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Studio 9 | Beitrag vom 12.03.2018

Bergbau-Modelabel "Grubenhelden"Hoodies mit Geschichtsbewusstsein

Von Moritz Küpper

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Fördertürme im Ruhrgebiet – die stummen Zeugen einer vergangenen Epoche: Der steinerne über 30 Meter hohe Malakoff-Förderturm des Steinkohle - Bergwerks "Zeche Prosper II" in Bottrop. (picture alliance / Horst Ossinger)
Fördertürme im Ruhrgebiet – die stummen Zeugen einer vergangenen Epoche. (picture alliance / Horst Ossinger)

Ende des Jahres schließen die letzten Steinkohle-Zechen im Ruhrgebiet. Ein Start-up in Gladbeck verkauft Mode im Bergarbeiter-Look und verfolgt eine Mission: respektvoll an die Geschichte des Bergbaus erinnern. Die Macher haben es nun bis auf den New Yorker Laufsteg geschafft.

Matthias Bohm geht zu einem Kleiderständer in der Mitte seines Ladens.

"Also, grundsätzlich trägt jedes Teil immer Bergmannshemd. Mal hier am T-Shirt am Arm abgesetzt, mal im Nacken mit eingenäht und jedes unserer T-Shirts hat immer eine Strophe vom Steigerlied drin."

Der 35-Jährige, großgewachsen, dunkelblonde Haare, zeigt auf den grau-weiß-linierten Stoff, der sich an den T-Shirts absetzt.

"Dann haben wir bei diesem Hoodie, extra einen eigenen Stoff gewaschen, um diese Kohle-Effekt halt hinzubekommen."

Bohm hat einen Pullover in der Hand. "Grubenhelden", so heißt das Label, das mit einem Online-Auftritt vor zwei Jahren startete, drei Monate später folgte dann der Laden in Gladbeck, mitten im Ruhrgebiet. Die Idee:

"Mir ging es einfach darum, unsere Geschichte, die jetzt mit Ende 2018 endet, die Geschichte des deutschen Steinkohle-Bergbaus mal auf einem anderen Niveau zu zeigen. Mit Respekt zu zeigen. Deswegen findest Du auf unseren Klamotten auch nicht irgendwo einen Förderturm drauf, nicht irgendwo ein verschnörkeltes Glück-Auf oder á la Frank Goosen 'Woanders ist auch scheiße' oder so. Sondern mit einer Zeitzeugeneinarbeit in jedem unserer Teile, mit dem Bergmannshemd, mit dem Jackenstoff der Bergleute, um damit wirklich Geschichte zu erzählen."

Ladenlokal in Gladbeck als Treffpunkt

Qualitativ hochwertig soll die Mode sein, das war Bohm, selbst Enkel eines Bergmanns, wichtig. Und warum Klamotten? Warum die Geschichten, die vielen Erzählungen, nicht einfach über Bücher oder in anderen Formen erzählen?

"Jeder beschäftigt sich morgens mit Klamotten. Du stehst morgens vor dem Kleiderschrank, genauso wie ich. Egal wo auf dieser Welt, stehen die Leute… nach dem Aufstehen beschäftigen sich die Leute mit Klamotten. Also, ein perfektes Vehikel, um die Geschichte zu transportieren, wenn sich jeder Mensch auf dieser Welt damit beschäftigt."

Im Ladenlokal in Gladbeck hängen Helme von der Decke, zeigt ein wandgroßes Bild einen Schacht, häufen sich die Accessoires aus der Zeche. Bohm, der einst Sport studierte, dann beim Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04 und bei den Stadtwerken im Marketing und Vertrieb arbeite, hat eine Mission.

"Weil eins darf nicht passieren: Dass die Geschichte verloren geht und dass die Werte, die auch dahinter stehen, verloren gehen. So, das hat viel mit Zusammenhalt zu tun, hat viel mit Ehrlichkeit zu tun. Unter Tage ist völlig egal, welche Hautfarbe, welche Sprache Du sprichst, da musste miteinander malochen, da musste Dich aufeinander verlassen können. Weil, wenn einer Mist baut da unten, hängen alle anderen Leben mit dran. Aber das sind so Werte, die unserer Gesellschaft, wenn kaum noch ein Papa oder kaum noch ein Opa Bergmann ist, nicht mehr in die Familie reingetragen werden, verloren gehen. Und das darf nicht passieren."

Bohm ist in Gladbeck geboren, es ist kein Zufall, dass sein Laden jetzt hier ist.

"Und wir sind hier aber in einer alten Zechensiedlung. Absichtlich. 500 Meter weiter hoch die Straße stand ein alter Wetterschacht, der Zechen Rheinbarben Bottroper Seits und der Möller Schacht der Gladbecker Seit. Hier war ganz, ganz früher, Ende der 50er ein Tante Emma Laden drin, der die Bergleute hier in der Gegend versorgt hat. Mich haben viele Leute gefragt: Matthias, warum machst Du den Laden nicht in der Essener City, in der Bochumer City auf. Ich so: Nee. Ihr habt es nicht verstanden, worum es hier geht. Ich will, dass die Leute zu mir kommen, jeder bekommt was zu trinken angeboten, jeder darf sich hier hinsetzen, darf sich in den Schacht setzen, jeder wird nach seiner Geschichte gefragt."

"Grubenhelden"-Macher kann von den Verkäufen leben

Nur drei Tage die Woche, oder nach Anmeldung, hat er auf. Auf Laufkundschaft kann Bohm verzichten. Ihm geht es um etwas anderes:

"Wenn ein Bergmann hier reinkommt, ehemaliger Bergmann, zwei Meter groß, Meter fünfzig breit - live erlebt hier - Hände wie Schaufeln, hier im Laden anfängt zu weinen, mich umarmt und sich einfach bei uns bedankt dafür, dass mal endlich einer hingeht und die Geschichte mit Respekt erzählt, da kriege ich gerade Pelle, weißt du, das ist großer Sport. So. Und, wir haben mittlerweile hier aus ganz Deutschland Leute im Laden gehabt, von Stuttgart, Freiburg, Hamburg, Berlin, München."

Verkaufszahlen nennt Bohm nicht. Aber: Er kann davon leben, hat mittlerweile auch zwei feste Mitarbeiter angestellt, dazu eben ein Netz von freien Mitarbeitern und die Produktionsstätten in Portugal, wo er, wie Bohm betont, fair produzieren lässt. Alle Kleidungsstücke seien 100 Prozent Baumwolle, so Bohm, …

"…, weil Du unter Tage auch nichts entzündbares Tragen durftest. Unsere Sachen kannst Du 30-40 mal waschen. Da passiert nichts mit. Warum? Weil wenn ich eine Geschichte mit Respekt erzählen möchte, darf die nicht nach drei, vier Mal waschen ein Lappen werden. Das geht nicht."

Nostalgie und spannende Geschichte als Geschäftsmodell

Bohm lässt sich für seinen Laden Bier oder auch Limonade von Produzenten aus dem Ruhrgebiet liefern, bekommt ein Auto gestellt, auf das ebenfalls das "Grubenhelden"-Logo gedruckt ist. Es ist das Geschäftsprinzip der – Neudeutsch – Influencer. Sprich: Das Produkt taucht in einem spannenden Umfeld auf, erzählt eine Geschichte, die Wucht hat. Und Wucht, das hat diese Geschichte:

"Dass der Bergbau dafür verantwortlich ist, nach dem Krieg das alles wieder aufgebaut hat, Deutschland. Und wenn wir zu Hochzeiten über 500.000 Menschen im Steinkohlebergbau hier im Ruhrgebiet arbeiten hatten, das ist schon krass."

Dafür veranstaltet er auch Bergmannsabende, Frühschoppen mit Pils und Korn. Demnächst soll es auch Touren geben. Ganz Start-up setzt Bohm bei der Weiterverbreitung auf die sozialen Netzwerke und erzählt dort Geschichten.

Marketing per Flashmob

"Sei es mit aktiven Bergleuten, auch junge Bergleute, die ich mir gepackt habe, und eine verrückte Idee hatte, im Essener U-Bahnhof einen Flashmob zu machen, wo wir das Steigerlied singen wollten…"

Per Video wird das Ganze dann verbreitet. Nun will Bohm auch in Schulen gehen. Doch: Wird das Ganze – nicht spätestens ab dem kommenden Jahr – nicht schlicht nach und nach Verschwinden? Nur noch ein leerer Kult sein?

"Ich glaube nicht, dass es Nostalgie wird. Sondern, ich hoffe, dass unsere Geschichte bleibt und weiter erzählt wird."

Zur Ehrlichkeit gehört aber auch, dass die Mentalität des Bergbaus, des Ruhrgebiets, ein gewisses Obrigkeitsdenken war. Das gerade die Struktur im von Konzernen und starken Personen geprägte Ruhrgebiet eine sehr hierarchische war – und es noch heute darunter leidet. Bohm nickt: Doch gerade sein Start-up, seine Art, Dinge einfach anzupacken, stehe für das Gegenteil.

"Und wenn es ein paar Leute, die gewissen anderen Leuten in den Hintern treten, um diesen Anschluss zu verwirklichen, kann da eine Welle ins Rollen kommen."

Die sich trotzdem der Vergangenheit verpflichtet fühlt.

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