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Im Gespräch | Beitrag vom 16.03.2020

Benediktinerabt und Rockmusiker Notker Wolf"Humor ist die Schwester des Glaubens"

Moderation: Ulrike Timm

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Porträt des Benediktinermönchs Notker Wolf beim Pfeife Rauchen. (Laif / SZ Photo / Volker Derlath)
Eine ungewöhnliche Kombination: Notker Wolf ist Benediktinerabt, aber zugleich auch Rockmusiker. (Laif / SZ Photo / Volker Derlath)

16 Jahre lang war Notker Wolf höchster Repräsentant der Benediktiner und damit Chef von vielen Tausenden Ordensmitgliedern weltweit. Der Mönch ist gern gesehener Talkshowgast, Redner und Autor – und er tritt als Rockmusiker auf.

Notker Wolf spielt Geige, Querflöte und E-Gitarre. Vielseitigkeit zeichnet seine Person ebenso aus wie seinen Musikgeschmack. Er liebt Choräle aber auch laute Rockmusik. Songs von den Beatles seien ihm viel zu brav: "Es muss manchmal auch wirklich die Rebellion auf den Tisch kommen." Besonders stolz ist er auf einen gemeinsamen Auftritt mit Deep Purple im Jahr 2008. "Warum soll nicht auch ein Abt seine Freude am Leben haben", sagt er.

Ein Leben zwischen Einkehr und Einmischen

Im Juni dieses Jahres wird Notker Wolf 80 Jahre alt. Bis 2016 leitet er von Rom aus die mehr als 800 Klöster und Abteien der Benediktiner. Er gründet Klöster auf den Philippinen, in China, in Uganda, Togo und in Indien. Als Abtprimas legt er jährlich 300.000 Flugkilometer zurück.

Inzwischen lebt er wieder im Kloster St. Ottilien, westlich von München gelegen, das er viele Jahre lang geleitet hat. Das Kloster sei praktisch eine Großfamilie, denn "wir sind ein Viergenerationen-Haus." Wolf, der Philosophie in Rom, sowie Naturwissenschaften und Theologie in München studierte, steht fest im Glauben: "Ich hole mein Vertrauen nicht aus mir selber, sondern von einem Anderen, der mir sozusagen sagt: 'Ich steh dir bei, ich bin bei dir'."

Die Einkehr gehört genauso zu Wolfs Leben wie sein Interesse an der Welt. Er betont, der Krieg in Syrien oder die Flüchtlingskatastrophe auf der griechischen Insel Lesbos seien nicht gott- sondern menschengemacht: "Das ist eine Katastrophe der menschlichen Freiheit, das Versagen des Menschen, der die Freiheit bekommen hat."

Anteilnahme mindert Einsamkeit

In seinem gerade erschienen Buch "Ich denke an Sie: Die Kunst, einfach da zu sein" widmet er sich dem Thema Einsamkeit in der heutigen Gesellschaft. Er betont, wie hilfreich Anteilnahme sein kann: "Toi, toi, toi: Das ist noch keine Nähe aber ‚ich denke an sie‘ schafft Verbindung."

Im Gegensatz zu früher gehöre der Glaube nicht mehr zum "gesellschaftlichen guten Ton." Deshalb käme es jetzt drauf an, "dass jeder der glaubt, selber überzeugt ist." Wer Mönch bei den Benediktinern werden will, solle "einen gesunden Charakter haben, fromm, aber nicht überfromm sein."

Und für Wolf besonders wichtig, er solle Humor haben: "Ich möchte ja meine Freude am Leben haben. Und der Humor ist die Schwester des Glaubens, denn dann sieht man die Dinge nicht mehr so wichtig."

(cg)

Notker Wolf und Simon Biallowons: "Ich denke an Sie. Die Kunst, einfach da zu sein"
Herder Verlag, Freiburg 2020
160 Seiten, 16 Euro

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