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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.01.2011

Berichte aus dem Teheraner Alltag

Parsua Bashi: "Briefe aus Teheran", Kein & Aber Verlag, Zürich 2010, 192 Seiten

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Iranische Frauen in Teheran (AP)
Iranische Frauen in Teheran (AP)

In elf Essays "Briefe aus Teheran" schildert Autorin Parsua Bashi die aktuelle Lage in der iranischen Hauptstadt Teheran. Durch die Vorgänge in Tunesien oder Ägypten erfährt das Buch eine ungeahnte Aktualität.

Parsua Bashis elf Essays "Briefe aus Teheran" sind Schilderungen der aktuellen Lage in der iranischen Hauptstadt Teheran. Gleich im ersten Essay beschreibt die Autorin zwei Fenster zur Welt – zwei Wohnungsfenster, die zwei ganz unterschiedliche Blicke auf die Umgebung ermöglichen: Das Südfenster geht auf einen kleinen Hof, in dem sich die schönen Aspekte von Parsua Bashis Leben abspielen: Müßiggang und die Möglichkeit, ihre Gedanken schweifen zu lassen. Das Nordfenster öffnet zur Straße und zeigt die aktuellen Zustände im Iran unter Ahmadinedschad: Gängelei, Unterdrückung, gesellschaftliche Kälte.
Ein drittes, virtuelles Fenster ist der Computer: Er hält die Verbindung der weltgewandten Frau zur Außenwelt und zu Freunden aufrecht.

Parsua Bashi ist nach mehrjährigem Aufenthalt in der Schweiz erst 2009 in den Iran zurückgekehrt. Ihre Schilderungen sind keine herablassenden Traktate über den augenfälligen Mangel an Demokratie und an Menschenrechten, sondern persönliche Beschreibungen einer Frau, der sich ihr Land anders wünscht, weil sie es auch anders kennt. Das Unglück der Leute, so die Autorin, seien die Lebensumstände, für die die Regierung verantwortlich sei.

Das Buch taucht tief in den Alltag der alleinerziehenden Mutter Parsua Bashi ein und räumt mit vielen Vorurteilen auf: alleinerziehende Mütter in Teheran? Jawohl, die gibt es! Die Bevölkerung trinkt Alkohol? Und nicht zu knapp! Aus konkreten Lebenslagen heraus schildert die Autorin alltägliche Bigotterie, nennt Tricks, wie man die strenge Zensur umgeht und die Sittenpolizei ausmanövriert, und sie beschreibt durchaus mit Humor, wie man sich durch eine Stadt bewegt, deren Nahverkehr längst kollabiert ist.

Mit großer Sympathie versetzt sich die Autorin dabei in die Lage junger Leute, die ihre Abscheu dem Regime gegenüber ausleben, indem sie Vorschriften mit geradezu sportlichem Ehrgeiz missachten.

Das Land, so wird deutlich, befindet sich im Wandel. Jugendliche etwa verbringen ihren Alltag mittlerweile sehr ähnlich wie ihre Altersgenossen in westlichen Großstädten. Doch Abgründe tun sich immer wieder auf: Zum Beispiel, wenn sich Männer nach der Hochzeit in herrschsüchtige Patriarchen verwandeln und ihren liberal denkenden Ehefrauen das Leben vermasseln.

Der zentrale Essay im Buch ist die Niederschrift eines auf Tonband aufgezeichneten Gesprächs mit Parsua Bashis Tochter Aabi, die ihr Taschengeld für Fastfood ausgibt, endlos mit ihrem Handy telefoniert und in ihrem Bekanntenkreis auch homosexuelle Freunde hat und Angehörige einer paramilitärischen Miliz zur Unterdrückung der Opposition abgrundtief hasst.

Warum, fragt man sich bei der Lektüre, lebt Parsua Bashi noch oder wieder im Iran? Versuche einer Antwort bleibt sie nicht schuldig: Weil sie den orientalischen Fatalismus verinnerlicht hat, weil sie auf bessere Zeiten hofft und weil sie ihr Land liebt.

Parsua Bashis Buch erfährt gerade jetzt durch die Vorgänge in Tunesien oder Ägypten eine ungeahnte Aktualität. Das Buch ist engagiert, aber ohne Zorn verfasst und berichtet einfühlsam aus dem Teheraner Alltag. Vieles davon dürfte Menschen in Kairo durchaus bekannt vorkommen.

Besprochen von Roland Krüger

Parsua Bashi: Briefe aus Teheran
Essays
Kein & Aber Verlag, Zürich 2010
192 Seiten, 18,90 Euro

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