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Tonart | Beitrag vom 13.06.2018

Ben Caplan: "Old Stock"Stimmgewaltiger Geschichtenerzähler

Von Mathias Mauersberger

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Ben Caplan  (imago/ZUMA Press)
Der kanadische Folk-Musiker Ben Caplan während eines Konzerts 2013 in London. (imago/ZUMA Press)

Auf seinem neuen Album "Old Stock" geht der kanadische Songwriter Ben Caplan der Frage nach, was es heißt, ein Fremder in einem fremden Land zu sein. Es zeigt zugleich Caplans Leidenschaft fürs Theater und für osteuropäische Musik.

"Der Albumtitel 'Old Stock' – 'Altbestand' - stammt aus einem Kommentar des früheren kanadischen Premierministers Stephen Harper. Es ging um die Frage, ob man Flüchtlingen in Kanada eine kostenlose Gesundheitsvorsorge gewähren solle. Harper sagte wortwörtlich, der 'Altbestand' Kanadas habe für die Versorgung der Flüchtlinge nicht finanziell aufzukommen. Ich fand diesen Ausdruck ziemlich verstörend, denn hier wurden 'neue' Kanadier den sogenannten 'alten' gegenüber gestellt ..."

Was heißt es, ein Fremder in einem fremden Land zu sein? Dieser Frage geht Ben Caplan auf seinem neuen Album nach. 13 Songs, die bis auf eine Ausnahme für die Bühne komponiert wurden. Das Theaterstück "Old Stock: A Refugee Love Story" feierte im Mai 2017 in Halifax Premiere. Und erzählt die Geschichte der Urgroßeltern von Autorin Hannah Moscovitch: rumänischer Juden, die 1908 nach Kanada immigrierten.

"Was wir wissen, ist, dass beide getrennt voneinander Kanada erreichten, dass sie sich irgendwie kennenlernten und eine gemeinsame Existenz aufbauten. In unserem Theaterstück rekonstruieren wir, was in der Zwischenzeit passierte. Was heißt es, an einem Ort neu anzufangen, dessen Kultur und Sprache man nicht versteht?"

"Weiß Gott woher du kommst, aber jetzt bist du eben da."

Im zweiten Song "You've arrived" erzählt Ben Caplan von der Ankunft in der "neuen Welt"; davon, wie es gewesen sein muss, als Neuankömmling im Hafen von Halifax "inspiziert" zu werden. Es folgen ein jüdisches Hochzeitslied und - zwölf Songs später - ein bittersüßes Finale. Eine lineare Handlung lässt sich aus den restlichen Stücken aber nicht ablesen.

Aus der Perspektive kanadischer Juden

"Die Grundidee des Theaterstücks war, jüdische Identität zu untersuchen. Regisseur und Co-Autor Christian Barry wurde damals Vater eines jüdischen Sohns. Zur gleichen Zeit ging das Foto des syrischen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi um die Welt, der ertrunken an einem türkischen Strand gefunden wurde. Wir wollten dieses Thema aufgreifen, es aber aus der Perspektive kanadischer Juden erzählen ..."

Wie lebt es sich als religiöse Minderheit, in Kanada und auf der ganzen Welt? Dies ist die eigentliche Frage von "Old Stock", die Ben Caplan teilweise überraschend humorvoll beantwortet: In "Minimum Intervals" thematisiert er den vergleichsweise entspannten Umgang mit Sexualität im Judentum; zitiert eine Stelle aus dem Talmud, die detailliert beschreibt, wie oft ein Mann seine Frau zu befriedigen habe.

In "Intermezzo Number One" schildert er die ebenfalls recht laxe Einstellung zum Thema Ehebruch, in der "oralen" jüdischen Tradition, wohlgemerkt. Ernsthafter geht es im Stück "Widow Bride" zu, das die Flüchtlingsströme der Gegenwart bis in die Zeiten der Kolonialisierung zurückverfolgt.

"Ich musste während der Aufnahmen an ein Zitat eines der ersten Zionisten denken, der nach Palästina reiste und das Land als 'wunderschöne Braut' bezeichnete, die allerdings schon 'vergeben' sei. Sowohl in Israel und Palästina als auch in den USA, Kanada und Großbritannien haben wir eine lange Geschichte des Kolonialismus. In 'Widow Bride' singe ich daher von Königin Victoria von England, die nach einem starken Mann sucht, der das jungfräuliche Kanada einnehmen möge. Aber Kanada war bereits vergeben. Das ist die zentrale Lüge der kanadischen Geschichte, dass dieses Land nur auf die Kolonialisierung durch die europäischen Siedler gewartet habe."

Von der Liebesgeschichte zweier Flüchtlinge über die schrulligen Eigenheiten des Judentums bis zur Auseinandersetzung mit den Wurzeln Kanadas auf dem Land der "First Nations": "Old Stock" spannt einen weiten Bogen und vermeidet allzu simple Sichtweisen auf ein komplexes Thema.

Ben Caplan führt als stimmgewaltiger Geschichtenerzähler durch eine auch musikalisch überzeugende Klezmer-Folk-Revue. Und lässt doch das Ende offen: Wieviel Leid hält die Liebe aus, fragt er im letzten Stück. Wieviel Liebe braucht es, um die Traumata, die Schmerzen der Flucht zu heilen?

 

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