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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.06.2012

Beobachtungen eines Insektenforschers

Jean-Henri Fabre: "Der heilige Pillendreher", Buchfunk Verlag Leipzig, 53 Minuten, 14,90 Euro

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In dem Hörbuch geht es um Insekten. (AP)
In dem Hörbuch geht es um Insekten. (AP)

Jean-Henri Fabre widmete sich jahrzehntelang der Beobachtung und Beschreibung von Insekten - ob Grabwespe, Mistkäfer oder Nachtpfauenauge. Nun hat der der Leipziger Buchfunk Verlag zu seinen naturgeschichtlichen Prosa eine Audio-CD mit Streifzügen durch die Insektenwelt herausgebracht. Sie ist ein zeitlos schönes Hörbuch.

"Über alles Mögliche plaudernd, wanderten wir über einen von Heckenrosen und Weißdorn gesäumten Weg, wo sich der Goldkäfer bereits am Duft der Blütenbüschel berauschte, um zu schauen, ob der Heilige Pillendreher schon auf dem Sandplateau von Angles bei Avignon erschienen war und seine Mistkugel rollte, die das Alte Ägypten für ein Abbild der Weltkugel ansah."

Ein sonnendurchfluteter Frühlingstag in Südfrankreich, irgendwann um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Jean-Henri Fabre und seine Schüler machen sich auf die Suche nach dem Heiligen Pillendreher, einem Käfer aus der Familie der Blatthornkäfer oder, profaner, Mistkäfer, dem Fabres besondere Aufmerksamkeit gilt. Fabre hat seine Forschungsreisen durch die mikroskopische Welt der Insekten in seinen mehrbändigen "Erinnerungen eines Insektenforschers" in funkelnder Prosa aufgeschrieben.

"Aber verlassen wir die Gewässer der Ebene und erklimmen wir den Steilhang zum Hochland, wo Schafe weiden und Pferde für Rennen trainiert werden. Und alle spenden Manna für die jubelnden Mistkäfer. Hier sind die Straßenkehrer am Werk. Käfer, die das wichtige Amt haben, den Erdboden reinzuhalten."

Man erblickt das Insekt nicht nur in all seinen anatomischen Details, sondern erfährt auch von seinen Spleens, von den Abenteuern und Prüfungen, die es hinter sich bringen muss; und stets ist es Fabre selbst, der sich und uns im Wesen des Käfers wiederfindet: der Käfer als Spiegel des Menschen. Ein tapferer Sisyphus, der blind, aber beharrlich die Mistkugel vor sich her rollt.

"Man kann die Vielfalt der Werkzeuge gar nicht genug bewundern, mit denen sie den Unrat bewegen, zerkleinern, formen oder tiefe Höhlen graben, in denen sie sich mitsamt ihrer Beute einschließen. Diese Werkzeuge bilden eine Art Technikmuseum, das sämtliche Grabegeräte enthält. Da gibt es welche, die unseren industriell gefertigten nachgemacht sein könnten. Und solche, die so originell sind, um uns als Vorbild für neues Werkzeug zu dienen."

Das Schönste an diesem Hörbuch besteht darin, dass es ganz und gar zwecklos ist, ohne aktuelle Relevanz, ohne Plot - man folgt dem Käfer durchs Jahr: Im Frühjahr, darauf liegt das Hauptgewicht, erlebt man seinen Kampf mit der und um die Mistkugel, im Laufe des Sommers verliert man ihn aus den Augen, bevor er im Herbst wieder an die Erdoberfläche zurückkehrt. Die Texte sind getragen von der großen Zuneigung zu einem kleinen Tier, das sein Leben der vielleicht profansten Materie widmet - den letzten Dingen, wenn man so will.

"Wenn er mit einer Ladung Schutt auftaucht, blickt er stets zu seiner Kugel, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Von Zeit zu Zeit zieht er sie näher an seine Kuhle und befühlt sie, und der Kontakt mit ihr scheint seinen Eifer anzuspornen. Der Andere, scheinheilig, wie er ist, wirkt weiterhin vertrauenswürdig durch seine Reglosigkeit."

Gert Heidenreich spricht die Erinnerungen Jean-Henri Fabres sehr ruhig und mit trockener Ironie, die doch viel Sympathie mit diesem in Fäkalien wühlenden Winzling durchschimmern lässt. Die Textpassagen sind in dezente Klangarrangements von Robert Rehnig eingebettet. Der sphärische, flächige, aber doch reduzierte Sound lässt viele Assoziationen zu: Zuweilen meint man das Krabbeln und Wimmeln von Käfern herauszuhören, andere Male den Klang einer rollenden Kugel.

"Der unterirdische Saal wird breiter und tiefer, und der Gräber ist so beschäftigt, dass er nur selten nach oben kommt. Der Moment ist günstig. Der Schläfer erwacht. Der listige Kompagnon zieht die Kugel eilig wie ein Dieb, der nicht ertappt werden will."

"Der Heilige Pillendreher" ist ein zeitlos schönes Hörbuch, auch sehr ansprechend gestaltet in seiner Schlichtheit. Es vertraut auf die Kraft der poetischen, liebevollen Texte, die dem Hörer keine Wahl lässt, als dem Mistkäfer auf seinen Irrwegen und Umwegen zu folgen - und schließlich das Herz an dieses kleine, plumpe, unverdrossene Insekt zu verlieren.

"Den Mistkäfer wirft solches Missgeschick nicht um. Er reibt sich die Wangen, spreizt die Fühler, schnüffelt, fliegt zum nächsten Haufen und beginnt von vorn."

Besprochen von Martin Becker

Jean-Henri Fabre: Der heilige Pillendreher
Buchfunk Verlag Leipzig, 53 Minuten, 14,90 Euro

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