Planungen einbezogen, sagt Holzmann. 

"Wir haben schon auf der Baustelle einen Rundgang gemacht und haben die Bürger gefragt, willst du einen Termin beim Friseur haben? Die Friseuse war auch hier, hätte sie gleich in den Terminkalender nehmen können. Seitdem hat sich das Haus etabliert als Haus des Bürgers hier in der Südspitze mit vielen Veranstaltungsangeboten, mit vielen Kursen, wo man einfach Zeit miteinander hat und gerade ältere Menschen nicht alleine sind."

Wohnungsnot in Folge des Zweiten Weltkrieges

Das Bürgerhaus Südspitze hat drei Etagen. Ringsherum stehen hohe Plattenbauten aus der DDR-Zeit. Die Flächen zwischen den einzelnen Blöcken sind Grünanlagen. Die Häuser wurden in den 1970er-Jahren gebaut, als in Folge des Zweiten Weltkrieges große Wohnungsnot bestand. Die Mieter der ersten Stunde schwärmen heute noch von dem Komfort in der Platte. Karin Prutz hatte in Prenzlauer Berg eine Altbauwohnung, zog aber 1979 in einen Plattenbau nach Marzahn.

"Erstmal hat es was damit zu tun, Prenzlauer Allee ist ja doch ein sehr unruhiger Bezirk. Ich habe Ecke Wörther Straße gewohnt, große Vierraumwohnung, 120 Quadratmeter, aber Ofenheizung und natürlich auch kein Warmwasser aus der Wand. Das hat man alles selber gemacht. Und da war das schon sehr interessant dieser Neubau mit allem, mit Fernheizung und allem Drum und Dran."

"Stadtplanung in der DDR" - hören Sie dazu auch ein Gespräch mit dem Architekturhistoriker Dr. Roman Hillmann:

Warmwasser aus der Wand – das war damals großer Luxus, den auch Helga Jöris haben wollte. Die heute 81-Jährige aus der Gymnastikgruppe im Bürgerhaus hat als Friseurin in Pankow gearbeitet und gewohnt. Als die Plattenbauten errichtet wurden, traten ihr Ehemann und sie in die Genossenschaft ein und mussten beim Bau mithelfen. Helga Jöris lebt seit 1978 in einer Zweiraumwohnung in Marzahn.

"Die S-Bahn war noch im Bau. Und die Straßen mussten gebaut werden. Da war so hoch – je nach Wetter – Schlamm. Meine ersten Stiefel musste ich wegschmeißen, weil man durch Schlamm gehen musste. Das hat alles gedauert. Dann haben sie Bretter hingelegt. Die Wagen mit den Möbeln mussten kommen. Aber es hat irgendwie alles geklappt, muss ich sagen. Und keiner hat gemeckert. Alle waren zufrieden."

1977 ging alles los

Die Bauarbeiten für den späteren Bezirk Marzahn begannen 1977. Am 11. April wurde die erste Baugrube ausgehoben. Acht Monate später, am 18. Dezember zogen die ersten Mieter ein, erzählt Oleg Peters, Leiter der bezirklichen Forschungsstelle Baugeschichte. 

"Man hat innerhalb von elf Jahren 60.000 Wohnungen für Marzahn gebaut. Und das ging nur, indem man sie industriell vorgefertigt hat. So hat man praktisch dieses Wohnungsproblem, was vorherrschte, halbwegs in kurzer Zeit befriedigen können. Das wäre mit einer Altbausanierung nicht zu schaffen gewesen. Man hat Berechnungen angestellt und festgestellt, es geht nur oder schnell auf der grünen Wiese."

Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Marzahn war das größte Projekt des DDR-Wohnungsbauprogramms und wurde auf Rieselfeldern gebaut. Aber es war nicht die einzige Großbausiedlung im gesamten Berliner Stadtgebiet, sagt Peters.

"Berlin war eine sehr zerstörte Stadt nach 1945. Und in Gesamt-Berlin, nicht nur im Ostteil, sondern in allen Teilen der Stadt, sind Großsiedlungen gebaut worden, weil es die einzige Lösung war, den dringend benötigten Wohnraum in kurzer Zeit befriedigen zu können. Wir haben die Gropiusstadt in Neukölln, wir haben das Märkische Viertel in Reinickendorf – die sind etwas früher entstanden –, und dann kommt die Großsiedlung Marzahn und Hellersdorf, die im Ostteil der Stadt gebaut wurden."

1978 wurde die millionste Wohnung fertiggestellt

Diese beiden Siedlungen waren Teil des gesamten sozialen Wohnungsbaus der DDR. Dort, wo Karin Protz und Helga Jöris von der Gymnastikgruppe heute noch wohnen, wurde 1978 die Fertigstellung der millionsten Wohnung gefeiert. Die Feier, an der auch Erich Honecker teilnahm, wurde vom DDR-Fernsehen übertragen.

"Und jetzt kommt ein weiterer großer Augenblick. Der Oberbürgermeister unserer Stadt überreicht nun den symbolischen Schlüssel der millionsten Wohnung an die Familie Hermann Großkopf."

"Wir wünschen Ihnen Glück, Gesundheit und viel Freude im neuen Heim."

Honecker besuchte bei anderer Gelegenheit auch die Bauarbeiter in Marzahn – immer begleitet vom Staatsfernsehen.  

"Das sind also deine, ja?" – "Jawohl, das sind meine."

"Kohlmann stellt nun die Mitglieder seiner Brigade vor. Und Erich Honecker begrüßt sie sehr herzlich." 

"Na, Kollegen! Ist die ganze Republik hier, oder sind alle Berliner? Also jedenfalls freut es uns außerordentlich, dass ihr mit einem solchen Geist an die Sachen hier herangeht. Und ihr habt hier tüchtige Lehrmeister. Viel Erfolg!"

Blick auf mehrere Plattenbauten in Berlin-Marzahn (picture alliance / dpa / Paul Zinken)Blick auf mehrere Plattenbauten in Berlin-Marzahn (picture alliance / dpa / Paul Zinken)
Marzahn wurde für Familien konzipiert – als eine Siedlung zum Leben und Arbeiten, sagt die Bezirksbürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf, Dagmar Pohle von der Linken. 

"Wir haben zusammen mit Lichtenberg das größte zusammenhängende Gewerbegebiet des Landes Berlin. Nachdem es nach 1990 einen nicht unerheblichen Abbau von Arbeitsplätzen gegeben hat, sind wir seit Jahren wieder in der glücklichen Lage, dass es eine ganze Reihe von Neuansiedlungen auch von gewerblichen Unternehmen gegeben hat. Unser größter Arbeitgeber im Bezirk ist das Unfallkrankenhaus Berlin mit über 2000 Arbeitsplätzen. Auch da wohnen viele derer, die hier arbeiten, im Bezirk."

So wie die Bezirksbürgermeisterin Pohle selbst auch. Bis zum Mauerfall wurden in der DDR knapp zwei Millionen Plattenbau-Wohnungen gebaut. Einige wurden nach der Wiedervereinigung abgerissen, die meisten aber saniert und erhalten. Die Struktur in den Plattensiedlungen funktioniert heute größtenteils genauso wie damals, sagt Pohle.

"Es gibt eine gute Infrastruktur. Wir haben viel Grün und sind verkehrlich gut erschlossen. Das sind alles Dinge, die für Jung und Alt nicht unwichtig sind. Und ich erlebe es jetzt in meinem eigenen Haus. Wir haben viele junge Familien, die jetzt eingezogen sind mit Kindern, die in der unmittelbaren Umgebung in die Tagesstätte oder in die Schule gehen. Und das ist für Eltern, die erwerbstätig sind, etwas, was wichtig ist."

100 Hektar großer Landschaftsraum durch IGA

Marzahn und Grün – diese Paarung fällt den wenigsten Menschen ein. Das Bild, das viele Menschen von Marzahn haben, ist schnell erzählt: Platte, grau und anonym. Mit der Realität hat dieses Bild aber nur wenig zu tun. Marzahn ist einer der grünsten Berliner Bezirke. Und er hat eine der größten Siedlungen an Einfamilienhäusern. Am besten ist das zu sehen, wenn man mit der Seilbahn hundert Meter über  dem Gelände der Internationalen Gartenausstellung, IGA, fährt. Auf der einen Seite stehen Gartenhäuser, auf der anderen die Klischee gewordenen Markenzeichen des Bezirks: die Plattenbauten. Mit der IGA ist ein 100 Hektar großer Landschaftsraum entstanden, in dem neben Blumenhallen, Kinderspielplätzen und Wasserflächen Landschaftsarchitekten aus aller Welt internationale Gärten gebaut haben. Besucher waren aber bereits in der Bauphase voreingenommen und skeptisch, sagt Katharina Lohmann von der Geschäftsführung der IGA.

"Wenn wir Menschen aus anderen Berliner Bezirken oder anderen Städten zu Baustellenführungen eingeladen hatten, dann haben sie gesagt: Hui, Marzahn, wie kommt man denn dahin, das ist ja total weit weg. Und außerdem hat man ein Bild davon, von Platte, wie sind denn da die Leute drauf. Und dann sind sie hierhergekommen – das ist heute noch so, wenn sie hierherkommen – die gucken runter und sagen: Mensch, das ist ja ganz anders, als ich mir das vorgestellt habe."

Anderes Bild durch IGA

Seit der Eröffnung Mitte April habe die IGA zumindest bei ihren Besuchern ein anderes Bild von Marzahn erzeugt, ist sich Katharina Lohmann von der Geschäftsführung der IGA sicher, auch wenn wegen des schlechten Sommers weit weniger als die erwarteten zwei Millionen Besucher nach Marzahn gekommen seien. Aber wenn die Gartenausstellung Mitte Oktober ihre Tore schließt, wird das Gelände als Erholungspark bestehen bleiben – mitsamt der einzigen Seilbahn in Berlin, so Lohmann.

"Etwas, was auf jeden Fall auch verbleibt, sind die Wassergärten; ganz funkelnagelneu gebaut, dort, wo die Einfamilienhaussiedlung beginnt. Es sind verschiedene Gärten, die die verschiedenen Zustände von Wasser zeigen. Es gibt dort einen sehr spektakulären Nebelgarten mit begrünten Wänden. Es gibt einen Quellgarten, und es gibt einen Wasserfallgarten. Dazwischen ist eine Wiese, wo man wunderbar entspannen kann. Über allem schwebt die Seilbahn." 

Und von dort oben sieht man auch die Siedlung, wo sich das Bürgerhaus Südspitze befindet. Dort planen die Damen von der Gymnastikgruppe bereits ihre Silvesterfeier. Und sie blicken zurück auf 40 Jahre Wohnen in der Platte.

"Ein bisschen hat es ja tatsächlich gestimmt, dass die Fassaden Grau in Grau waren. Aber mit dem Sanieren und dass viele Häuser schöner sind, bunter geworden sind, hat sich das Bild natürlich auch sehr verändert und ist tatsächlich viel schöner."

"Wir waren ein riesengroßer Kreis, der aber leider auch geschrumpft ist, aus Altersgründen verstorben und und und…, so dass wir von der großen Truppe nur noch zu dritt sind. Ich vermisse das Sprechen. Ich bin hier so alt geworden, und nun will ich bleiben bis zum Schluss."


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