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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.03.2014

BelletristikLiebesreigen mit Musik

Margriet de Moor: "Mélodie d'amour"

Von Sigrid Löffler

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Ein Herz im Sand (picture-alliance/ ZB)
Margriet de Moors Figuren werden vom Einbruch der reinen Irrationalität getroffen. (picture-alliance/ ZB)

Die niederländische Schriftstellerin Margriet de Moor erzählt mit leisem Humor und viel Lebenserfahrung mehrere ineinander verschachtelte Liebesgeschichten. Ihre Figuren sind eher Opfer ihrer eigenen Wahl. Musikalisch ist nicht nur der Titel des Buches "Mélodie d'amour", sondern auch der Aufbau des Werks.

Erst mit 50 Jahren, 1991, veröffentlichte Margriet de Moor ihren ersten Roman ("Erst grau dann weiß dann blau"). Seither ist sie eine der produktivsten Autorinnen des Landes und eine internationale Erfolgsschriftstellerin, die bisher fast ein Dutzend Romane und Erzählungsbände veröffentlicht hat. Ihr besonderes Interesse für Musik und Kunstgeschichte macht sich in vielen ihrer Bücher bemerkbar, etwa in dem Künstlerroman "Kreutzersonate" (2002) sowie in dem Rembrandt-Roman "Der Maler und das Mädchen" (2011).

Musikalisch ist nicht nur der Titel von Margriet de Moors jüngstem Roman "Mélodie d'amour"; musikalisch, nämlich in Rondo-Form, ist auch der Aufbau des Werks. Viermal wird die Liebesmelodie als Leitmotiv variiert, in vier scheinbar absichtslos, aber in Wahrheit raffiniert miteinander verknüpften Kapiteln.

Die Figuren der einen Geschichte tauchen in den anderen Geschichten wieder auf, und alle Protagonisten, so scheinbar bürgerlich vernünftig sie ihr Leben führen, werden doch vom Einbruch der reinen Irrationalität, der puren chaotisierenden Willkür betroffen - nämlich von der Liebe, die weder erklär- noch steuerbar ist, sondern sich mit Wucht die Seelen der Liebenden untertan macht. Die Helden sind Ehe- und Liebespaare, es geht um Seitensprünge und Ehebrüche, um Affären und Scheidungen, um unterschiedliche Spielarten der Liebe - die besessene, die verrückte, die langmütige und geduldige, die erfüllte, die unerfüllte, sehnsüchtige Liebe.

Dreh- und Angelfigur dieses aus vier unterschiedlichen Perspektiven erzählten Liebesreigens ist Luuk, von Beruf Stadtarchäologe in Amsterdam. Er ist der Sohn, der den Liebesbruch im Leben seiner Eltern Gustaaf und Atie miterlebt hat - Gustaaf hat Atie mit der Untermieterin betrogen, diese sogar geheiratet, ohne je aufzuhören, Atie bis zum Tod zu lieben. Luuk, verheiratet mit der viel betrogenen Myrte, ist zugleich das Objekt der Begierde der Lehrerin Cindy, die ihm auf den ersten zufälligen Blick im Café verfällt und ihn bis zur jämmerlichen Würdelosigkeit als Stalkerin verfolgt, auch als Luuk längst eine andere Geliebte hat, Roselynde.

Diese Roselynde - eine Männerfrau, geschieden und mit vielen beiläufigen Affären - hütet ein mörderisches Geheimnis, die Liebe zu ihrem toten Bruder, in dessen Namen sie zwei Menschen ums Leben und um ihr Glück gebracht hat. Und dann ist da auch noch die selbstlose, barmherzige Myrte, die liebt, ohne Ansprüche zu stellen. Sie hat dem sterbenden Vater ihrer Jugendfreundin einen letzten Liebesmoment geschenkt; und sie erbarmt sich sogar der liebesverrückten Cindy, die draußen im Regen auf Luuk lauert, und bittet sie ins Haus.

Margriet de Moor erzählt diese Episoden mit leichter Hand, mit Nachsicht und Sympathie für ihre Figuren, die eher Opfer ihrer Liebeswahl sind, als wirklich selbst zu wählen. Sie psychologisiert nicht, sie pathologisiert nicht, sie erklärt nicht, sie urteilt nicht. Sie erzählt einfach - mit ihrer ganzen Lebensklugheit und Erfahrung und mit leisem Humor. Ein wunderbares Buch ist ihr dabei gelungen.

Margriet de Moor: "Mélodie d'amour"
Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
Carl Hanser Verlag, München 2014
378 Seiten, 21,90 Euro

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