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Buchkritik | Beitrag vom 27.07.2020

Bendikowski: "1870/71" und Pölking/Sackarnd: "Der Bruderkrieg"Preußens Sieg und Deutschlands Hybris

Von Jörg Himmelreich

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Die Cover von "Der Mythos von deutscher Einheit" und "Der Bruderkrieg 1870/71" auf orangefarbenem Untergrund. (Deutschlandradio/ C.Bertelsmann/ Herder)
Um die deutsch-französischen Verhältnisse und den Krieg 1870/71 drehen sich gleich zwei Neuerscheinungen. (Deutschlandradio/ C.Bertelsmann/ Herder)

Vor 150 Jahren bekriegten sich Deutschland und Frankreich – und das Deutsche Reich wurde gegründet. Zwei Bücher erzählen die Geschichte dieser Ereignisse mit sehr unterschiedlichen Akzentsetzungen neu.

Die Jubiläen historischer Wendepunkte sind für den Buchmarkt oft Anlass, an sie zu erinnern, um sie möglichst neu zu bewerten und ihre Spuren bis in die Gegenwart zu verfolgen. Der am 19. Juli 1870 ausgebrochene Krieg ist ein solcher Wendepunkt: An dessen Ende 1871 entsteht in Frankreich nach dessen schmählicher Niederlage aus dem Zweiten Kaiserreich die Dritte Republik – und Bismarck zwingt alle deutschen Staaten zum Deutschen Reich unter dem preußischen König Wilhelm I. als Deutschem Kaiser zusammen. In der Mitte des Kontinents war ein gesamtdeutscher Nationalstaat entstanden, dessen Machtkonzentration seitdem alle Nachbarn ständig besorgte – und dies latent bis heute tut.

Zwei Neuerscheinungen nehmen sich dieses historischen Wendepunkts sehr unterschiedlich an. Tillmann Bendikowski betrachtet die Vollendung des nationalen deutschen Einigungsprozesses als Ergebnis dieses Krieges, während Hermann Pölking-Eiken und Linn Sackarnd vornehmlich die militärische Auseinandersitzung verfolgen und auch die französische Seite ausführlich berücksichtigen. Bendikowski versucht den deutschen Einigungsprozess kapitelweise in wichtige Wegdaten aufzubrechen, und erhöht auf diese Weise die Lesbarkeit, muss dann aber diesen Wegdaten zur Erklärung deren Vor- und Nachgeschichte immer noch hinzufügen. Das lässt dieses Aufbrechen in einzelne Wegdaten manchmal ein wenig künstlich erscheinen.

Ein längst entlarvter Mythos

Inhaltlich geht es Bendikowski darum, die deutsche Reichsgründung als den Mythos von einer deutschen Einheit zu entlarven, die tatsächlich gar nicht bestand, und deren deutsche Hybris dann zu den "zwei Hauptkatastrophen des 20. Jahrhunders in Form der beiden Weltkriege" führte. Das ist sicher richtig – so allgemein war das angebliche Streben aller nach einem nationalen Einheitsstaat nicht, vielmehr sträubten sich Fürsten und Könige der deutschen Teilstaaten gegen einen solchen Einheitsstaat, wie auch viele Parteien in den Teilstaaten und auch ganze Bevölkerungsgruppen in den Teilstaaten.

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Aber all das ist unbestrittenes Standardwissen der Geschichtsforschung. Ja, die deutsche Reichsgründung war ein reines Machtprojekt Bismarcks, dem dazu jedes Mittel recht war, von der Geldbestechung des notorisch klammen bayrischen Königs Ludwig II. bis zur Manipulation der Presse, die er mit einer abgeänderten Depesche von Wilhelm I. fütterte, um Frankreich zum Krieg zu provozieren.

Die Reichsgründung war eine Revolution von oben, weswegen Bismarck auch als "Weißer Revolutionär" bezeichnet wird, wie namhafte Historiker wie Christopher Clark, Lothar Gall, Thomas Nipperdey, Heinrich August Winkler und viele andere schon lange zuvor darzustellen wussten. Mit seinem engagierten Versuch, den Mythos von der deutschen Einheit als solchen zu entlarven, rennt Bendikowski also eher offene Türen ein.

Kleinteilige Darstellung des Kriegsgeschehens

"Der Bruderkrieg" von Hermann Pölking-Eiken und Linn Sackarnd konzentriert sich alleine auf den Krieg selbst. Dazu berücksichtigen die beiden Autoren ausführlich, welche Auswirkungen der Krieg auf Frankreich hat: im täglichen Leben der betroffenenen Landbevölkerung und politisch vom Zusammenbruch des Kaiserreichs, über die Gründung der Republik bis zum Aufstand der Kommune in Paris.

Leider wird der ausführlichen Darstellung der großen Schlachten in Metz und in Sedan 1870 und den vielen kleinen Kämpfen ein viel zu großes Augenmerk geschenkt. Die ausführliche Wiedergabe des Kampfgeschehens aus dem Meer von Quellenmaterial, etwa aus Briefen des preußischen Königs, aus den Briefen einzelner Soldaten und unzähligen Tagebüchern höherer Offiziere können den Leser gelegentlich langweilen, weil sie ohne tieferen Erkenntnisgewinn sind. Wen interessiert das wirklich noch, zumal die Kampf- und Kriegstechniken von damals heute allenfalls noch musealen Wert haben?

Die Militärführung konnte sich bei Wilhelm I. gegen Bismarck mit der Annexion Elsaß-Lothringens durchsetzen. Damit wird eine verhängnisvolle Tradition des Primats des Militärs in der Politik des Deutschen Reichs begründet, die nach Christopher Clark eine wesentliche Ursache für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs gewesen ist. Solche wichtigen historischen Linien der deutschen Politik aufzuzeigen, versäumt "Der Bruderkrieg". Weniger militärische Details des Kriegsgeschehens und eine breitere Darstellung der politischen Entwicklungen zwischen den beiden Staaten wären mehr gewesen.

Eine aktuellere historische Darstellung, die beide Staaten gleichermaßen und alle Facetten dieses Konflikts wie auch ihre langfristigen Konsequenzen bis heute berücksichtigt, bleibt somit noch zu schreiben.

Tillmann Bendikowski: "1870/71. Der Mythos von der deutschen Einheit"
C. Bertelsmann Verlag, München 2020
400 Seiten, 25 Euro

Hermann Pölking und Linn Sackarnd: "Der Bruderkrieg. Deutsche und Franzosen 1870/71"
Herder Verlag, Freiburg 2020
640 Seiten, 38 Euro

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