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Fazit | Beitrag vom 31.05.2020

Beobachtungen in Online-KonferenzenDie neue Höflichkeit ist nicht das Paradies

Eine Glosse von Tobi Müller

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Ein weißgekleideter, meditierender Mann mit Laptop am Strand. (Trukhan Yuliya / Panthermedia / imago images)
Die Kommunikationskanäle in Corona-Zeiten kochen jeden Widerspruch ab, sie kühlen jedes Mütchen. (Trukhan Yuliya / Panthermedia / imago images)

In Videokonferenzen schimpfen wir weniger und fallen einander auch seltener ins Wort. Ist die digitale Welt nun das erhoffte Paradies? Oder eher ein Ort unterdrückter Gefühle und Nährboden für Neurosen, Ängste und Zwangsvorstellungen?

Im Kulturbetrieb hat ein Typus überlebt, der Krawall für die höchste Kunstform hält. Das Theater war lange die Speerspitze dieser Schule des Schmerzes. So klang es in vielen Kantinen über die Jahre: Schauspielerinnen hätten zu weinen in den Endproben, sonst sei der Regisseur kein Künstler. Ein Publikumsgespräch ohne Beleidigung? Nicht der Rede wert.

Zum Glück war diese meist männliche Theaterfolklore schon vor der Pandemie deutlich angezählt. Allenfalls Ex-Intendanten verwechseln ihren gekränkten Stolz mit aufrechter Kritik, wenn sie den Mundschutz als Schikane von Frau Merkel geißeln.

Es spricht sehr viel für bessere Umgangsformen in den Künsten, zum Beispiel beginnende Diversität - mehr Frauen in leitenden Positionen, andere Herkunftsgeschichten. Wenn eine Gruppe größer und unterschiedlicher wird, achtet man stärker auf Höflichkeit. Im Parkett genauso wie im Publikumsgespräch. Wunderbar. Die Wutrede ist in die sozialen Medien ausgewandert und heißt dort - auf Englisch - rant.

Wenn Gefühle keinen Platz mehr haben

Doch die Kommunikationskanäle in Zeiten der Kontaktbeschränkungen gehen weiter. Sie kochen jeden Widerspruch ab, sie kühlen jedes Mütchen. In den Videokonferenzen fallen wir uns nicht mehr ins Wort. Wir sind total soft. Vielleicht fehlt dem Kollegen der Schlaf, die Ruhe, der Sex. Und ohne Arme, Hände, ohne Minenspiel verstehen wir eh nur die Hälfte, also Vorsicht mit Kritik. Deshalb vermeiden die Vernünftigen seit Jahrzehnten die E-Mail, wenn es um heikle Themen geht.

Aber diese neue Höflichkeit ist leider doch nicht das Paradies. Denn wenn Wut, Trauer oder schlechte Laune keinen Platz mehr haben, finden diese Gefühle andere Türen und Räume. Sigmund Freud erinnert seit dem späten 19. Jahrhundert daran, was im eigenen Haus wächst, wenn wir zu strengen Regeln folgen: Neurosen, Ängste, Zwangsvorstellungen.

Rigide Codes kann es überall geben, im bürgerlichen Familienhaushalt genauso wie in der queeren Veganer-WG. Hygienebestimmungen sind damit übrigens nicht gemeint. Es ist zu bezweifeln, dass ein Mundschutz uns zu psychischen Wracks macht, die auf mildernde Umstände hoffen dürfen.

Digitale "Breakout Rooms" für den Rückzug

Aber irgendwo muss die Negativität hin. Sonst sehen wir bald noch mehr Hygienedemos, noch mehr Verschwörungserzähler. Dann doch lieber auf der Bühne rumschreien, allerdings mit der Auflage für die Schauspieler, den Kopf zur Seite zu drehen.

Das geht auch digital: Manche Konferenzprogramme bieten sogenannte "Breakout Rooms" an, in denen sich kleine Gruppen zurückziehen können - um zu lästern und zu schimpfen, das sind wichtige Kulturtechniken! Wie früher in der Kneipe, wenn Rainer seinen Wutanfall kurz mit Klaus aufführte, während der Rest des Tisches über etwas anderes sprach. Danach war es meistens wieder gut. So konnte man Rainer und andere Krawallschachteln etwas einhegen. Aber gleich auf stumm schalten? Das wäre eine richtige Scheißidee!

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