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Buchkritik | Beitrag vom 13.03.2020

Bejamin Labatut: "Das blinde Licht. Irrfahrten der Wissenschaft"Wissenschaft aus der poetischen Perspektive

Von Gerrit Stratmann

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Das Bild zeigt das Cover des neuen Buchs von Benjamin Labatut. Es heißt "Das blinde Licht. Irrfahrten der Wissenschaft". (Suhrkamp / Deutschlandradio)
Das Buch von Benjamin Labatut wirft ein neues Licht auf bedeutende wissenschaftliche Ereignisse. (Suhrkamp / Deutschlandradio)

In einer genialen Mischung aus Essay und Erzählung erzählt Benjamin Labatut von Grenzüberschreitungen in der Wissenschaft, bei denen Verstand oder Realität auf der Strecke blieben. Dem Schriftsteller gelingt eine betörende Nähe zu seinen Protagonisten.

Mit fiktionalen Mitteln beleuchtet Benjamin Labatut wissenschaftliche Ungeheuerlichkeiten. "Das blinde Licht" versammelt vier spannende Geschichten über Grenzüberschreitungen, in denen unsere Menschlichkeit, unser Verstand oder die Realität auf der Strecke bleiben.

Es sind vier unabhängige Texte mit sehr unterschiedlichem Charakter, die der in den Niederlanden geborene und in Südamerika lebende Schriftsteller über vergangene wissenschaftliche Entdeckungen und ihre Folgen verfasst hat.

Ein Gift und drei Wissenschaftler 

"Preußischblau", der erste Text, ist eher Essay als Erzählung. Seine Hauptfigur ist kein Mensch, sondern ein Gift: Cyanid – Grundlage für Zyankali, Zyklon B und Blausäure, gewonnen aus dem Pigment eines zuerst 1782 künstlich hergestellten Farbstoffs, dem Titel gebenden Preußischblau.

Die anderen drei Texte stellen reale Akteure in den Mittelpunkt. Karl Schwarzschild, der in Einsteins gerade veröffentlichten Formeln der allgemeinen Relativitätstheorie einen ungeheuerlichen Zustand entdeckt: die Singularität, eine Grenze, hinter der die bekannten Gesetze von Zeit und Raum ihre Gültigkeit verlieren.

Alexander Grothendieck hingegen ist auf der Suche nach einer neuen Art von Mathematik. Bis er eines Tages seine Forschungstätigkeiten aufgibt, um ein Leben als Eremit zu führen. Erwin Schrödinger und Werner Heisenberg ringen im vierten und letzten Text im Buch um ein Verständnis der noch jungen Quantenmechanik.

Intensive, traumhafte Begebenheiten

Orte, Namen und Fakten dieser historischen Ereignisse sind bekannt, aber noch nie sind sie so erzählt worden wie hier. Unter Benjamin Labatuts Feder verdichten sich die Ereignisse zu intensiven, traumhaften Begebenheiten.

Wie Heisenberg rastlos im Fieberwahn über Helgoland irrt, das erinnert an Lenz‘ Streifzüge durchs Gebirge bei Georg Büchner. Und Grothendiecks plötzliche Abkehr von der Mathematik gleicht einem Schauermärchen, das von Wahnsinn und Entrückung handelt, und von verbotenem Wissen über den Urgrund aller Dinge.

Was Benjamin Labatut beschreibt, sind keine "Irrfahrten der Wissenschaft", wie der deutsche Untertitel suggeriert. Eher stellt er Momente dar, an denen Menschen drohten, irre zu werden.

Der Autor wirft einen Blick auf das Unbegreifliche, auf Situationen, in denen Wissenschaft ihre Wissenschaftlichkeit zu verlieren scheint, in denen Grenzen überschritten werden, Regeln sich auflösen, das Ungewisse Einzug hält oder sich ein Blick aufs Metaphysische auftut.

Eine neue Sicht auf die Wissenschaft

Minutiös schildert er Gemütslagen und persönliche Erlebniswelten seiner historischen Protagonisten. Durch diese fiktionale Überhöhung schafft Labatut eine betörende Nähe und Unmittelbarkeit. Und im besten Fall ein tieferes, beinah poetisches Verständnis von dem, was Schwarzschilds Singularität oder Heisenbergs Unschärferelation tatsächlich für unsere Wirklichkeit bedeuten.

Bejamin Labatut: "Das blinde Licht. Irrfahrten der Wissenschaft"
Aus dem Spanischen von Thomas Brovot
Suhrkamp, Berlin 2020
192 Seiten, 22 Euro

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