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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.05.2014

BelletristikTexanische Familiensaga

Philipp Meyer: "Der erste Sohn"

Von Rainer Moritz

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US-Autor Philipp Meyer sitzt am 17.03.2014 bei einer Lesung im Rahmen des Literaturfestivals lit. Cologne in Köln (Nordrhein-Westfalen) auf der Bühne, wo er sein Buch "Der erste Sohn" vorstellt. (picture-alliance / dpa / Horst Galuschka)
Philipp Meyer stellte beim Festival lit. Cologne seine neues Buch vor. (picture-alliance / dpa / Horst Galuschka)

Mit "Der erste Sohn" reanimiert der US-Schriftsteller Philipp Meyer das Western-Genre in Buchform. Sein Roman liest sich wie eine Lehrstunde in amerikanischer Geschichte - am Beispiel des texanischen Clans der McCulloughs.

2010 debütierte der 1974 geborene US-Amerikaner Philipp Meyer hierzulande mit seinem beeindruckenden Roman "Rost", der in einem heruntergekommenen Städtchen in Pennsylvania angesiedelt war und für seine Figuren nicht viel mehr als trübe Zukunftsaussichten bereithielt. Stand hier der Niedergang einer Region, in der einst die Stahlindustrie boomte, im Mittelpunkt, so ist "Der erste Sohn" (im Original "The Son") von weitaus größeren Ambitionen getrieben.

Reiche Sippe mit Einfluss

Mitte des 19. Jahrhunderts setzt die Geschichte der zu immensem Reichtum und Einfluss kommenden texanischen Sippe der McCulloughs ein und erstreckt sich über mehrere Generationen. Den "Gründungsmythos" der Vereinigten Staaten habe er niederschreiben wollen, so Meyer selbst, und in der Tat bündelt sich in jenem südlichen Bundesstaat ein Großteil dessen, was den amerikanischen Traum lange Zeit prägte.

Im Zentrum des Buches, dem freundlicherweise ein Stammbaum vorangestellt ist, stehen drei Familienmitglieder: Clanregent Colonel Eli McCullough, der just 1836 geboren wird, als sich Texas von Mexiko lossagt, und – ein notwendiger Erzählkniff – stolze einhundert Jahre alt wird; sein zurückhaltender, auf Ausgleich bedachter Sohn Peter, aus dessen Tagebüchern zu Zeiten des Ersten Weltkriegs zitiert wird, und seine 1926 geborene Urenkelin Jeanne Anne, die sich mit feministischem Furor nicht unterkriegen lässt und erkennt, dass die Zeit des Reichtums durch Rinder vorbei ist und auf die sprudelnden Ölquellen setzt.

Auf der Shortlist des Pulitzer-Preises

Meyers Roman, der es auf die Shortlist des Pulitzer-Preises brachte, ist von überbordender Fülle. Er will viel: Die Geschichte des sich wandelnden amerikanischen Südens erzählen und gleichzeitig seine Leser mit einer Fülle an Details versorgen. Man kann dieser Konstruktion sicher vorhalten, dass zu wenig Raum bleibt, um psychologische Feinheiten auszubreiten. Zwar mangelt es nicht an Auseinandersetzungen – zwischen Eli und Peter oder zwischen Jeanne und ihrem Vater Charles, der die finanzielle Schieflage der Ranch nicht wahrhaben will, doch Meyers Augenmerk liegt vor allem darauf, für sein Epochenbild Mosaikstein an Mosaikstein zu fügen.

Viel erfährt man so über das Zerlegen von Bisons, das Melken von Klapperschlangen oder die professionelle Herstellung von Pfeilen. Und viel über das (Liebes-)Leben der Comanchen, die den jungen Eli verschleppen und ihn zu einem der Ihren machen – was seinen Ruf als "Indianerkrieger" nur festigt. Und natürlich ist das brodelnde Gemisch derjenigen, die sich Texas im Lauf der Jahre einverleiben wollen, kein Exempel für ein friedliches Miteinander, sondern für einen rauen Existenzkampf, in dem nur selten der siegt, der das Recht auf seiner Seite weiß. Die mexikanische Familie der Garcias bekommt das beispielhaft zu spüren.

Manchmal überinstrumentiert, manchmal in Fachwissen verstrickt, ist "Der erste Sohn" dennoch ein Wurf, keine Frage. Eine Reanimierung des Westerns in Buchform und eine Lehrstunde in amerikanischer Geschichte, am Beispiel der McCulloughs.

Philipp Meyer: Der erste Sohn
Roman
Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog
Knaus Verlag, München 2014, 607 Seiten, 24,99 Euro

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