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Lesart / Archiv | Beitrag vom 27.02.2019

Bela Felsenheimer: "Scharnow" Der etwas andere Heimatroman

Von Gerrit Bartels

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Das Buchcover von Bela B Felsenheimers "Scharnow" (imago / Heyne)
An Einfällen mangelt es Bela B nicht, er hat Sinn für Klamauk, Action und Absurditäten. (imago / Heyne)

"Ärzte"-Schlagzeuger Bela B Felsenheimer schreibt in seinem Debüt „Scharnow“ über seltsame Typen in der ostdeutschen Provinz. Gespickt mit skurrilem Klamauk und Action, ist "Scharnow" gekonnte, kurzweilige Unterhaltung.

Dass es turbulent zugeht in diesem ersten Roman des Ärzte-Schlagzeugers Bela B Felsenheimer, das kann man schon an dem sechsseitigen Personenverzeichnis ablesen, das von A wie "Agent" bis hin zu Z wie "Zuchonns, Rowitha" und den sogenannten Eichhornmännern Zoyxe und Manadarius weit über 50 Figuren und Schauplätze kurz vorstellt. Und auch der Prolog hat es in sich.

Nichts als Trash und Horror 

Da hat der Literaturblogger Horst Wassmann eine Sendung mit einem Buch zur Besprechung bekommen, wie er glaubt; da muss er jetzt zum Frühstück noch auf die Schnelle drei Rezensionen über je 1.500 Zeichen verfassen, ohne die Bücher vernünftig gelesen zu haben, wie er stöhnt; und da bekommt er nach und nach den Eindruck, dass das seltsame Buch, das er gerade aus dem Postkasten geklaubt hat, ihn irgendwie an der Arbeit hindern will.

Und dann holt er sich erstmal ein Bier, "und das war der Moment, als das Buch zum Angriff überging".

Horst Wassermann verschwindet aus Bela Bs Roman, er stirbt, das aggressive Buch hat seine Pflicht erfüllt, es geistert weiter durch "Scharnow". Und neue, langlebigere Figuren nehmen Wassermanns Platz ein: der syrische Flüchtling Hamid zum Beispiel, der in einem Internetcafé und einem Supermarkt jobbt.

Kalle, Pit, Sieben und Niels, die sich zu einem "Pakt der Glücklichen" zusammengeschlossen haben, in einer WG mehr hausen als leben und nichts anderes machen, als sich den lieben langen Tag zu betrinken und irgendwelche Trash- und Horrorfilme anzuschauen.

Oder Sylvia Pathé, die als Kassiererin in dem Billkauf arbeitet, in dem auch Hamid aushilft, die aber vorher ein glamouröseres Leben hatte.

Überfall mit Masken, ansonsten nackt

Es sind oft lustige, witzige, durchaus realistische Episoden, die Bela B. hier in stets kurzen Kapiteln aus dem Alltag seiner Figuren erzählt. Dabei sind die Schauplätze seines Romans zwei fiktive Brandenburger Gemeinden: das titelgebende 4.200-Seelen-Dorf Scharnow und die nicht weit davon entfernt liegende Kreisstadt Sahsenheim, die auch ein Szenecafé und eine Polizeiwache beheimatet.

Es gibt schließlich hier einen Toten, dort einen Polizeieinsatz, es gibt hier eine Art Supermann, der die beiden Orte heimsucht, und dort die Aktivisten des BsB, des "Bundes skeptischer Bürger", die einen Anschlag planen, und einer der Höhepunkte des Romans ist ein Supermarktüberfall, den die "Glücklicher-Pakt"-Mitglieder nur mit Masken über dem Gesicht und ansonsten nackt begehen.

Man merkt, wie Bela B sich einerseits bemüht, die deutsche Provinz in ihrer ganzen realistischen Tristesse abzubilden, ihr andererseits eine eigene, skurrile Note zu geben. Einen "Heimatroman mit Fantasy-Elementen" habe er schreiben wollen, sagt Bela B, und das trifft es ganz gut.

An Einfällen mangelt es ihm nicht, er hat Sinn für Klamauk, Action und Absurditäten, und dass er ein Comic-Fan genauso wie ein Connaisseur des spaßigen Trash ist, lugt hier aus vielen der Kapitel hervor.

Vergnügen bei der Lektüre

Was man "Scharnow" allerdings anmerkt: Die eigentliche Geschichte, die Bela B erzählt, schlackert doch ein wenig. Es hakt hier, es hakt da, eine wirklich durchgehende Handlung hat sie nicht.

Am Ende wirkt es ein bisschen so, als sei hier mit viel Gewalt ein roter Faden hereingezogen worden, als seien die vielen kleinen hübschen Szenen notdürftig verbunden worden, ja, als sei es die Natur von Agenten, Supermännern, Eichhörnchen und auch den vier glücklichen Pakt-Mitgliedern, dass sie ohne einander gar nicht könnten.

Doch was macht das schon? Dem Vergnügen bei der Lektüre dieses Buches hat der dünne Erzählfaden keinen Abbruch getan. Auch B-Movies schaut man sich ja nicht an, weil sie eine schöne, nachvollziehbare Geschichte erzählen, gar neue Erkenntnisse liefern. Und besser schreiben als viele seiner Pop-Kollegen, die seit einigen Jahren als Buchautoren hervortreten, kann Bela B Felsenheimer allemal.

Bela B Felsenheimer: "Scharnow"
Heyne Hardcore, München 2019
414 Seiten, 20 Euro

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